Im Gespräch: Shah Rukh Khan "Ich habe selbst geweint"

Shah Rukh Khan, der George Clooney Bollywoods, ist ein kleiner Mann mit Mädchenhändedruck, vor großen Gefühlen hat er keine Angst: ein Gespräch über Romantik und den Rassismus des Kinos.

Interview: C. von Bullion

Shah Rukh Khan ist halt nicht irgendwer, und wer von ihm empfangen werden möchte, sollte schon etwas Ausdauer mitbringen. Nach dreieinhalb Stunden aber, ganz selbstverständlich, lässt Shah Rukh Khan dann bitten. Er sitzt ein bisschen erschöpft, aber professionell gut gelaunt im Halbdunkel einer Riesensuite, ein kleiner Herr mit offenem Hemd und einem Mädchenhändedruck. Vor ihm auf dem Tisch blinkt pausenlos sein Blackberry. Er geht da nicht ran, und je länger er redet, desto melancholischer wirkt er.

SZ: Mister Khan, bei der Premiere von "My Name is Khan" in Berlin sind die Zuschauerinnen reihenweise in Tränen ausgebrochen. Warum lieben Frauen Sie so?

Shah Rukh Khan: Ich arbeite hart daran, die Leute zum Weinen zu bringen, übrigens nicht nur Frauen. Dass es klappt, liegt vielleicht auch daran, dass ich keine Angst vor großen Gefühlen habe. Ich habe beim ersten Anschauen meines Films übrigens selbst geweint, fünfmal sogar.

SZ: Im Film spielen Sie einen Moslem, der - wie Sie im echten Leben - eine Hindu geheiratet hat. In der ersten Szene sieht er aus wie ein Rucksackbomber am Flughafen, in der letzten ist er ein Held, dem Amerika applaudiert. Erzählen Sie da Ihren eigenen Lebenstraum: von Indien nach Hollywood?

Shah Rukh Khan: Ach nein, das ist zu utopisch. Im Film geht es um Vorurteile: um einen Mann, der sich komisch am Flughafen benimmt, er läuft seltsam, er sieht verdächtig aus. Und schon denkt man, aha, ein Terrorist. Auch die Leute im Film denken das, sie haben Vorurteile. Später wird klar, dass der Mann am Asperger-Syndrom leidet, das ist eine milde Form von Autismus. Und am Ende müssen die Zuschauer sich fragen, ob es richtig ist, einen Menschen nach seinem Aussehen, seiner Hautfarbe oder Religion zu beurteilen. Was meine Lebensträume angeht, glaube ich, dass Schauspieler universell einsetzbar sind. Gleichzeitig weiß ich nicht, ob ich auch universelle Anziehungskraft besitze. Wenn ich einen Traum habe, dann den, einen indischen Film zu drehen, der in der Welt gesehen wird - und so gut ankommt wie ein westlicher Film in Indien. Unsere Filme werden überwiegend in Asien gesehen, und mein Traum ist es, das indische Kino da rauszuholen.

SZ: Heißt das, Sie wollen vom Westen ernster genommen werden?

Shah Rukh Khan: Wir haben viel aus dem Westen bekommen, vor allem Technik, moderne Studios, das war enorm wichtig. Aber jetzt habe ich das Gefühl, es ist Zeit, etwas zurückzugeben. Nicht nur etwas Materielles, sondern den Aspekt des indischen Kinos, mit dem auch ich international bekannt geworden bin.

SZ: Ist Hollywood rassistisch?

Shah Rukh Khan: Nein, das nicht. Wissen Sie, wenn ich einen indischen Film schreibe, dann normalerweise nicht für einen amerikanischen Schauspieler. Im Film "Om Shanti Om" zum Beispiel, da muss der Hauptdarsteller ein Inder sein. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Oder Roberto Benigni, der ist phantastisch, aber er ist und bleibt eben Italiener. Welche Rollen könnten die aber schreiben für einen 1,75 Meter großen, dunkelhäutigen Asiaten, der so ein komisches Englisch spricht? Und ich bin 44.

