Im Gespräch: Konrad Boehmer "Ein lächerlicher Clown"

SZ: Nun ist es so, dass die Leute selbst auf Skandale nicht mehr reagieren. Was ist nun mit der Umwertung aller Werte?

Boehmer: Nietzsche ist nicht gefragt, vielleicht kommt das noch. Gerade geht es nicht um die Umwertung aller Werte, sondern um die Entwertung aller Umwertungen. Interessant finde ich übrigens die Analogie zwischen Avantgarde und Kapitalismus.

SZ: Welche?

Boehmer: Diese Analogie ist doch Teil des ganzen großen Konzerts: kindlicher Glaube an pseudo-wissenschaftlichen Unsinn, mathematisch unterbaut. Bis Banker und Komponisten selbst nicht mehr verstehen, was sie verschachern. Das Neo-Biedermeier ist die Antwort. Dieses neupreußische Bürschchen-Getue in Berlin, die Dorfoperette mit dem Stadtschloss - dieses absurde Schloss wird das Denkmal unseres Neo-Biedermeier werden.

SZ: In der deutschen Literatur gibt es grad auch diese Büttenpapierprosa . . .

Boehmer: Der Grund ist derselbe wie in der Musik. Die ästhetischen Versprechungen wie technischen Möglichkeiten sind ausgereizt. Digitaler als digital geht nicht.

SZ: Und der Stillstand ist keine Katastrophe?

Boehmer: Nein. Die Glücksversprechungen der Industrie, der Apparate, sie werden gerade auf ihre gesellschaftliche Anwendbarkeit hin überprüft. Da ist es logisch, dass wir einer Phase nicht der Be-, sondern der Entschleunigung entgegengehen.

SZ: Gesellschaftliche Anwendbarkeit? Das ist ja Marxismus! Weiche, Teufel!!

Boehmer: Papperlapapp, Marxismus . . . Es gibt keinen Marxismus. Marx war doch kein Kirchenvater. Der englische Ökonom John Cassidy hat schon vor zehn Jahren gesagt, wer Marx wieder zum Leben erwecke, müsste den Nobelpreis bekommen. Im dritten Band des "Kapitals" hat Marx die Fundamente der heutigen Finanzkrise schon haarfein analysiert. Auch das "Kreditkauderwelsch des Geldmarktes" und die "Kreditschwindel" derer, die wir heute Hedge-Fonds-Manager nennen.

SZ: Was, wenn das keine Entschleunigung ist, sondern das Ende vom Kapitalismus?

Boehmer: Nein, nein. Der Kapitalismus ist die höchste Zivilisationsstufe, die wir je produziert haben. Wo wären wir ohne ihn?

SZ: Na ja.

Boehmer: Nix na ja! Wo wären wir denn ohne seine technischen und kulturellen Innovationen? Wenn wir nun gegenwärtig eine Art gesamtgesellschaftliche lahme Hüfte diagnostizieren - Morbus Biedermeier also - , so ist auch das nicht zu unterschätzen. Wer weiß, was daraus entsteht?

SZ: Vielleicht nichts? Was, wenn Ihre schöne Dialektik nicht aufgeht?

Boehmer: Schauen Sie sich mal die orginale Biedermeierepoche an, die 30er und 40er Jahre des 19.Jahrhunderts. Was bitte ist aus dieser Sättigung nicht alles entstanden!

SZ: Hm, in Ordnung, der sehr wunderbare Robert Schumann . . .

Boehmer: Na eben! Im Schatten dieser gigantischen Innovationen, der Eisenbahn, des Telegraphen, da komponierte Schumann seine abenteuerlichsten Werke, Balzac revolutionierte in La Comédie humaine die Literatur, Turner die Malerei. Wie der Kapitalismus, ist auch die Geistesgeschichte eine Kette von Krisen. Und Phasen des vorgeblichen Stillstands waren immer nur ein - nicht unproduktives - Innehalten angesichts einer zu Ende gehenden Flut von Innovationen: in der Kunstwelt, und eben auch in der Welt technologischer und ökonomischer Raserei.

SZ: Wir leben demnach in chaotischen, aber unrevolutionären Zeiten.

Boehmer: Der eingangs von mir zitierte Onfray sagt, es revolutioniert an allen Ecken und Enden, aber diese Revolution ist nicht mehr zentralisiert, monolithisch, sie ist stattdessen molekular und diffus. Ein Produkt der neuen Kommunikation: Globalisierung und Internet geben nur den Startschuss. Schauen Sie, wie lächerlich eingerostete kulturelle Institutionen heute wirken: Päpste, Pop-Helden, Fernsehanstalten, Gremien, Würdenträger aller Art . . .

