SZ: Erinnern Sie sich an den Satz mit den Nazis und dem Dosenöffner?
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Allen: Welchen meinen Sie?
SZ: In "Hannah und ihre Schwestern" sagt Mickeys Vater: "Woher zum Teufel soll ich wissen, warum es die Nazis gegeben hat? Ich weiß nicht mal, wie ein Dosenöffner funktioniert." Wie kommt man auf solche Epigramme?
Allen: Das ist mein Beruf. Ich schreibe Komödien. Eigentlich bin ich (er hustet) ein ganz ernsthafter Mensch, vielleicht auch ein bisschen melancholisch. Diese Melancholie sickert in die Komödie ein, so dass es zu solchen epigrammatischen Sätzen kommt. Es muss ja nicht immer ein Witz über eine hübsche Frau sein oder über meine Schwiegermutter und so Zeug. Oft wird es ein Witz darüber, wie sinnlos das Leben ist oder wie traurig oder, wie in diesem Fall, ein Witz über das Phänomen des Nationalsozialismus.
SZ: Kann das komisch sein?
Allen: Ich sage ja, es sickert in das Komische ein, und dann wird blitzartig deutlich, wie grausam das Leben ist. Manchmal beschäftigt mich diese düstere Seite des Lebens. Obwohl meine eigentliche Begabung darin besteht, die Leute zu unterhalten.
SZ: Das ist aber nicht die grelle Unterhaltung der Sitcoms, sondern eher intellektuell.
Allen: Wegen der hier (er fasst sich an die Brille) halten mich die Leute für einen Intellektuellen.
SZ: Ein wichtiges Requisit für die Filmfigur Woody Allen.
Allen: Ich sitze jetzt hier vor Ihnen, und bemühe mich, ernsthafte Fragen ernsthaft zu beantworten. Zu Hause in New York bin ich anders, ganz anders. Da eile ich keineswegs von der Arbeit nach Hause, weil ich darauf brenne, endlich Hegel oder Kierkegaard zu studieren. Mit so schweren Sachen gebe ich mich nicht viel ab. Nein, ich führe das typische Leben eines Nicht-Intellektuellen. Ich sitze bequem im Sessel, rechts habe ich ein Bier stehen, der Fernseher läuft, ich schaue mir ein Baseballspiel an und interessiere mich für nichts anderes als das Spiel. Ich verbringe meine Freizeit mit Baseball, mit Fernsehen, oder ich spiele Klarinette, was alles andere als ein intellektuelles Hobby ist.
SZ: Das hat sich geändert. Seit Sie spielen, ist die Klarinette ein intellektuelles Instrument geworden.
Allen: Schon richtig, die Leute kommen, weil sie unsere Jazzband sehen wollen. Kurz vor Weihnachten treten wir übrigens in Dresden auf.
SZ: Hatten Sie nie Bedenken, nach Deutschland zu kommen?
Allen: Nein, da gab es kein Zögern. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ich allerdings radikal antideutsch. Für meine damaligen Begriffe waren es nicht die Nazis. Sondern das ganze deutsche Volk hat sich an dem beteiligt, was geschehen ist!
SZ: Das ist ja nicht ganz falsch.
Allen: Ich glaubte, dass das ganze Volk von der nationalsozialistischen Ideologie durchtränkt war. Mittlerweile aber hat sich Deutschland zu einem der demokratischsten, freiesten und aufgeklärtesten Länder in der westlichen Welt entwickelt.
SZ: Sie schmeicheln Ihrem Besucher.
Allen: Aber es stimmt. Natürlich war das nicht immer meine Überzeugung, aber heute ist Deutschland ein besonders freies und demokratisches Land, das in jeder Hinsicht aus seiner Vergangenheit gelernt hat und empfindlich auf jede Andeutung von Faschismus reagiert.
SZ: Sie haben einmal gesagt: "Unsterblichkeit möchte ich nicht durch meine Werke erreichen, sondern indem ich ewig lebe."
Allen: Vielleicht ist die Kunst ja der Katholizismus des aufgeklärten Intellektuellen. Damit kann er nämlich wieder an ein Leben nach dem Tode glauben. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, ob ich ewig leben will. Wenn ich so etwas sage, wird mir sofort vorgehalten: "Deine Filme werden noch laufen, wenn du schon lange gestorben bist." Tut mir leid, das reicht mir aber nicht. Mir wär's lieber, wenn ich jung und gesund sein und mein Leben genießen könnte. Wenn dafür meine Filme nicht mehr laufen, bitte. Kunst ist doch eine Illusion, genauso wie diese katholische Lösung mit Himmel und Hölle! Was habe ich denn davon, wenn in fünfzig Jahren im Fernsehen ein Film von mir läuft, ich aber tot bin?
