Im Gespräch: Vincent Cassel "Eitelkeit ist völlig normal"

Im Tanz-Psychogramm "Black Swan" spielt Vincent Cassel den manipulativen Choreographen, der Natalie Portman in den Wahnsinn treibt. Ein Gespräch über schäbige Männer und die Welt des Balletts.

Interview: Alexander Menden

Dem Franzosen Vincent Cassel ist gelungen, was nicht vielen kontinentaleuropäischen Schauspielern glückt: Er hat sich sowohl im europäischen als auch im amerikanischen Kino etabliert. Seit er 1995 als Ghetto-Kid in Mathieu Kassovitz' "Hass" erstmals auf sich aufmerksam machte, hat der heute 44-Jährige in Kostümfilmen wie "Elizabeth", Blockbustern wie "Ocean's Twelve" und "Public Enemy No. 1", aber auch im kontroversen Rachedrama "Irreversibel" eine erstaunliche darstellerische Bandbreite unter Beweis gestellt. Cassel führt damit eine familiäre Tradition fort: Schon sein Vater Jean-Pierre Cassel verband eine französische mit einer Hollywood-Karriere. In Darren Aronofskys grellem Ballett-Psychogramm "Black Swan" spielt Vincent Cassel den machiavellistischen Choreographen Thomas Leroy, der seinen Teil zur mentalen Zerrüttung der Hauptfigur Nina beiträgt.

Ihr zweites Gesicht

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SZ: Haben Sie sich vor "Black Swan" schon einmal mit Ballett befasst?

Vincent Cassel: Ich bin damit aufgewachsen. Mein Vater tanzte in Bühnenproduktionen, und mein Stiefvater war Choreograph. Ich selbst hatte eine siebenjährige Tanzausbildung, klassisches Ballett, jeden Tag. Ich nahm das sehr ernst, obwohl ich nie Tänzer werden wollte. Aber für die Schauspielerei war es eine gute Grundlage - man lernt, sich bewusst im Raum zu bewegen.

SZ: Sind Sie deshalb ein so körperbetonter Darsteller?

Cassel: Das höre ich öfter, aber ich weiß nicht genau, was es bedeutet. Soll ich nur Action-Filme machen?

SZ: Ihr Körper ist eben genauso ausdrucksstark wie Ihre Mimik.

Cassel: In dem Sinne kann ich mich mit der Beschreibung schon identifizieren. Man sollte in einer Szene, auch im Text, physisch präsent sein. Das machte die Arbeit an "Black Swan" für mich einfacher. Zur Vorbereitung ging ich zurück an die Ballettstange, machte Dehnübungen. Aber ich musste nicht bei null anfangen.

SZ: Ihre Figur Thomas Leroy hat viel Exposition zu schultern. Am Anfang erklärt er zum Beispiel einem Raum voller professioneller Tänzer, was in "Schwanensee" passiert. War es eine Herausforderung, das überzeugend zu gestalten?

Cassel: Eigentlich nicht, denn er hat ja zugleich einige der besten Dialogzeilen. Er ist so eine Art Stimme des Films. Was mich an der Rolle gereizt hat, war unter anderem, dass Leroy - der Name ist ja kein Zufall - den Raum betritt und alle Tänzerinnen ziehen erst mal ihre Jäckchen aus. Das fühlt sich gut an. Und darum geht es mir als Schauspieler: Jede Situation, jede Szene zu genießen.

SZ: Wie so viele Ihrer Rollen ist Leroy nicht sehr sympathisch. Müssen Sie eine Figur eigentlich mögen, um sie spielen zu können?

Cassel: Nein, ich muss sie nur verstehen. Das läuft bei mir wiederum über das Ausagieren. Manchmal probt man etwas, nimmt einen Gegenstand in die Hand, legt ihn woandershin - und plötzlich klickt es und man denkt: "Aha, er tut das, weil er einen Mutterkomplex hat." Aber jemanden wie den Gangster Jacques Mesrine, den ich in "Public Enemy No. 1" gespielt habe, kann man einfach nicht mögen. Manchmal erscheint er zwar unglaublich cool, zum Beispiel, als er dieses kanadische Hochsicherheitsgefängnis frontal mit Handgranaten angreift. Aber er steckt eben auch seiner Frau eine Pistole in den Mund. Ich will all diese Dinge mit der gleichen Intensität zeigen, dann kann sich der Zuschauer sein eigenes Bild machen.

SZ: Leroy ist kein klassischer Bösewicht, aber er ist eitel und manipulativ.

Cassel: Eitelkeit ist beim Ballett völlig normal. Wenn man sich mit Tänzern unterhält und zufällig mit dem Rücken zu einem Spiegel steht, schauen sie einem immer über die Schulter, um zu checken, ob ihr Haar richtig sitzt und ziehen eine verführerische Schnute - alles Sachen, die andere Menschen höchstens machen, wenn sie allein im Aufzug stehen. Natalie Portmans Figur Nina ist allerdings weniger von Eitelkeit als von einem neurotischen Erfolgswillen getrieben. Ihre Psyche bekommt unter diesem Druck Risse, und das zieht Leroy an. Ihr Wohlergehen ist ihm dabei egal. Er will nur ihre geistige Zerbrechlichkeit ausnutzen, übernimmt aber keine Verantwortung für die Folgen. Insofern ist er ein ziemliches Ekel. Die ältere Primaballerina Beth, die Winona Ryder spielt, behandelt er ja ebenfalls schäbig. So sind Männer eben. Man hat eine Affäre, sie endet, und man will die Frau einfach nicht mehr sehen.

SZ: Obwohl der Film mit Genre-Versatzstücken arbeitet, ist "Black Swan" nicht leicht einzuordnen ...

Cassel: Ich dachte bei dem Skript sofort an Polanskis "Der Mieter" - einen Film, den ich liebe. Aber als ich den fertigen Film zum ersten Mal sah, war er viel beunruhigender, aufreizender und barocker, als ich erwartet hatte. Darren Aronofsky hat sich da offensichtlich an Regisseuren wie Dario Argento, Paul Verhoeven und David Cronenberg orientiert. Natalie hat ein paar ziemlich schockierende Szenen, in denen es um Fingernägel geht - das hat mich sehr an Cronenbergs "Die Fliege" erinnert. Mit David drehe ich gerade. Ich muss ihn unbedingt mal fragen, was er von "Black Swan" hält.

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