Im Gespräch: ARD-Chef Boudgoust Die Qualitätsgurus der Nation

SZ: Es zeugt nicht gerade von journalistischem Stolz, das Ergebnis monatelanger Recherche im Nachtprogramm zu verstecken.

Boudgoust: Es gibt keine Hierarchie in der Frage der Startzeit. Wir haben die Fernsehspiele "Besuch der alten Dame", das "Feuerschiff" und "Willkommen zuhause" um 20.15 Uhr gebracht. Aber wir machen das Programm nicht für uns selbst, sondern für Menschen, die bestimmte Erwartungen haben.

SZ: Das schlimmste ist die Wirtschaftskrise, die die Welt gerade erlebt. Erklären Sie uns doch bitte einmal, warum es die ARD 2008 nur auf 13 "Brennpunkte" brachte, also monothematische Sondersendungen nach der "Tagesschau". 1999 waren es noch 32.

Boudgoust: Die Zahl der "Brennpunkte" ist ein falscher Indikator. Wir haben in früheren Jahren an einer Inflation von "Brennpunkten" gelitten. Das ist eine bewusste Zurücknahme.

SZ: Selbst wenn - wie Ende November - Terroristen in Mumbai einfallen, langt es nicht zu einem 15-minütigen Spezial um 20.15 Uhr? Stattdessen mussten die Stars und Sternchen bei der "Bambi"-Verleihung live gezeigt werden.

Boudgoust: Das war ein Sonderfall. Die "Tagesschau" hatten wir wegen dieses Ereignisses schon um fünf Minuten verlängert. Nach Einschätzung der Programmdirektion gab die Informationslage nicht mehr her.

SZ: Ist das auch Ihre Einschätzung? Die ARD könnte bei solchen aktuellen Themen mit ihrem Apparat, mit den vielen Korrespondenten und dem großen Archivmaterial leicht Orientierung geben.

Boudgoust: Diese Entscheidung beruhte auf einer seriösen Einschätzung der Nachrichten- und Bilderlage. Wir haben dem Thema zudem wieder in den "Tagesthemen" ausführliche Aufmerksamkeit gewidmet.

SZ: Nachdem die Pfauen-Schau "Bambi" korrekt beendet war.

Boudgoust: Wir machen doch keinen "Brennpunkt" nur aus Effekthascherei! Die Ereignisse und das, was wir berichten können, müssen dafür stehen. Das bedeutet aber doch nicht, dass uns der "Bambi" mehr wert ist als die Information.

SZ: Zu den Höhepunkten der ARD-Information gehört auch die Talkshow von Anne Will. Ihr Vertrag läuft 2010 aus und mit den jetzt erworbenen Erstverwertungsrechten für die Sonntagsspiele der Fußballbundesliga könnte die ARD eine attraktive Sportschau auf Wills Sendeplatz anbieten.

Boudgoust: Da wird ein Problem aufgerührt, das keines ist. Die Bundesliga-Berichterstattung ist eine große Chance für unsere Dritten Programme. Unser regionales Angebot wird aufgewertet und verbreitert. Eine fast geniale Lösung.

SZ: Die Sponsoren der Liga sähen die Bilder lieber im Ersten.

Boudgoust: Die ARD wird den Sonntagsfußball hervorragend präsentieren. Da ist es auch nicht die entscheidende Frage, ob die Sponsoren etwas Anderes wollen. Die außerordentlich erfolgreichen Dritten Programme werden unterschätzt. Dabei handelt es sich um das erfolgreichste Programmangebot nach dem Ersten, vor dem ZDF und RTL. Die entscheidenden Herren bei der DFL und den professionelleren Vereinen wissen das und am Ende der neuen Saison werden alle Clubs und auch die Sponsoren den positiven Unterschied zur jetzigen Lösung sehen.

SZ: In der derzeitigen Wirtschaftskrise schwächeln die kommerziellen TV-Veranstalter. Das Geld wird dort knapp. Wollen Sie von den Schwierigkeiten der großen Konzerne RTL und Pro Sieben Sat1 profitieren?

Boudgoust: Die ARD ist nicht auf Expansionskurs. Unsere Ausstattung mit Rundfunkgebühren ist angemessen, sie gleicht aber nicht einmal die Inflation aus. Die privaten Sender haben in den zurückliegenden Jahren Rekordgewinne gemacht. RTL war viele Jahre die Cashcow im Bertelsmann-Konzern. Da müssten Rücklagen vorhanden sein.

SZ: Welche besondere Verantwortung haben die Öffentlich-Rechtlichen, die mit dem Geld der Bürger finanziert sind, in der aktuellen Finanzkrise?

Boudgoust: Wir sind ein stabilisierender Faktor in schwierigen Zeiten, erklären Zusammenhänge und tragen dazu bei, dass die Bürger die Geschehnisse einordnen und ihre Auswirkungen erkennen können.

SZ: Sehen Sie den Qualitätsjournalismus angesichts der Presse-Krise verstärkt auf ARD und ZDF zukommen?

Boudgoust: Unsere Zuschauer und Zuhörer sind durchweg Leser von Qualitätszeitungen. Wenn es hier im Markt Einbrüche gäbe, hätte dies auch Auswirkungen auf uns. Ich bin für Kooperationen mit Zeitungen, um gemeinsam das ökonomische Risiko zu reduzieren, beispielsweise im Internet. Wir sollten ein Bündnis für Qualitätsjournalismus schaffen. Die eigentliche Herausforderung liegt im Aufkommen von Phänomenen wie Google. Bei Google wird der Autor faktisch enteignet, indem alles neu formatiert und zusammengestellt wird. Damit wird der Begriff der Qualität entwertet.

SZ: Welche Schwerpunkte sieht die ARD im Internet?

Boudgoust: Wir müssen von den Nutzern als relevantes Medium wahrgenommen werden und auf all den Übertragungswegen präsent sein, die sie nutzen. Auf eigenen Portalen, aber beispielsweise auch auf Youtube.

SZ: Also Google.

Boudgoust: Wir müssen uns nach den Gesetzmäßigkeiten des Internets richten. Wir sind da sehr weit und werden noch in diesem Jahr einen eigenen Channel mit Information und Unterhaltung aus unseren Programmen starten, so wie das ZDF.

SZ: Sie sind Verwaltungsexperte. Welche organisatorischen Reformen wollen Sie in der ARD durchsetzen? Gibt es etwas, was Sie schon immer einmal gerne verändert hätten?

Boudgoust: Für mich sind Änderungen kein Selbstzweck Aber die Veränderungsgeschwindigkeit um uns herum hat enorm zugenommen. Deshalb müssen wir zu schnelleren Verfahren kommen. Dafür werbe ich.

SZ: Mehr Tempo in der ARD? Wie soll das gelingen?

Boudgoust: Wir müssen Entscheidungsprozesse in der ARD vorantreiben können, indem wir die Abläufe vereinfachen. Das führt nicht gleich zum Verlust der föderalen Vielfalt, die uns auszeichnet. Ein Vorbild ist die interne Strategiegruppe der ARD, die sich selbst Themen setzen kann, aber auch Aufträge von den Intendanten bekommt. Eines ist sicher: Wir müssen schneller werden.