SZ: Sie vielleicht nicht, aber das Publikum freut sich doch.
Allen: Das Publikum freut sich, wenn es einen guten Film zu sehen bekommt, aber für den Autor, für den Schöpfer des Films lindert dieser Erfolg die Sinnlosigkeit des Lebens kein bisschen.
SZ: Ist das Leben sinnlos?
Allen: Ja. Wenn man ehrlich ist, dann ist das Leben sinnlos. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich irgendwie damit einzurichten, sich trotzdem ein bisschen zu amüsieren, obwohl man weiß, dass alles absolut willkürlich und sehr sinnlos ist. Manche können das, manche sagen sich einfach, ich brauche sonst nichts, ich mache mir deswegen keine großen Gedanken, sondern genieße das Leben. Ich will es gut haben, glücklich sein, und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Auch gut. Andere grübeln, weil sie sich nicht damit abfinden können. Zu denen gehöre ich.
SZ: Wenn Sie noch einen einzigen Film machen dürften, wie müsste der aussehen?
Allen: Ein bedeutender Film braucht ein wichtiges Thema, und die einzigen wichtigen Themen sind die von Leben und Tod, Existenzfragen, Fragen, die sich mit dem Verhältnis von Männern und Frauen beschäftigen. Politische Themen wie soziale Ungerechtigkeit und dergleichen sind schon in Ordnung, aber zweitrangig. Wichtig sind andere Fragen. Warum sind die großen russischen Romane so tief? Weil sie sich mit den Existenzfragen beschäftigen, mit dem Verhältnis, das der Mensch zu Gott hat, mit der Frage, wie er ohne Gott zurechtkommt, wo sein Platz im Universum ist.
SZ: Die Ingmar-Bergman-Fragen.
Allen: Ingmar Bergman ist der große Filmemacher, weil er es geschafft hat, diese großen Themen in kommerziellen Filmen zu behandeln. Bei ihm wirken die großen Menschheitsthemen unterhaltsam. Bergman war kein Lehrer, er gab keine Hausaufgaben in abendländischer Philosophie auf, sondern er verstand es, die Zuschauer zu unterhalten, ohne dabei auf den Ernst der Sache zu verzichten. Wenn ich also nur noch einen Film übrig hätte, dann würde ich so einen Film machen.
SZ: Wie Bergmans "Siebtes Siegel"?
Allen: Genau. Wer würde nicht diesen Film machen wollen?
SZ: Trotzdem sagen Sie, dass Sie am liebsten vor dem Fernseher sitzen und ein Bier trinken. Sie suchen doch nach einer Bedeutung, nach einem Sinn des Lebens.
Allen: Ich bekenne mich zum Eskapismus. Ich flüchte mich in den Sport und vor den Fernseher. Dass ich so viel arbeite, ist ein weiterer Beweis für mein Fluchtverhalten. Ich sitze nicht brütend zu Hause und denke mir: "O, was für ein schreckliches Los!" Das hilft ja doch nichts. Stattdessen hänge ich mich rein, arbeite, arbeite, arbeite, verliere mich in der Sportberichterstattung, arbeite wieder, spiele Klarinette. Lauter Ablenkungen.
SZ: Ihre Filme, Ihr Leben: Alles Ablenkung, mehr nicht?
Allen: Wir brauchen alle unsere Ablenkungen. Ich sage Ihnen was: Das Leben besteht aus nichts anderem!
Der 1935 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Woody Allen begann seine Karriere als Gagschreiber, unter anderem für den Fernsehunterhalter Ed Sullivan. Allen veröffentlicht bis heute Kurz- und andere komische Geschichten. Er inszeniert Opern, tritt als Schauspieler auf, aber vor allem dreht er seit vierzig Jahren die besten Filme, die es im Kino zu sehen gibt - unter anderen "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten"(1972), "Der Stadtneurotiker" (1977), "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" (1990) und "Match Point" (2005). Gerade kam "Vicky Cristina Barcelona" ins Kino, sein dritter Film mit Scarlett Johansson. Allen spielt auch Klarinette. Am 19. Dezember gibt er mit seiner Jazz-Band sein einziges Deutschland-Konzert in Dresden.
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(SZaW vom 06./07.12.2008/jb)
Bundespräsident Gauck in Israel
Was für ein langweiliges und uninspiriertes Interview. Wie schafft es Woody Allen, geduldig immer wieder die selben langweiligen und dummen Fragen zu beantworten? Der Mann hätte so viel zu erzählen und dann lässt man einen Willi Winkler auf ihn los. Grausam!