SZ: Dessen Erschießung gilt aber als Beginn der Studentenrevolte. Was die Sache für viele Linke mit Kurras jetzt schwierig macht. Ein Linker habe einen Linken erschossen, heißt es.

Anzeige

Wagenbach: Ja, die Linke! Jetzt stellen Sie sich vor, Sie radeln, wie ich damals, aus Italien zurück, Sie kommen aus dem Land, in dem die Zitronen und die Künste blühen und wo es diese wunderbaren Schriftsteller wie Italo Calvino und Elio Vittorini gibt, die alle in der kommunistischen Partei waren, und sind wieder in Deutschland, wo die Kommunisten Untermenschen sind.

SZ: Untermenschen? Die KPD war verboten.

Wagenbach: Nirgendwo in der westlichen Welt war die kommunistische Partei verboten, nirgends, nur in Westdeutschland. Es ging einfach immer so weiter, und ein autoritärer Charakter wie der Kurras passte da hervorragend rein.

SZ: Jetzt sind wir beim Thema: Sie hatten mehrere langjährige Verfahren wegen der "Ehre der Polizei"..

Wagenbach: Die waren wild entschlossen, den Verlag zu vernichten.

SZ: Wer ist die?

Wagenbach: Die Berliner Polizei mit ihrem Präsidenten Klaus Hübner an der Spitze, die Berliner Justiz und die Berliner Presse. Wenn in den Springer-Zeitungen nach dem Staatsanwalt gerufen wurde, hatten wir maximal zwei Tage, aber er kam zuverlässig.

SZ: Wer kam?

Wagenbach: Die Polizei. Es kamen jedes Mal gleich sechzig bis achtzig Mann, für drei Räume.

SZ: Drei Räume und wie viele Mitarbeiter?

Wagenbach: Auch drei oder vier.

SZ: Gute Manndeckung.

Wagenbach: Ich sehe noch, wie die Polizisten Buch für Buch herausnehmen, sie wieder reinstellen und dann die Hände so zusammenklopfen, als müssten sie Staub abschütteln. Die dachten wahrscheinlich, sie fänden zwischen Giorgio Manganelli und Franz Kafka Maschinenpistolen.

SZ: Langsam, Herr Wagenbach, Sie haben auch das Manifest der RAF veröffentlicht.

Wagenbach: Richtig. Es interessierte mich (und ein paar andere), was da in den Köpfen vorging. Aber es siegte die Tradition: Verbieten. Statt Birne - Abrissbirne.

SZ: Im "Roten Kalender" für 1973 stand unter dem 2. Juni "1967 Benno Ohnesorg ermordet" und unter 4. Dezember "1971 Georg von Rauch ermordet".

Wagenbach: Ist es nicht phantastisch: Niemand ist je für den Mord an den Studenten Ohnesorg und Georg von Rauch verurteilt worden, niemand außer mir. Der Kritiker des Vorgangs wurde als einziger verurteilt.

SZ: Warum?

Wagenbach: Weil es kein Mord sein durfte! Der Polizeipräsident Hübner verklagte mich, weil ich mich an der Ehre der Berliner Polizei vergangen hätte. In Wirklichkeit wollten sie nur den Verlag ausschalten.

SZ: Und es ging wirklich um die Ehre der Polizei?

Wagenbach: Es ging ihr tatsächlich um die Ehre. Man durfte nicht sagen, dass Kurras den Ohnesorg und Schulz den Georg von Rauch "ermordet" hat.

SZ: Vielleicht wird jetzt Ihre Ehre gerettet: Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus hat Strafanzeige wegen Mordes gegen Kurras erstattet. War es vielleicht doch Mord?

Wagenbach: Ausgerechnet dieser schießwütige Mann, von dem es jetzt heißt, wenn wir nur gewusst hätten, dass der IM ist, dann wäre er bestimmt verknackt worden. Das will ich gerne glauben, aber warum erst jetzt und nicht 1967? Damals steckte die Polizei mit der Justiz unter einer Decke, um genau das zu verhindern. Kurras wurde mit Unterstützung der Kollegen und unter dem Beifall der Springer-Presse und der Berliner Bevölkerung freigesprochen. Woraus man lernen kann, dass die Berliner Polizei bis lange nach '68 Polizisten gedeckt hat.

SZ: In der aktuellen Ausgabe der Zeit steht, Kurras habe nach dem 2. Juni 1967 Wolfgang Schöne gebeten, der mit ihm im Schießverein ballerte, seine Kleinkalibermunition verschwinden zu lassen, weil er eine Hausdurchsuchung fürchtete. Schöne hat die Munition verballert, er war nicht irgendwer, sondern Polizeireporter der Springer-Zeitung B.Z. und verfügte, wie Klaus Hübner in seinen Memoiren schreibt, "über stets gut fließende Quellen" im Apparat.

Wagenbach: Das zeigt sehr schön die damalige westberliner Konstellation: für die Karriere musste man Sozialdemokrat sein und für die Öffentlichkeitswirkung über gute Kontakte zur Springerpresse verfügen. Nach dieser antikommunistischen Logik trat Hübner auch sofort aus der SPD aus, als Klaus Wowereit eine rot-rote Koalition bildete.

SZ: Thomas Schmid, der Chefredakteur der Welt, behauptet, die Blätter des Springer-Verlags hätten seinerzeit "sehr viel differenzierter berichtet, als es im Schreckbild von der "hetzerischen Springerpresse" vorgesehen ist". Schmid verspricht sogar Belege.

Wagenbach: Die würde ich wirklich gern sehen.

SZ: Warum schreibt Thomas Schmid das? Ist er das seinem Arbeitgeber schuldig?

Wagenbach: Früher nannte man das einen Soldschreiber, aber ich glaube, er schreibt da gegen sich.

SZ: In einem früheren Leben war Thomas Schmid Lektor bei Wagenbach.

Wagenbach: Er war ein freier Kopf und hat schöne Bücher gemacht. Aber in seiner Montagegrube bei Opel hat er offensichtlich nichts von den Berliner Verhältnissen mitgekriegt.

SZ: Sie meinen die Monate, in denen Schmid zusammen mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit den Revolutionären Kampf bei Opel in Rüsselsheim fortgesetzt hat. Der freie Kopf fordert jetzt die Linken auf, den "Mythos von 1968 zu hinterfragen".

Wagenbach: Dabei bin ich ihm gern behilflich. Thomas Schmid bezeichnet die Ereignisse vom 2. Juni 1967 als "heftige Demonstration". Diese Demonstration war nicht heftig. Die Studenten waren bereits am Vormittag von den "Jubelpersern" verprügelt worden und die Polizei hat zugesehen. Abends wurde den Studenten dann dieser Schlauch zugebilligt: hinten das Baugerüst, vorn das "Hamburger Gitter". Dann erging der Befehl "Räumen!", und der damalige Polizeipräsident Duensing übte sich in seiner berüchtigten Leberwurst-Taktik. Dazwischen wurde die Fehlmeldung durchgegeben, es sei ein Polizist erstochen worden. Nein, nein, das war keine "heftige Demonstration", das war richtig gesteuert. Die Polizei war vom Sender Freies Berlin und den Springer-Zeitungen aufgefordert, jetzt mal ordentlich durchzugreifen. Und so geschah es, und da kann auch mal ein Schuss losgehen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Kann ich mal bei dir pennen?"
  2. Sie lesen jetzt Gute Manndeckung
Leser empfehlen 

(SZ vom 30.05.09/bey)