Im Gespräch: Steven Soderbergh "Kino ist keine Privatsache"

Oscar-Gewinner Soderbergh spricht über seinen neuen Film "Der Informant!" - und über die Schwierigkeit, Leute dazu zu bringen, zwei Stunden lang in eine Richtung zu starren.

Interview: Susan Vahabzadeh

Steven Soderbergh, 46, war das Wunderkind des Independent-Booms Anfang der Neunziger. "The Informant!" ist sein zwanzigster Film, inzwischen ist er Oscar-Gewinner und Liebling des europäischen Festivalbetriebs - und liebäugelt dennoch mit einem frühen Ruhestand.

SZ: Wer ist denn eigentlich auf den Gag gekommen, Mark Whitacre genüsslich lange deutsche Wörter vor sich hin sagen zu lassen, Sie oder Ihr Drehbuchautor Scott Burns?

Steven Soderbergh: Das sind meine Lieblingsmomente im Film - Kugelschreiber! Meiner ist auf dem Weg nach Europa kaputtgegangen, also war ich im Montblanc-Laden in Frankfurt und hatte dort ein Flashback: Kugelschreiber. Aber eigentlich stammt das vom echten Mark Whitacre.

SZ: Wie kamen Sie dazu, Whitacres bizarre Karriere zu verfilmen?

Soderbergh: Der Drehbuchautor Scott Burns hatte im Radio eine Sendung über ihn gehört, als Kurt Eichenwald sein Buch herausgebracht hatte. Ein sehr filmisches Buch. Ich mag es, wie es immer wieder Augenblicke gibt, wo man alles, was man bisher gehört hat, in neuem Licht betrachten muss. Das gefiel mir - eine Erzählerstimme, die die Geschichte nicht weiterbringt, sondern verwirrender macht. So funktioniert unser Verstand: Man sieht etwas und unsere Gedanken schweifen ab. Ich finde nicht, dass das Whitacre verrückt erscheinen lässt. Es lässt ihn ein wenig neben der Spur erscheinen, aber das ist jeder mal.

SZ: Na ja, die meisten Menschen sind allerdings nicht so weit neben der Spur wie dieser Informant des FBI, der glaubte, seine Unterschlagungen in der eigenen Firma würden nicht weiter auffallen und ihm dort letztlich den Direktorenposten bescheren.

Soderbergh: Er war wohl ein Extremfall . . .

SZ: Ist "The Informant!" die letzte Produktion von Section Eight, der Firma, die Sie mit George Clooney hatten?

Soderbergh: Ja. Wir haben in dieser Firma fast jeden Film auch tatsächlich gedreht, den wir entwickelt haben, das wird irgendwann zu viel. George produziert jetzt viel weniger, in einer neuen Firma mit Grant Heslov - und ich wollte gar nicht mehr produzieren. Ich hasse produzieren. Fürchterlicher Job.

SZ: Eigentlich ist es gut, dass Sie "The Informant!" erst jetzt gemacht haben - die Geschichte, ein realitätsferner Borderline-Patient als Führungskraft, passt zur aus den Fugen geratenen Wall Street.

Soderbergh: Ich denke, im Kapitalismus drückt sich eigentlich nur eine Seite der menschlichen Natur aus. Ich sehe darin keine rabenschwarze Weltverschwörung. Es gefällt mir nicht, dass wir wetteifern, dass wir so gierig sind, dass wir andere ausbeuten, um selbst weiterzukommen - aber ich glaube, dass diese Eigenschaften in uns sind. Das haben nicht die Konzerne erfunden. Menschen verhalten sich auch in einem Obdachlosenasyl so, man wird diese Eigenschaften nie los. Sobald man Regeln hat, wird jemand einen Weg finden, sie zu umgehen. Das hat mir an der Geschichte von Whitacre gefallen: Sie ist persönlich. Der Mann wäre in jeder anderen Umgebung genauso, die Firma hat ihn nicht dazu gemacht. An Verschwörungen glaube ich nicht. Vor allem nicht heutzutage, es gibt doch keine Geheimnisse mehr, das ist doch schrecklich. Ich meine, wie haben Leute heute eigentlich noch Affären? Man ist dauernd erreichbar und kann doch gar nichts mehr heimlich machen - "Hey, ich hab dir eine SMS geschickt, wo warst du?"

SZ: Der logistische Aufwand ist sicherlich beträchtlich gestiegen.

Soderbergh: Allerdings. Jede zwischenmenschliche Beziehung wird dokumentiert - ist das nicht alarmierend? Ich habe eine 18-jährige Tochter, die findet das normal. Ihre Beziehungen sind denen, die ich in ihrem Alter hatte, nicht mal ähnlich, sie ist viel reifer. Sie verarbeitet ihre Gefühle, während sie sie erlebt. Das kann ich immer noch nicht.

SZ: Denken Sie, das ist ein Phänomen der Internet-Generation?

Soderbergh: Dass man mit E-Mails sozusagen in Echtzeit kommuniziert, aber doch auf Distanz bleibt, kann bei emotionalen Fragen gut sein - oder auch nicht. Man kann jemandem vorsichtig beibringen, was einem nicht passt. Ich glaube immer noch an das direkte Gespräch, am besten, man ist tatsächlich im Raum.

SZ: Die Schnellverarbeitung von Emotionen, Nachrichten, Meinungen wird vom Internet jedenfalls beflügelt - nur die Rationalität nicht.

Soderbergh: Ja. Aber es ist prima zum Anbandeln. Ich werde dauernd gefragt, warum ich nicht auf Facebook bin, und sage: Ich bin verheiratet. Leute sind nur auf Facebook, weil sie die Leute suchen, mit denen sie zur Schule gegangen sind, die sie aber nie ins Bett gekriegt haben. Oder man sucht jemand Neues, mit dem man schlafen will. Ich wüsste nicht, wozu das alles sonst gut sein sollte.

Lesen Sie auf Seite 2, wie Soderbergh über die Zukunft denkt.