SZ: Und wenn ich als amtlich anerkannter Küchenpsychologe jetzt behaupte, dass Sie arbeiten, um Ruhe vor sich selber zu haben?

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Berben: Rennt man weg? Wovor rennt man weg? Das Korsett, in das ich mich selber zwänge, ist doch nichts anderes als eine gute Disziplin. Ich weiß einfach, dass ich funktionieren muss.

SZ: Ein ehemaliges Hippie-Mädchen feiert die Disziplin?

Berben: Richtig, und jeder 17. Satz von mir lautet: "Ich würde diese Disziplin gerne mal wieder verlassen."

SZ: Sie wollen trotzdem nicht in der Sonne liegen und dick werden, sondern schön sein und noch ein paar Sachen machen.

Berben: Was ist das dann: Eitelkeit? Maßlosigkeit? Wer bin ich denn dann?

SZ: Eine Schauspielerin. Wahrscheinlich haben Sie noch nicht genug. Sie wollen weiter anerkannt werden.

Berben: Und darüber denke ich nach. Warum ist das so? Vielleicht ist man ein bisschen süchtig danach.

SZ: Ist das Selbsterkenntnis?

Berben: Wenn ich intelligenter wäre, müsste ich sagen: Wenn ich es erkannt habe, kann ich beginnen, die Dinge zu ändern. Man kann sie ja nur ändern, wenn man weiß, warum man etwas macht.

SZ: Aber Sie wollen es doch nicht anders. Schauspieler gehen nicht einfach in Rente, sondern würden am liebsten auf der Bühne sterben.

Berben: Wissen Sie, dass Brigitte Horney in meinen Armen gestorben ist?

SZ: Die große Brigitte Horney? Sie meinen das aber nicht wörtlich?

Berben: Doch, genau so war es. 1988 beim "Erbe der Guldenburgs".

SZ: Dieser "Denver-Clan" aus Schleswig-Holstein, den ich nicht gesehen habe.

Berben: Wir mussten noch eine letzte Szene drehen. Brigitte Horney lag bereits im Krankenhaus und wurde für diese Szene eigens aus der Klinik geholt. Sie war am ganzen Körper voller Kanülen. Ich musste sie umarmen und spürte unter ihrem Kleid diese Kanülen. Das Leben wich aus ihr. Ihre Füße waren schon ganz gelb.

SZ: Hat das der Produzent verlangt?

Berben: Nein, sie wollte das! Sie wollte unbedingt diesen letzten Auftritt.

SZ: Sag ich doch, Schauspieler.

Berben: Aber das geht schon weit, diese Disziplin.

SZ: Es gibt einen rührseligen Film von Chaplin, "Rampenlicht", da stirbt er beim Comeback auf der Bühne. Gibt es was Schöneres?

Berben: Wahrscheinlich nicht, aber damit will ich mir noch Zeit lassen.

SZ: Ist diese Form von Disziplin weiblich?

Berben: Frauen sind anders, sie nehmen Sachen direkter in die Hand. So, das will ich jetzt ändern und dafür suche ich mir jetzt Komplizen. Vielleicht gehen die Männer mit einer anderen Logistik ran, während wir erst mal losmachen.

SZ: Wir? Hätten Sie am Anfang vor vierzig Jahren auch den Plural gebraucht - wir Frauen?

Berben: Ne.

SZ: Haben Sie 1969 überhaupt an jemand anderen als an sich selber gedacht?

Berben: Ne. Ich wollte aus dem Internat in eine andere Gemeinschaft, in ein anderes Wir. Das hatte nichts Feministisches. Ich musste mich nicht von Männern emanzipieren.

SZ: Sie haben die Männer benutzt.

Berben: (Pause)

SZ: Ist das ein Geständnis?

Berben: Ich überlege, ob das stimmt. Für mich sind Männer Komplizen.

SZ: Nicht die besseren Menschen?

Berben: Ich glaube, dass wir unterschiedlich sind. Und das halte ich für eine gute Erfindung.

SZ: Jetzt kommt die Fragebogenfrage: Welche weltbewegende Frau hätten Sie sein wollen? Wie wäre es mit Helena? Sie hat immerhin den Trojanischen Krieg ausgelöst.

Berben: Ich will nicht die Ursache für einen Krieg sein.

SZ: Die Ursache für den Krieg war ihre Schönheit. Helena war die schönste Frau der Welt.

Berben: Das hilft dann auch nichts mehr.

SZ: Helena also nicht. Wer dann? Die englische Kriegskrankenschwester Florence Nightingale?

Berben: Penthesilea.

SZ: Wirklich? Wahrscheinlich meinen Sie die Amazonenkönigin der Sage, nicht die Penthesilea bei Kleist, die dem toten Achill die Zähne ins Fleisch schlägt.

Berben: Doch, Kleists Penthesilea.

SZ: Es liegt Ihnen also nahe, bei einem Mann die Zähne reinzuhauen, aber erst, wenn er tot ist?

Berben: Lebend wäre mir lieber - da haben beide was davon.

SZ: Wenn Sie keine Angst vor einem haben, haben Sie eine sehr offene Art, sich zu verbergen.

Berben: Stimmt nicht. Es muss heißen: zu verberben.

SZ: Sie kennen den Sinnspruch von Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes./Außer: Man tut es." Kästner hat die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens mit Saufen und dem Kampf gegen jede Form von Krieg und Militarismus verbracht.

Berben: Die Kombination klingt nicht schlecht. Beim Saufen bin ich schon dabei, und dann suche ich mir noch ein anderes Betätigungsfeld.

SZ: Sie haben es während unseres Gesprächs drei Mal abgelehnt, etwas zu trinken. Ich werde überall verbreiten: Iris Berben trinkt nicht, nicht einen einzigen Tropfen.

Berben: Bitte machen Sie mir dieses Image nicht auch noch kaputt! Noch trinke ich die Kerle relativ gut unter den Tisch.

SZ: Und stellen ihnen dann triumphierend den Fuß auf den Nacken. Ist das wieder Penthesilea?

Berben: Penthesilea, aber bitte mit High Heels.

Iris Berben, 1950 in Detmold geboren, begann ihre Filmlaufbahn in Schwabing, drehte mit Franco Nero und Jack Palance, war eine der "Himmlischen Töchter", außerdem Geliebte, Betrogene, Patriarchin, Kommissarin. Aus dem Hippie-Mädchen ist die bekannteste Schauspielerin im deutschen Fernsehen geworden. Fürs Kino spielte sie die Konsulin in den "Buddenbrooks", in "Es kommt der Tag", der noch nicht angelaufen ist, eine ehemalige Terroristin, die nach Jahrzehnten von der Wahrheit eingeholt wird. Zusammen mit Nicole Maibaum hat sie gerade das Buch "Frauen bewegen die Welt" (Droemer) veröffentlicht. Iris Berben ist die Mutter des Constantin-Chefs Oliver Berben. Sie lebt in Berlin.

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(SZaW vom 14./15.02.2009/holz)