sueddeutsche.de: Als Sie anfingen, standen Sie auf der Bühne, heute vermarkten sich junge Künstler vor allem online. Sie stellen ihre Lieder ins Netz. Ist die Website die Kneipenbühne dieses Jahrtausends?
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Nach dem Erdbeben in Haiti nahm Quincy Jones eine neue Version der von Michael Jackson und Lionel Ritchie geschriebenen Hitsingle "We are the World" auf. 1985 wurden mit dem Lied Spenden für Afrika gesammelt. (© AFP)
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Jones: Bei uns ging alles sehr viel weniger schnell. Und das ist okay, weil sich die Kunst von jemandem wie Ray Charles und Stevie Wonder ganz anders entwickeln konnte. Sie haben lange und hart an sich gearbeitet. Es war ein langer Prozess.
sueddeutsche.de: Dafür hat der Ruhm dann auch länger gehalten.
Jones: Eben deshalb.
sueddeutsche.de: Heute ist man innerhalb weniger Wochen auf der ganzen Welt berühmt.
Er nickt jetzt heftig, während er weiter in seiner Suppe rührt.
sueddeutsche.de: Hat das nicht ein ganz anderes Verhältnis zwischen Künstler und Produzenten zur Folge? Geht es heute mehr als früher darum, möglichst schnell möglichst viel Geld aus jemandem herauszupressen?
Jones: Herauszupressen? Wie soll das denn gehen? Du musst ihm einen Hit schreiben.
Jetzt lacht er wieder fast so laut wie bei seiner Mobiltelefon-Umfrage.
sueddeutsche.de: Aber gerade die Stars, die im Fernsehen gefunden werden, bekommen Knebel-Verträge mit irgendwelchen Produktionsfirmen - da geht es doch nicht um die behutsame Entwicklung eines Künstlers, sondern darum, schnell Geld zu machen, solange der Ruhm der Show noch anhält.
Jones: So etwas mag es geben. Aber ich denke nicht, dass es die Regel ist. Im Allgemeinen gibt es faire Verträge - und wenn ein Song ein Hit wird, dann verdienen alle Geld. Wenn er kein Hit wird, dann gibt es auch nichts auszuquetschen.
Okay, ein anderes Thema.
sueddeutsche.de: Die Plattenverkäufe sind seit Jahren im Keller . . .
Jones: . . . das ist vorbei. Nicht die Liebe zur Musik - aber als es noch Vinyl gab, war das eine völlig andere Situation als mit der digitalen Verbreitung. Jede CD ist eine Masterplatte - man kann sie endlos kopieren.
sueddeutsche.de: Und die Menschen sind nicht mehr bereit, so viel Geld für Musik zu bezahlen wie früher.
Jones: Sie wollen gar nichts mehr bezahlen. Es ist eine ganze Generation herangewachsen, die nie für Musik bezahlt hat.
sueddeutsche.de: Wird sich da noch mal etwas ändern?
Jones: Es muss sich ändern. Aber niemand weiß, wo man damit anfangen soll, die Plattenfirmen sind in riesigen Schwierigkeiten. Wenn du 95 bis 99 Prozent Piraterie hast ...
sueddeutsche.de: Hat iTunes, der Online-Verkaufsladen von Apple, nicht geholfen? Das war doch zumindest ein Schritt in die richtige Richtung - immerhin wird überhaupt für Musik im Netz bezahlt.
Jones: Wenn ein Teenager 10.000 Singles auf seinem iPod hat, dann hilft das der Plattenindustrie kein bisschen. Es hilft Apple. Eine Single kostet bei iTunes 99 Cent, mal abgesehen davon, dass das zu billig ist: Früher war eine Single so etwas wie ein Werbespot für ein ganzes Paket. Wenn in einem Paket nur ein einziger Hit enthalten ist, wer zahlt denn dann zehn, 13, 15 Dollar dafür?
sueddeutsche.de: Also ist es auch ein Fehler der Plattenfirmen?
Jones: Die Fehler liegen auf beiden Seiten. Die letzten beiden Alben, die ich mit Michael Jackson gemacht habe, hatten sieben Titel unter den besten fünf. Darunter waren fünf Nummer-eins-Hits - das ist es wert, das ganze Paket zu kaufen. Alle müssen sich zusammenreißen, aber so wie früher wird es nicht mehr werden.