SZ: Welche zum Beispiel?

Boehmer: Nehmen Sie das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland. Wie viel Gebühren kassieren diese Apparate?

SZ: Fast acht Milliarden Euro im Jahr.

Boehmer: Unglaublich. Damit subventionieren die Deutschen - brav wie Schafe - Schlagersendungen, drittklassige Boxkämpfe, mediokre Serien. Und doch sind dieselben Apparate mit Kraft dabei, sich selbst überflüssig zu machen. Sie werden ihre Gebühren irgendwann nicht mehr mit dem hehren Anspruch, den sie in Wirklichkeit ja auch gar nicht haben, begründen können. Kriegt denn die Süddeutsche Gebühren?

SZ: Wollen Sie nicht zurück nach Deutschland und in die Politik gehen?

Boehmer: Ich habe mir hier in Amsterdam im Fernsehen den Auftritt dieses schlimmen Burschen beim, wie heißt es . . .

SZ: Reich-Ranicki? Beim Fernsehpreis?

Boehmer: Ja.

SZ: So was schauen Sie?

Boehmer: Ich liebe diesen Quatsch. Reich-Ranicki ist doch die personifizierte Implosion des ganzen Systems: ein brüllender Biedermeier in grellem Gelände. Das versteinerte Top-Produkt der deutschen Unterhaltungsindustrie. Er hat sich doch von dieser Industrie immer verklären lassen - bis eben zu dem Moment, wo er sie nicht mehr bedienen konnte. Deshalb spuckt er nun allen, die sich da erheben und ihn beklatschen wollen, ins Gesicht. Ein lächerlicher Clown. Lache, Bajazzo!

SZ: Aber Fernsehen wie Industrie verklären ihn immer noch.

Boehmer: Ein solch heiliger Ernst gedeiht aber nur in Apparaten, wie es sie nicht mehr lange geben wird. Das ist Gekakel im Hühnerstall. Reich-Ranicki ist insofern der Held im letzten Akt seiner eigenen Schmierenkomödie, sein eigener Fetisch. Schauen Sie, wie er sich in diesem letzten Akt nochmal der Reklamewirtschaft an den Hals wirft, zwischen kaputte Fernseher setzt und sich selbst als klugen Kopf bezeichnet. Welch ein Fetischismus! Doller als hier im Amsterdamer Nachtleben. Mit dem gleichen Recht könnte ich Sie und mich für eine Travestie der Nibelungenfestspiele in Worms anmelden. . .

SZ: ... dazu passt der Gedanke aus Thomas Bernhards Kindheitserinnerungen, dass man die Möglichkeit des Selbstmords bei jeder Entscheidung mitdenken sollte.

Boehmer: Denken Sie nur an diese Freiheit! Ist es nicht wunderbar? Das ist wunderbar.

SZ: Und wer wird nun das Chaos, von dem wir sprachen, überleben?

Boehmer: Die, die vieles können und nicht nur eines. Im Moment betet der eine, der Zweite denkt, der Dritte schaut, der Vierte schreibt, der Fünfte weint, der Sechste masturbiert. Eine Welt aus Fachidiotie.

SZ: Und wie wollen Sie überleben? Als "schöne Stelle" im Klassikradio?

Boehmer: Das ist mir deutlich zu nekrophil.

SZ: Dann lieber gar nicht, oder?

Boehmer: Sie sprachen eben vom Selbstmord.

SZ: Der arme Schumann hat es ja mit dem Rhein versucht . . . Am Rosenmontag.

Boehmer: Aber es hat nicht hingehauen. Ich würde aber, wenn sie mich im Klassikradio spielen, einen zweiten Versuch wagen.

Konrad Boehmer, geb. in Berlin 1941, ist einer der wichtigsten Komponisten für Neue Musik. Von 1961-1963 arbeitete er unter anderem mit Karlheinz Stockhausen im Kölner Studio für Elektronische Musik des WDR. 1966 zog Boehmer in die Niederlande. Seit 1972 ist er Professor für Musikgeschichte und Theorie der Neuen Musik an der Königlichen Musikhochschule Den Haag - und Gastdozent für Komposition in Lateinamerika, den USA, in Skandinavien, Frankreich und Deutschland. Sein in Paris uraufgeführtes Musiktheater "Doktor Faustus" erhielt 1983 den "Rolf Liebermann Preis". 2007 ernannte ihn Königin Beatrix zum "Offizier im Orden Oranje-Nassau". Mit Albert Ostermaier hat er eben die Arbeit an einem elektronischen Musiktheater - "Sensor" - abgeschlossen. Boehmer lebt in Amsterdam und Südfrankreich.