SZ: Sie glauben, es gibt dort keine unschuldige Kommunikation mit Leuten, mit denen man noch nie schlafen wollte?

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Soderbergh: Nein! Das ist eine gigantische Bar. Was ich beunruhigend finde - für meine Tochter, für diese Generation - ist die Erosion der Vorstellung von Privatheit - dass man manche Dinge nicht öffentlich diskutiert, sie nur den Leuten gehören sollten, die sie erlebt haben.

SZ: Die Erfahrung, dass Geständnisse im Internet für immer öffentlich sind und zehn Jahre später wieder auftauchen, haben die Leute ja noch nicht gemacht.

Soderbergh: Wahrscheinlich kommt es daher, dass die Welt so irre und so groß und so überfüllt ist - eine Frage des Egos, man fühlt sich so weniger irrelevant, lädt seine Gedichte und Fotos auf Facebook hoch und ist kein Niemand mehr. Ich finde es ganz interessant. Diese Generation wird jedenfalls ganz anders als wir.

SZ: Wie wird ihr Verhältnis zum Kino sein?

Soderbergh: Fürs Kino ist das sicherlich keine gute Entwicklung. Das Kino erfordert eigentlich die volle Aufmerksamkeit, man schaut sich einen Film nicht nebenher an, und man kriegt Leute immer schwerer dazu, zwei Stunden lang in dieselbe Richtung zu starren, zu viele Reize buhlen um ihre Aufmerksamkeit. Es wird mit Filmen sein wie mit dem Musikalbum - das ist verschwunden, denn da sich ohnehin keiner mehr eine Platte von vorn bis hinten anhört, gibt es auch keine mehr, die tatsächlich ein Konzept haben.

SZ: Stattdessen werden nur einzelne Titel angeklickt. Das Kino wird auf YouTube auch schon in Szenen zerlegt - und die Erzählstrukturen entwickeln sich in manchen Filmen dahin, dass man zehn Minuten rausgehen kann und nichts verpasst. Aber glauben Sie nicht, dass die Leute die gemeinsame Erfahrung im Kino vermissen würden?

Soderbergh: Doch. Und eigentlich muss ich gegen mich selbst argumentieren - zumindest in den Staaten ist das Wiederauftauchen der langen Formen schon überdeutlich. Es gibt im Fernsehen Serien, die dauern zwanzig Stunden, und die Leute lieben diesen Erzählbogen. Vielleicht entsteht ein neues Gleichgewicht. Der Wert der Exklusivität ist verlorengegangen, alles soll jederzeit verfügbar sein, und ich halte das nicht mal für ein gutes Geschäftsmodell - man sollte vielleicht Dinge nicht gleich bekommen können. Es gibt so etwas wie zu viele Wahlmöglichkeiten, einen Algorithmus, der festlegt, wie viel Auswahl einen überfordert. Ich stehe dauernd vor meinem DVD-Regal und weiß nicht, was ich anschauen soll. Ich sehe immer wieder dieselben zehn Filme.

SZ: Wie beim iPod.

Soderbergh: Ja, aber der hat wenigstens eine Shuffle-Funktion.

SZ: Was schauen Sie immer wieder an?

Soderbergh: "Hiroshima mon amour" ist immer noch dabei. Aber ich gehe auch immer noch oft ins Kino, um zu wissen, was gemacht wird. Und manchmal sitzt man eben da und denkt: Mein Gott, was war das denn? - und fühlt sich alt. So will ich eigentlich nicht sein. Als ich mein Buch "Getting away with it" schrieb, sprach ich dafür mit Richard Lester und fragte ihn: Gab es jemals eine Generation, die nicht behauptet hat, früher sei alles besser gewesen? Und er sagte: Ja, in den Sechzigern - damals habe man gewusst, das ist die beste Zeit überhaupt, und sie wird bald vorüber sein. Fürs Kino waren die Sechziger das große goldene Jahrzehnt. Besser waren amerikanische Filme nie. Ich beziehe mich immer wieder auf diese Filme, weil ihre Freiheit ansteckend und berauschend ist.

SZ: Kann Sie dieser Rausch davon abbringen, tatsächlich in ein paar Jahren das Filmemachen aufzugeben, wie Sie seit einer Weile ankündigen?

Soderbergh: Es gibt noch eine Handvoll Projekte, die ich machen will, und dann glaube ich, werde ich nicht mehr wissen, wie die nächste Stufe dieser Kunstform aussieht, und dann will ich nicht weitermachen. Ich bin ja kein reiner Geschichtenenerzähler, ich brauche immer auch einen formalen Ansatz. Na ja, ich habe schon noch Ideen - aber die sind inzwischen oft so spezifisch, dass sie fast Privatsache sind, und das Kino ist keine Privatangelegenheit. Ich fände es interessant, mich einer anderen Kunstform so zu widmen, wie ich es mit dem Kino gemacht habe. Vielleicht werde ich Maler. Wenn es ohnehin nur 200 Leute interessiert - dann wäre ich lieber Maler. Wenigstens muss man keinen überzeugen, einen malen zu lassen. Beim Film muss man sich mit so viel Drumherum herumschlagen. Ich werde älter, und mein Gefühl für den Wert von Zeit steigt. Das ist eben so etwas, dass es mich anderen Kunstformen in die Arme treibt. Malen, Fotografie - meinetwegen Tanz!

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  1. "Kino ist keine Privatsache"
  2. Sie lesen jetzt Eine Frage des Egos
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(SZ vom 5.11.2009/iko)