sueddeutsche.de: Was macht Sie glücklich?

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Die neue Single der Berliner Band heißt "Pussy". (© Foto: Frederic Batier/oH)

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Kruspe: Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Leben zu leben - ein glückliches Leben oder ein bedeutungsvolles Leben. Ich stecke gerade dazwischen: Natürlich will ich ein bedeutungsvolles Leben leben, indem ich Musik mache. Auf der anderen Seite habe ich eine extreme Sehnsucht danach, glücklich zu sein. Aber beides kommt nicht zusammen.

sueddeutsche.de: Kann Musik nicht auch glücklich machen?

Kruspe: Die Art, wie wir uns mit Musik beschäftigen, hat immer etwas mit Leid zu tun. 80 Prozent der besten Musik sind unter Leid, Depression oder Drogeneinfluss entstanden. Auch meine kreative Kraft liegt in diesem Leiden. Selbst wenn etwas eigentlich schön ist, versuchst du, Leiden daraus zu kreieren. Weil schaffen bedeutet: du bist. Aus diesem Kreislauf kommst du nicht raus.

sueddeutsche.de: Das neue Album ist eindeutiger als die Alben zuvor. Haben Sie Angst, missverstanden zu werden?

Kruspe: Es gibt einen Punkt, in dem möchte ich nicht mehr missverstanden werden: Ich möchte nicht mit der rechten Seite in Verbindung gebracht werden - was uns früher oft unterstellt wurde. Alles andere ist mir egal. Nach vierzig Jahren weiß ich, wo ich stehe.

sueddeutsche.de: Haben Sie auch kein Problem, dass manche Fans auf kritische Lieder wie "Waidmanns Heil" abtanzen wie am Ballermann?

Kruspe: Wenn du schreibst, denkst du nicht daran, was mit deinem Song passiert - du hast sowieso keinen Einfluss darauf. Das zu verhindern, würde bedeuten, mich selbst zu zensieren.

sueddeutsche.de: Beim Musikmachen sind Sie hemmungslos?

Kruspe: Wir haben eine naive Spontaneität.

sueddeutsche.de: Da erwacht die Pubertät wieder.

Kruspe: Ja! Natürlich hat das auch etwas mit Kindsein zu tun. Kinder machen vieles spontan, ohne Angst, ohne zu überlegen. Dieses Gefühl haben wir manchmal mit Rammstein auch.

sueddeutsche.de: Sie verarbeiten in "Wiener Blut" das Inzestverbrechen in Amstetten und das Schicksal der entführten Natascha Kampusch. Was reizt Sie an solchen düsteren Themen?

Kruspe: Solche Geschichten schocken mich wirklich. Und ich bin außerdem auf eine etwas kränkliche Art sehr an den Hintergründen interessiert: Warum ist jemand in der Lage, so etwas zu tun? Mich haben an den Geschichten des Lebens immer die dunklen Seiten mehr interessiert.

sueddeutsche.de: Haben Sie im Ausland aus anderen Gründen Erfolg als in Deutschland?

Kruspe: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Leute, egal wo, ein Ohr für Authentizität haben. Gut, es klingt vielleicht auch exotisch für Ausländer, die deutsche Sprache zu hören in der Rockmusik. Aber das Gefühl, das man beim Hören eines Rammstein-Albums bekommt, ist global dasselbe.

sueddeutsche.de: Trotzdem könnte Ihr Album gerade im Ausland wieder die alte Angst vor den Deutschen schüren: lauter Gewalttäter und Sexmonster.

Kruspe: Na ja, wir haben ja auch eine humoristische Seite. Die sehen viele Leute im Ausland dann doch eher als in Deutschland. Und wir haben eine lyrische Seite. Die Menschen im Ausland haben ein extremes Interesse an der deutschen Sprache. Was die alles von Goethe lesen!

sueddeutsche.de: Warum, glauben Sie, haben viele Deutsche ein Problem mit Rammstein?

Kruspe: Die Leute im Ausland haben, anders als die Deutschen, einfach nicht das Problem mit ihrer eigenen belasteten Identität und Geschichte.

sueddeutsche.de: Als Sie vor Rammstein in der DDR mit Ihrer Band "Das Auge Gottes" Musik machten, fühlten Sie sich da als Widerstand?

Kruspe: In der DDR warst du ja schon Widerstand, wenn du überhaupt in einer Band gespielt hast. Schon der Stil, in dem man leben wollte, war Widerstand. Dass wir so zensiert wurden im Osten, ist vielleicht auch ein Grund für diesen extremen Drang nach Freiheit bei Rammstein.

sueddeutsche.de: Was würden Sie auf der Bühne machen, wenn Sie die Freiheit und das Geld hätten, alles zu tun, was Sie wollen?

Kruspe: Alles wäre wohl noch mächtiger. Es ist schade, dass "Pink Floyd" die Sache mit der Mauer gemacht haben. Ich hätte dazu extreme Lust gehabt, das großartig zu inszenieren. Das ist ja wie für uns geschrieben: Maueraufbau, Mauerfall.

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(sueddeutsche.de/rus)