SZ: Finden Sie das alt?

Shah Rukh Khan: Ich bin sicher, es gibt bessere Schauspieler in Hollywood, die 44 sind. Es gibt da auch niemanden, der einen Film über einen Asiaten macht, der weder Kung-Fu-Kämpfer ist noch tanzt wie John Travolta. Ich kann halt nicht tanzen wie John Travolta. Und ein Amerikaner kann nicht so romantische Filme machen wie ich.

SZ: Ihr neuer Film ist gar nicht so romantisch im Vergleich zu früher.

Shah Rukh Khan: Er ist dramatisch. Ich habe ja viele romantische Helden gespielt: spirituelle, verrückte, naive und süße. Und hier ist ein Liebhaber, der nicht lieben kann, oder es nicht ausdrücken kann. Er kann nicht weinen oder lächeln wie andere. Ich glaube, eine Frau kann sich trotzdem in ihn verlieben.

SZ: Im Film kommen Sie als armer Inder in den reichen Westen. In Wirklichkeit sind Sie ein Mittelstandskind.

Shah Rukh Khan: Ich komme aus einer Familie der unteren Mittelklasse, nicht sehr reich, aber wir hatten alles. Mein Vater war Rechtsanwalt und Geschäftsmann in Delhi und meine Mutter Jugendrichterin. Sie hat dann das Geschäft meines Vaters übernommen, als er tot war. Ich war da 15 Jahre alt, und als ich 25 war, ist auch meine Mutter gestorben. Ich habe eine ältere Schwester, wir haben uns gegenseitig großgezogen.

SZ: Klingt nach harten Zeiten.

Shah Rukh Khan: Ja, ich hatte viele harte Zeiten, aber auch doppelt gute Zeiten. Als meine Eltern starben, habe ich gebetet, dass sie wieder gesund werden. Als sie tot waren, war ich einsam und wusste nicht, wohin mit mir. Also habe ich wieder gebetet. Als es mir dann gut ging, habe ich Gott meistens vergessen. Und jetzt bin ich sehr reich, aber materielle Dinge, schicke Autos, teure Uhren und so, das bedeutet mir alles gar nichts. Meine Kleider gibt mir alle mein Regisseur. Ich würde nie in den Laden gehen und sie mir kaufen. Ich mag Geld - jeder sollte gut leben können, aber es gibt Wichtigeres.

SZ: Was bedeutet Ihnen Religion?

Shah Rukh Khan: Wir sind liberale Molems, man hat uns beigebracht, dass der Islam tolerant ist. Ich habe den Koran auf Arabisch gelesen, und mein Vater hat ihn mir auf Hindi erklärt. So habe ich Religion kennengelernt: freundlich, tolerant, ganz locker.

SZ: Gab es keinen Ärger, als Sie eine Hindu heiraten wollten?

Shah Rukh Khan: Ein paar Tage lang schon, aber dann bin ich mal zu den Verwandten hingefahren. Da haben sie, wenn auch zögernd, zugestimmt.

SZ: Sie haben sich dafür ausgesprochen, pakistanische Spieler in der indischen Cricket-Liga zuzulassen. Daraufhin haben radikale Hindus zu Boykotten aufgerufen, Ihre Filmplakate zerrissen.

Shah Rukh Kan: Es geht nicht nur um Cricket. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Indien Kontakte zu allen Nationen pflegen sollte, und zwar vor allem in Bereich Kunst, Kultur und Sport. Das ist manchmal noch schwierig, aber ich denke, wir sollten nicht aufgeben.

SZ: Es wurde eine Fatwa gegen Sie ausgesprochen. Ist das bedrohlich?

Shah Rukh Khan: Ja, das war natürlich keine frohe Botschaft. Aber es handelte sich um ein Missverständnis, man hatte ein Wort, das ich benutzte, falsch interpretiert. Ich nehme solche Auseinandersetzungen schon ernst. Aber Angst muss man sich nicht machen lassen.

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