SZ: Zu der Sie selber gehören?

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Golumbia: Ja. Ich bin von marxistischen Denkweisen beeinflusst. Aber die meisten Leute, die sich heute für links oder grün oder sogar sozialistisch halten, werden im Zuge der digitalen Veränderungen von konservativen Positionen aufgesogen, ohne es zu merken.

SZ: Wie sieht das konkret aus?

Golumbia: Ein einfaches Beispiel ist, dass viele Linke große Apple-Fans sind, weil sie sich selbst und die Marke als "kreativ und cool" empfinden. Das mag schon stimmen. Aber gleichzeitig ist bekannt, dass Apple eine ziemlich autoritäre Firma ist und sich über interne Arbeitsabläufe ausschweigt.

SZ: Andererseits sind die Entwicklungen - auch die von Apple - Geräte, die die Welt verändern. Wenn man an die Zeit vor der Erfindung des Computers denkt, durchleben wir einen gewaltigen, radikalen Bruch.

Golumbia: Das Internet hat viele Dinge fundamental verändert. Ich bin alt genug, um meine vielen Kisten mit Vinyl-Platten gegen ein kleines, tragbares Gerät getauscht zu haben. Aber die Menschen konzentrieren sich zu sehr darauf, wo uns die Technik hintreibt anstatt zu fragen, wo wir hin wollen. Die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln ist keine Aufgabe für Computer.

SZ: Aber markiert das Internet nicht doch einen radikalen Bruch?

Golumbia: Wenn man in der Kulturgeschichte zurückblickt, stellt man fest, dass radikale Brüche selten sind. Und weil der Begriff "Medien" nur eine Metapher für "Kommunikation" ist, und Kommunikation seit jeher Teil des menschlichen Daseins ist, könnte man gleichzeitig behaupten, dass sich Medien jederzeit stark verändern. Im Übrigen sind diejenigen, die so gerne an den "radikalen Bruch" glauben möchten, nicht die, die von ihm profitieren würden.

SZ: Wer profitiert dann davon?

Golumbia: Neoliberale, neoimperialistische Thinktanks und politische Organisationen, die für ihre Vorstellung von ökonomischer Globalisierung kämpfen. Die Veröffentlichungen der Rand Corporation (ehemals militärischer Thinktank, Anm. d. Red.) aus den Siebzigern machen im Nachhinein klar, warum sie damals für ein vernetztes Computersystem geworben haben. Weil es damit leichter wird, weite Teile der Welt auszubeuten, sich Ressourcen anzueignen und ganze Regionen zu kontrollieren. Diese Erkenntnis kommt direkt aus der vergangenen Politik der Imperialmächte: Kommunikation und Kontrolle waren früher Schwachpunkte. Heute kann ein Wal-Mart-Manager auch die Produktion im chinesischen Hinterland ganz einfach überwachen.

SZ: Demnach stärkt - anders als viele glauben - die digitale Entwicklung nur den Status quo?

Golumbia: Ich nenne diesen Glauben "Computationalism". Eine Ideologie, die sich selber als neu darstellt, aber tatsächlich in verkappter Form nur bekannte kapitalistische und neoliberale Praktiken transportiert. Ich nutze den Begriff mittlerweile, um auf eine ganze Reihe von Standpunkten hinzuweisen, die das Hirn, vor allem aber die Sprache als computerartig betrachten.

SZ: Woher leiten Sie diesen Begriff ab?

Golumbia: Die Idee des Computationalismus habe ich durch die Lektüre angloamerikanischer Philosophie und sprachwissenschaftlicher Texte bekommen. Da fiel mir auf, dass es einen starken Drang gibt, unsere Gedanken und Sprache mit der Funktion von Computern zu vergleichen. Der Spracherkennungs- und Künstliche-Intelligenz-Forscher Ray Kurzweil ist der berühmteste "Computationalist", der glaubt, dass das Hirn ein Computer sei. Der Mathematiker und Erfinder der Suchmaschine Wolframalpha Stephen Wolfram behauptet sogar, dass praktisch alles im Universum ein Computer sei. Mich interessiert, warum diese Sichtweisen so fesselnd sind, obwohl überhaupt kein einziger Beweis vorliegt, dass sie stimmen könnten. Ganz im Gegenteil - Philosophen wie Hilary Putnam oder Ludwig Wittgenstein haben konsequent dagegen argumentiert.

SZ: Das sind Forscher. Taucht diese Geisteshaltung denn schon im Alltag auf?

Golumbia: Ich befürchte, dass Computationalism schon einen enormen Einfluss auf unser Leben und die Art und Weise, wie sich Menschen in die Gesellschaft einbringen, genommen hat. Die Menschen werden dadurch stärker in das weltweite Kapital-Netzwerk integriert als jemals zuvor. Nicht nur der Einzelne. Die ganze Gesellschaft wird heute deutlicher um das Kapital herum organisiert als je zuvor.

SZ: Gibt es für Sie keinen Weg, die Neuen Medien sinnvoll einzusetzen?

Golumbia: Barack Obama hat sie während seiner Kampagne meisterhaft verwendet. Er machte seine politischen Ziele stets klar. Doch neue Medien sind bei ihm niemals mehr als einer von mehreren Kanälen, die er nutzt, um seine politische Effizienz zu maximieren. Der digitale Diskurs nahm in der Debatte um und mit Obama stets einen geringen Stellenwert ein, anders als zum Beispiel bei den Protesten in Iran.

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  1. Twitter? Überschätzt!
  2. Sie lesen jetzt Das Universum ist ein Computer
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(SZ vom 6.7.2009/jeder)