Im Gespräch: Pierce Brosnan Man wird Anstoß nehmen

Pierce "Bond" Brosnan will nicht mehr höflich und sophisticated sein: Da kam ihm Roman Polanski mit dem Polit-Thriller Ghostwriter gerade recht.

Von Interview: Susan Vahabzadeh

Die Rolle in Roman Polanskis Politthriller "Der Ghostwriter", der Ex-Premier Adam Lang, ist für Pierce Brosnan eine der wichtigsten seiner Karriere. Mit der Antwort auf die zentrale Frage, die seit Monaten jedes Gespräch über den Film überschattet - wie steht Brosnan zu seinem Regisseur, der in der Schweiz unter Hausarrest steht und auf seine Auslieferung in die USA wartet wegen eines Missbrauchsfalls aus dem Jahr 1977 - platzt Brosnan heraus, noch bevor sie gestellt wurde.

Pierce Brosnan: Ich liebe diesen Film, ich bin stolz auf ihn, ich denke, er ist ein Klassiker von Mr. Roman Polanski, mit dem zu arbeiten mir eine große Freude war. Und ich hoffe, ich bete dafür, dass diese Episode in seinem Leben ein baldiges Ende findet, dieses Kapitel geschlossen wird. Für seine Kinder. Und für diese Frau, um die es geht und ihre Familie - sie hat genug gelitten. Ich finde, man kann mit dieser Geschichte erwachsen umgehen, was auch immer die Politik eines bestimmten Landes dabei für eine Rolle spielt.

SZ: Warum sprechen Sie das Thema selbst an?

Brosnan: In diesem Film hat die Wirklichkeit so viel Resonanz - auf theatralische Weise. Ich spiele einen Mann im Exil, der mächtig gewesen ist, den ehemaligen britischen Premier, der Tony Blair ist oder auch nicht Tony Blair - aber alles weist in seine Richtung. Im Buch, im Drehbuch, im Film. Hier haben wir Mr. Tony Blair, der für sein Image kämpft. Und dort haben wir Mr. Roman Polanski in Gstaad, mit Helikopter und Journalisten vor der Tür.

SZ: Ist das ein Zufall? Oder gibt es gute Gründe, warum Polanski just diese Geschichte verfilmen wollte? Er nimmt hier einige Motive auf, die er schon früher verwendet hat.

Brosnan: Das Motiv der Klaustrophobie hat er schon bei "Das Messer im Wasser" verwendet, die sexuelle Spannung zwischen den Charakteren, die böse Vorahnung - das ist Roman Polanski. Das ist sein Leben. Wenn man sich das anschaut, Kindheit im Ghetto, immer auf der Flucht - er ist ein wahrhaft faszinierender Mann, der mir bei der Arbeit an "Der Ghostwriter" ans Herz gewachsen ist. Er ist leidenschaftlich, und er kann bissig sein. Aber ich habe das nie persönlich genommen. Er macht mit Inbrunst Filme. Als Regisseur ist er ein bisschen wie ein zerstreuter Professor, und wenn es nicht schnell genug geht, brüllt er. Und dann ist er wieder ganz gelassen. Aber das führt natürlich dazu, dass alle ganz konzentriert bei der Arbeit sind - weil sie es ihm recht machen wollen. Wir wussten ja auch alle, dass das, was wir hier machen, provozieren wird - eine sehr politische Was-wäre-wenn-Geschichte.

SZ: Haben Sie viel mit ihm darüber geredet, wie Sie die Figur Adam Lang entwickeln sollen?

Brosnan: Nein - darüber haben wir gar nicht geredet. Bei unserer ersten Begegnung, ich hatte das Buch gelesen, fragte ich: Spiele ich Tony Blair? Und er sagte: Nein. Für mich führen dennoch alle Wege zu Blair, ich habe mir genau angeschaut, wie er sich benommen hat. Ich versuchte, ihn mir unter theatralischen, shakespeareschen Maßstäben vorzustellen: der König, der entmachtet wird. Diese Hilflosigkeit, die Löchrigkeit seiner Ehe, die ersterbende Liebe, die Erkenntnis, dass da nie Liebe gewesen ist, das Aufrechterhalten der Fassade . . .

SZ: Eigentlich eine große Tragödie. Wollten Sie, dass er einem leid tut?

Brosnan: Ich denke, da ensteht die Zweideutigkeit der Figur. Ein kluger, charmanter Kerl - und doch eine Marionette, traurig, gefangen in der Zwangsjacke seiner Existenz. So funktioniert eine Tragödie: Wenn der Charakter abgeht, muss er Leere auf der Bühne hinterlassen. Obwohl er einen Krieg angefangen, so viele Leute auf dem Gewissen hat.

SZ: Hätte es einen Unterschied für Sie gemacht, hätte Polanski gesagt, dass das doch Tony Blair ist?

Brosnan: Ja! Dann wäre ich an diese reale Figur gefesselt gewesen, hätte ihn wahrscheinlich nachgemacht. Und Michael Sheen hat ihn so gut gespielt in "The Queen". Ich bin froh, dass er mich davon befreit hat. Es ist ja andererseits so: Als wir die Fotos für das Cover von Adam Langs Buch gemacht haben, hat sich Roman an Blair-Fotos orientiert.

SZ: Weder England noch Amerika kommen im Film gut weg . . .

Brosnan: Es wird Anstoß daran genommen werden - wir fahren als nächstes mit dem Film nach Amerika, und wir, Ewan McGregor und Olivia Williams und ich, versuchen, darauf vorbereitet zu sein.

SZ: Hat Sie die politische Dimension der Geschichte gereizt?

Brosnan: Sie hat mir Angst gemacht. Eigentlich ist das, was die Geschichte andeutet, dreist, aber die Leute werden hineinlesen, sie sei wohl völlig ernst gemeint. Das ist eine klug konstruierte Story, aber undurchsichtig. Man weiß nie, woran man ist - so ging es mir beim Lesen als Schauspieler. Ich musste meine Entscheidungen emotional treffen. Für mich ist Adam Lang aufrichtig, er glaubt an das, was er tut. Mir hat das übrigens an Oliver Stones Film über Bush gefallen - man entwickelt da Mitgefühl für diesen Mann, den wir alle gehasst und verspottet haben. Bei Stone ist er ambivalent, und nur wenn man mehrere Perspektiven auf etwas hat, sieht man alles.

SZ: Wollen Sie gerade alle Extreme der Schauspielerei auskosten, vom Klamauk bis zur Tragödie?

Brosnan: Als Schauspieler ist das mein Job: neue Herausforderungen finden, jenseits dieses wuchernden Persönlichkeitsbildes: höflich, sophisticated, lässig und elegant. Das drängt einen in eine Ecke. Ich muss Arbeit finden, die wie ein Workshop ist, wo man etwas versuchen kann. Die Rolle in "Ghostwriter" ist wundervoll, hatte einen Meisterregisseur, ein großartiges Buch. "Mamma Mia" ist ganz anders - aber es hat Spaß gemacht. Wissen Sie, ich bin an einem Punkt, wo ich sage: I gotta do some acting.

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