Das scheint ein Thema zu sein, über das er lieber spricht. Er scheint plötzlich auch ganz gut zu hören.
Jones: Schauen Sie sich die heutigen Zahlen an im Vergleich zu denen in den achtziger Jahren. Die Black Eyed Peas zum Beispiel, die hatten vier unglaubliche Hits auf der ganzen Welt, raten Sie mal wie viele Alben die verkauft haben: 2,3 Millionen in zwei Jahren, das ist ein Desaster.
Klar, Jones ist da andere Zahlen gewöhnt, Thriller hat sich 110 Millionen mal verkauft.
sueddeutsche.de: Können Sie der Tatsache etwas Positives abgewinnen, dass wegen der sinkenden Plattenverkäufe wieder mehr getourt wird?
Jones: Den jungen Künstlern hilft das nicht. Um mit Tours Geld zu verdienen, musst du schon berühmt sein. Klar, wenn Bono oder Meat Loaf heute ein Konzert spielen, dann kommen Tausende. Ich war vor zwei Jahren mit den Rolling Stones in Brasilien, da waren 1,5 Millionen Menschen an der Copacabana. Aber die hatten viele, viele Hit-Alben.
Quincy Jones schweigt kurz, denkt sichtbar nach.
Jones: Wissen Sie, ich komme aus einer Zeit, in der die Menschen eher Musik gekauft haben als etwas zu essen. Es war Nahrung für die Seele . . .
sueddeutsche.de: ... die es jetzt umsonst bei YouTube gibt.
Jones: Ich glaube trotzdem, dass die letzten beiden Dinge, die diese Welt verlassen werden, Musik und Wasser sein werden. Man kann nicht ohne Musik. Können Sie?
sueddeutsche.de: Wahrscheinlich nicht.
Jones: Wie lange können Sie?
sueddeutsche.de: Ein paar Tage vielleicht, wenn ich müsste.
Jones: Sie könnten keine Woche.
Der Pressesprecher schaut auf die Uhr, noch fünf Minuten sagt er. Also schnell. Was ein Quincy Jones, der zu einer Zeit berühmt wurde, als Schwarze in Bussen noch hinten sitzen mussten, und hinter Martin Luther Kings Sarg hergelaufen ist, wohl über Barack Obama denkt?
sueddeutsche.de: Wie viel bedeutet Ihnen der erste schwarze Präsident?
Jones: Er bedeutet mir sehr viel. Er hat einen schrecklichen Job, weil er das ganze Chaos aufräumen musste, das sein Vorgänger ihm hinterlassen hat. Irak, Afghanistan, die Kriege.
sueddeutsche.de: Wie wichtig, glauben Sie, waren Sie und die schwarze Musik dafür, dass heute ein schwarzer Präsident in den USA überhaupt möglich ist?
Jones: Sehr wichtig. Aber nicht nur die Schwarzen haben für Obama gestimmt, sondern auch viele Weiße. Trotzdem gibt es derzeit in vielen Gegenden Entwicklungen, die mir wirklich Angst machen. Man spürt zum Teil eine Mentalität wie zur Zeiten der Sklaverei, Dinge wie die Einwanderungspolitik in Arizona - dann sind wir bald wieder da, wo wir einmal angefangen haben.
sueddeutsche.de: Und wie erklären Sie sich diese Rückschritte?
Quincy Jones seufzt und blickt ein wenig streng herüber. Was für eine Frage, denkt er sichtlich: Ich bitte Sie, wir haben einen schwarzen Präsidenten. Manche Menschen werden sich damit nie anfreunden können.
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(sueddeutsche.de/kar/rus/jja)
Bundespräsident Gauck in Israel
Das erste Interview von dem "jungen Ding"?
Für mich ist das Interview nicht gerade wahnsinnig informativ (da weiß ich aus eigener Erfahrung wie sehr man vom Gesprächspartner abhängig ist), aber sehr kurzweilig.
Ich sehe Quincy beim Lesen des Interviews förmlich vor mir Suppe löfflen und vor sich hin brabbeln.
Sehr schön!
kann mich da nur anschließen.
Danke dafür!
Bevor er in Paris zum Superstar der Produzenten wurde (sogar Nana Mouskouri durfte mit ihm eine Platte machen), hat er mit seiner Bigband (u.a. Phil Woods) ganz Europa betourt.
Und da wurde hart gearbeitet und viel gesoffen. Aber es hat verdammt viel Spaß gemacht!