Interview: Christian Mayer

"Viel Geschrei um einen Eierkuchen": Dieter Hildebrandt erklärt, warum er dem Parodisten Mathias Richling die Verwendung des Titels "Scheibenwischer" verbietet.

1980 brachte die ARD den "Scheibenwischer" ins Programm, ein politisches Kabarett, für das Dieter Hildebrandt stand. Nun wird der Parodist Mathias Richling die Sendung verantwortlich fortführen, allerdings unter anderem Titel. Hildebrandt, 81, ließ "Scheibenwischer", seine Erfindung, verbieten. Richling, meint Hildebrandt, öffne sich zu sehr der Comedy.

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Dieter Hildebrandt: Vorzeigekabarettist der ARD. (© Foto: dpa)

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SZ: Herr Hildebrandt, Ihr Kollege Mathias Richling wirft Ihnen "Humor-Fundamentalismus" vor - und sieht Sie als Kabarett-Papst. Was sagen Sie?

Dieter Hildebrandt: Es gibt ein Drama von Shakespeare mit dem schönen Titel "Much Ado About Nothing", sehr frei übersetzt: Viel Geschrei um einen Eierkuchen. Der Anlass für meinen Entschluss, den Titel Scheibenwischer einzukassieren, kam doch von ihm. Unvorsichtigerweise hat Mathias Richling ja vor der Sendung mitgeteilt, was er damit vorhat. Ich hab' das aufmerksam gelesen und dann gesagt: Okay, dann brauchen sie diesen Titel nicht mehr. Und weil ich weiß, dass so was nur mit Anwalt geht, hab' ich das eben mit Anwalt gemacht.

SZ: Das fand Herr Richling nicht nett.

Hildebrandt: Er hat mich angerufen, als der Anwalt eingeschritten war - das hat ihn sehr erregt. Und ich habe ihm meinen Entschluss erklärt: "Ich finde es falsch, dass du die Grenzen des politischen Kabaretts, die früher ja auch nicht immer so eng waren, in Richtung Comedy öffnest." Wer diese Grenzen noch weiter aufmacht, schafft eine unsägliche Mischung aus Kasperei und Aussage. Das hat den Richling sehr, sehr getroffen. Ich versteh' das nicht. Er hätte sich ja gleich einen neuen Titel einfallen lassen können, von mir aus Scheibenkleister oder irgendetwas Originelles.

SZ: Vielleicht wollte Richling mit dem Streit Aufmerksamkeit provozieren?

Hildebrandt: Dann hat er aber Pech gehabt, weil er mir auch einen PR-Effekt beschert hat! Ich bin gerade unterwegs auf Tournee mit meinem Buch "Nie wieder achtzig!" und brauche ebenfalls volle Säle für mein Programm.

SZ: Im neuen Satiregipfel wird auch Ingolf Lück auftreten.

Hildebrandt: Ja, der nie von sich behauptet hat, ein politischer Kabarettist zu sein. Ich habe Ingolf Lück immer als hervorragenden Comedian angenommen. An ihm habe ich gar nichts auszusetzen. Ich mag nur nicht, dass man diesen Leuten jetzt politische Texte aufdrängt, die sie vielleicht gar nicht wollten. Das wäre dann die Vercomedianisierung des Kabaretts, obwohl ich auch das nicht so unglaublich schlimm finde. Ich hege keine päpstlichen Gefühle für die Reinheit der Lehre - mir geht es nur darum, zu verhindern, dass ein Titel, der seit 1980 für politisches Kabarett steht, einen komplett anderen Inhalt bekommt.

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, wo die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy liegen.

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