SZ: Bei den vielen interessanten Rollen, die Ihnen derzeit angeboten werden, dürften Sie das Alter nicht als Problem sehen. Oder doch?

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Mirren: Es liegt in der Natur der Sache, dass die Rollen mit zunehmendem Alter interessanter werden. Aber das Alter kann doch zum Problem werden, für Frauen etwas mehr. Das hat mit der Natur dieses Berufes zu tun, in dem man sein Gesicht hinhalten muss. Die Leute schauen einfach lieber in jüngere Gesichter. Aber Sie haben recht - ich hatte unglaubliches Glück. Der Trick ist, dass man immer beschäftigt bleibt, was gar nicht so leicht ist, weil alles Mögliche dazwischenkommen kann: Familie, Gesundheit, falsche künstlerische Entscheidungen.

SZ: Sie schrecken auch vor Rollen nicht zurück, die auf den ersten Blick recht unsympathische Rollen sind. Haben Sie niemals Angst?

Mirren: Beim Spielen habe ich immer Angst! Man fürchtet sich immer, zu versagen, alle zu enttäuschen, die Figur zu verraten. Bei jemandem wie der Queen hatte ich aber nie das Gefühl, eine unsympathische Figur zu spielen. Je mehr ich über sie recherchierte, desto mehr habe ich sie respektiert - und schließlich sogar richtig geliebt! Bis zum Drehbeginn war ich völlig auf ihrer Seite, da ging es nur noch darum, alles umzusetzen, was ich beobachtet hatte, die Art, wie sie geht und spricht. Und das, was sich nach meinem Gefühl in ihrem Inneren abspielte.

SZ: Hatten Sie auch mal Mühe, sich auf die Seite einer Ihrer Figuren zu stellen?

Mirren: Wenn ich eine Figur hasse, nehme ich die Rolle normalerweise nicht an. Interessanterweise werden mir mit zunehmendem Alter immer mehr dieser gemeinen Frauen angeboten - das hat damit zu tun, dass die Männer, die das meistens schreiben, sich gar nicht vorstellen können, dass man als ältere Frau etwas anderes als gehässig und verbittert sein könnte. Rollen, die derartig gemein, sexistisch und verletzend geschrieben sind, lehne ich ab. Selbst wenn ich dagegen anspielen würde, hätte ich es mit dem Autor, dem Regisseur, dem Produzenten und dem Cutter zu tun. Es gibt - im Gegensatz zur Bühne - überhaupt keine Kontrolle. Auf der Bühne kann man aus einer Rolle das machen, was man will. Im Kino ist man ausgeliefert.

SZ: Sie haben sehr viele starke, selbstbewusste Frauen gespielt. War Emanzipation ein Thema für Sie?

Mirren: Das war immer ein Thema für mich. Meine Mutter war zwar keine politische, aber eine instinktive Feministin, sie glaubte an die Rechte der Frauen und daran, dass Frauen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Ich wurde von meinen Eltern ausdrücklich zu ökonomischer Unabhängigkeit erzogen, und das ist für mich die klare Wurzel des Feminismus. Wenn man ökonomisch unabhängig ist, ist man in vieler Hinsicht frei, und das war ich immer und bin es noch. Obwohl ich verheiratet bin, habe ich mein eigenes Geld. Trotzdem liebe ich hochhackige Schuhe und Nagellack, das ist kein Widerspruch. Ich war nie eine dieser militanten Emanzen in klobigen Schuhen. Auch wenn ich sie dafür respektiere, dass sie das an vorderster Front für uns ausgekämpft haben.

SZ: Isabelle Huppert hat mal gesagt, dass sie das Schauspielen für einen weiblichen Beruf hält. Sehen Sie das auch so?

Mirren: Ältere männliche Schauspieler sind oft grantig und schlecht gelaunt. Es liegt in der Natur der Männer, dass sie ihre Umgebung kontrollieren wollen, und als Schauspieler hat man sehr wenig Kontrolle, jedenfalls beim Film. Also werden sie unglücklich. Als Schauspielerin fragt man sich dann: Was hast du nur? Du hast mehr Möglichkeiten als ich, du wirst viel besser bezahlt, und trotzdem bist du grantig." Ich denke, Isabelle hat recht.

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(SZ vom 28.01.2010/iko)