Im Gespräch: Alfred Brendel "Müßig sein werde ich kaum"

Der Konzertpianist Alfred Brendel klappt grinsend den Klavierdeckel zu. In Zukunft möchte er vorsichtig und höflich seine Meinung kundtun und böse Lyrik verfassen.

Interview: Andreas Dorschel

SZ: Warum kommt das Wort 'aufhören' wohl von 'hören'? Hört man immer auf den oder die anderen, wenn man mit etwas aufhört?

Alfred Brendel möchte als Konzertpianist aufhören - und mit dem Ärgern und Sich-Ärgern.

(Foto: Foto: dpa)

Alfred Brendel: In meinem Fall habe ich auf andere gehört, als ich vor zwei Jahren aufhören wollte und sie mir sagten: Du spielst jetzt noch weiter. Aber diesmal höre ich auf mich selbst und höre mit dem Aufhören wirklich auf.

SZ: Wie fühlt es sich aber nun an, Ihr konzertpianistisches Aufhören?

Brendel: Wunderbar. Es geht mir wie dem Butler aus der Monster-Familie des amerikanischen Cartoonisten Chas Adams: Während alle Leute um ihn herum verstört und weinend im Kino sitzen, grinst er über das ganze Gesicht.

SZ: Hat es in Ihrem Leben je einen Tag gegeben, an dem Sie das Klavierspielen, das Konzertieren einfach satt hatten?

Brendel: Manchmal unmittelbar vor den Ferien. Nach acht Tagen Hör- und Spielpause war die Lust wieder da.

SZ: Gibt es etwas, mit dem sie besser aufgehört hätten, aber nicht aufgehört haben?

Brendel: Ja, mit dem Ärgern und Sich-Ärgern. Klaviere, Huster, Motorrad-Rennfahrer, Baumsägen, Musiker, Kritiker, man selbst: Das ist doch alles Verschwendung. Was, nach Hebbel, allein der Mühe wert wäre, ist, die ganze Erde mit einer Kanone Gott ins Gesicht zu schießen.

SZ: Würde Gott sich darüber ärgern?

Brendel: Wenn man einem hypothetischen Gott ins Gesicht schießt, darf man hoffen, dass er sich hypothetisch ärgert.

SZ: Beginnen Sie demnächst etwas, da Sie nun mit dem Konzertieren aufhören?

Brendel: Ich erwarte nichts völlig Neues, aber man kann ja nie wissen. Auf keinen Fall werde ich Romane oder Theaterstücke schreiben. Ich werde nicht in den Jurys von Klavierwettbewerben sitzen oder den Zylinderhut wiedereinführen. Ich werde fortsetzen, wozu ich bisher selten Gelegenheit hatte, Vorträge halten, ganz vorsichtig und höflich Meinungen von mir geben - über die komischen Möglichkeiten der Musik, über musikalischen Charakter oder die Fallgruben und Fußangeln musikalischer Interpretation. Auch ein paar böse und liebe Gedichte hoffe ich noch zu verantworten. Müßig sein werde ich kaum. Ich konnte mit mir selbst und mit meiner Zeit immer "etwas anfangen".

SZ: Die Musik ist ja eine Kunst des Aufhörens. Jeder Komponist muss sein Stück zu Ende bringen. Wer kommt Ihnen besonders als musikalischer Meister des Aufhörens in den Sinn?

Brendel: Da müsste ich viele große Komponisten anführen. Der Abschluss ist ja, wie schon der Beginn des Stücks, etwas Entscheidendes. Wie der Komponist uns da hinführt, in welchem Maße dieses Ziel uns überzeugt, das beweist den Grad seiner Meisterschaft. Dass Liszt sich anders besonnen hat und das Ende seiner h-moll-Sonate in einem zarten, introvertierten Epilog ausklingen lässt, statt uns mit bombastischen Akkorden zu erschlagen, wertet das Werk unendlich auf. Was die Kompositionen der Meister dem ausführenden Musiker demonstrieren, ist, dass es möglich ist, rechtzeitig, im richtigen Moment, in der richtigen Weise aufzuhören. Und wie viele Schlüsse gibt es! Freundliche, glückliche, begeisterte. Tragische, dämonische, tödliche. Resignierende, verklärende, verhauchende. Abrupte, nicht endenwollende. Zaghafte, entschlossene. Witzige. In Chopins Präludien gibt es vierundzwanzig auf knappstem Raum. Ein besonderer Meister der Schlüsse war Mozart. Wie kein anderer fasst er in den wenigen Takten einer Coda das Wesentliche zusammen. Und dann noch Beethoven, der in den Schlüssen seiner letzten Sonaten nicht abschließt, sondern aus der Musik hinausführt - in Opus 109 ins innere Verstummen, in Opus 110 in eine euphorische Selbstverbrennung, und in Opus 111 in grenzenlose Stille.

SZ: In der Musik vom 17. bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es meist ein explizites Schließen: eine distinkt finale Geste endet das Stück. Im späteren 19. Jahrhundert, etwa bei Mahler, Strauss, Debussy, Delius, Berg, entsteht dann aber etwas ganz anderes: ein Verrinnen der Musik, oder auch ein Entschweben, jedenfalls ihr Verschwinden.

Brendel: Je weniger Gewicht die tonale Harmonik hat, desto eher vielleicht und bereitwilliger kann man aus ihr verschwinden. Eine Art Materialermüdung stellt sich ein. Offene Schlüsse gab es schon in der Romantik: Schumanns "Kind im Einschlummern" etwa oder Chopins vorletztes Prélude, die zwar beide zum Schlussstück eines Zyklus hinführen, aber, separat gespielt, umso poetischer wirken. Als ein musikalisches Fragezeichen, das auf einer Leiter von verminderten Septimenakkorden ins Nichts führt, steht dann Liszts "Bagatelle ohne Tonart" allein.

SZ: Ein sehr merkwürdiger Fall in Sachen Aufhören ist das Finale von Schuberts letzter Klaviersonate. Da setzt sich der Bewegung ein Zwang zum Aufhören entgegen, in Gestalt der synkopierten Fortepiano-Oktave auf G, die schon ganz am Anfang erklingt. Verstehen Sie das?

Brendel: Ich höre den letzten Satz der B-Dur-Sonate nicht aus dieser Perspektive, also als ein ständiges Aufbäumen und ermattetes Absinken. Dass der Satz eher fröhlich und spielerisch ist im Sinne mancher Finalsätze Beethovens, ergibt sich aus dem Charakter der Thematik. Wienerisch gesagt: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Dass die Oktave auf G über zwei Halbtöne ins F hinabgeführt wird, darf man auch humoristisch nehmen; darüber hinaus gibt es eine sehr gute, rein musikalische Ursache: Bereits im Hauptthema des ersten Satzes sind zwei Vorhalte, G-F und Ges-F, als wichtige Motive vorhanden, die den Verlauf des Werkes mitbestimmen. Der geflüsterte Basstriller auf Ges ist ja der Hintergrund, die geheimnisvolle dritte Dimension, ein langer Schatten in die Stille. Vor der Coda des Finales wird dann die Hoffnungslosigkeit, und sei sie noch so vergnügt, Lügen gestraft. Das Ges wird auf bezaubernde Weise endgültig eliminiert. Die Coda ist entzückt darüber.