Enorme Komparsenmassen, weiträumige Landschaftstotalen, dick instrumentierte Orchestermusik. Dazu: Ein bitter-süßes Liebesdrama, sittliche Haltungen, moralische Entscheidungen. Und auch brillant besetzt: Doch ist das Geschichte?
Nach Dresden jetzt Die Flucht: Wieder vergegenwärtigt ein aufwendiger, insgesamt 180 Minuten dauernder Fernsehzweiteiler Leiden und Opfer der deutschen Zivilbevölkerung am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die überstürzte Flucht großer Teile der ostpreußischen Einwohnerschaft samt Alten, Frauen und Kindern vor der Roten Armee im Januar 1945, der Weg der Trecks über das zugefrorene, gleichwohl immer wieder einbrechende Haff, dazu der Beschuss der Fliehenden durch Kampfbomber, all das mündet in eine humanitäre Katastrophe von unerhörter Grausamkeit.
Der historische Hintergrund wurde mit erkennbarer Sorgfalt und umfassender Information höchst ausgewogen aufbereitet. (© Foto: ARD)
Anzeige
Die großen TV-Epen zu den deutschen Untergängen haben mittlerweile eine gut eingespielte Ästhetik und Erzählhaltung entwickelt: Vor dem Hintergrund des verschwenderisch nachgestellten Kollektivschicksals machen sorgsam verwebte Einzelgeschichten den historischen Vorgang einer identifizierenden Einfühlung zugänglich. Enorme Komparsenmassen, weiträumige Landschaftstotalen, dick instrumentierte, wogende Orchestermusik versinnbildlichen den Mahlstrom der Geschichte; ein brillant besetztes, bitter-süßes Familien- und Liebesdrama zeigt sittliche Haltungen und moralische Entscheidungssituationen.
Die schöne Gräfin Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler) kehrt nach Jahren der Abwesenheit auf ihr Heimatgut, einen seit 600 Jahren in Familienbesitz befindlichen Herrensitz samt Barockschloss, zu ihrem sterbenskranken Vater zurück, der sie wegen einer Mesalliance verstoßen hatte.
Es ist Sommer 1944, und der Vorstoß der Roten Armee aufs ostpreußische Reichsgebiet schon absehbar. Die Schicksale der Gräfin, die sich, ihrem Vater zuliebe, zur Heirat mit einem Sohn der benachbarten Grafen Gernstorff entschließt, aber bald auch einem auf Gut Mahlenberg Zwangsarbeit leistenden französischen Kriegsgefangenen (Jean-Yves Berteloot) verfällt, der Freiheit und Humanität auf den wortkargen Lippen führt - dieser eingängige, sacharinhaltige Adelsroman öffnet vielfältige Blicke auf die soziale und politische Lage in Ostpreußen kurz vor dem Untergang.
Die von Männern entblößten, von Requirierungen bedrohten Güter werden nur mit Hilfe von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aufrechterhalten. Das altpreußische Adelsethos ist umstellt von hochfahrenden Parteiführern und fanatischen Hitlerjungen aus der Unterschicht, innerlich zerfressen ist es von Opportunismus und starrem Standesdünkel.
Die Problematik der moralischen Typisierungen, die eine solche Erzählung vornehmen muss, zeigen die kurzen Figurencharakteristiken in einem Begleitheft der ARD: ,,Hanns Zischler'', heißt es da, ,,spielt den reichen, kapitalistischen, nach modernsten Methoden arbeitenden Entrepreneur Rüdiger Graf von Gernstorff, der mit den Nazis kooperiert und durch seine autoritäre Haltung seine Familie zerstört.'' - ,,Gabriela Maria Schmeide spielt Babette, Bedienstete und beste Freundin Lenas. Sie verspricht sich von den Nazis eine steile Karriere für ihren Sohn. Obrigkeitshörig und naiv glaubt sie zu lange an den Endsieg der Nationalsozialisten und will nicht fliehen.'' - ,,Max von Thun spielt den sensiblen Ferdinand Graf von Gernstorff, dem es nicht gelingt, sich mit dem Wahnsinn des Krieges zu arrangieren, und der daran schließlich zerbricht.''
Von Weiß bis Schwarz ist das ganze sittliche Spektrum in allerlei Schattierungen eingearbeitet. Der historische Hintergrund wurde mit erkennbarer Sorgfalt und umfassender Information höchst ausgewogen aufbereitet. Bevor es zum Einbruch der Russen mit Mord und Vergewaltigung und zur verheerenden Flucht kommt, erfährt der Zuschauer genügend vom deutschen Schuldanteil, um sein Urteil zu justieren: Die Evakuierung begann viel zu spät, weil das Regime mit illusionären Durchhalteparolen und einem ,,Wall von Leibern'' die Stellung zu halten versuchte; nur darum kam es zur Einkesselung und zur Notwendigkeit, im Hochwinter den fadendünnen Weg übers Haff zu wählen.
Die deutsche Kriegsführung, die den Hass der sowjetischen Armee erst anstachelte, ist in Augenzeugenberichten, vor allem aber in einer grausamen Erschießung von flüchtenden Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern präsent. Die barbarischen Exekutionen von echten oder angeblichen deutschen Deserteuren und Verrätern verdeutlichen zusätzlich den Charakter des Regimes. Die kriegsrechtswidrigen Untaten der Roten Armee, vor allem die sexuelle Gewalt gegen wehrlose Frauen, werden damit nicht entschuldigt, aber sie verlieren alles Überraschende. Der Sturm, den die Deutschen entfesselt hatten, trifft nun Schuldige und Unschuldige, die dumme Bedienstete ebenso wie den verzweifelten schönen Grafensohn, der sich erschießt, während sein schmieriger Bruder als furchtbarer Jurist bis zum Schluss Todesurteile gegen flüchtende Soldaten unterzeichnet.
Kurzum: Das Ganze ist eine nahrhafte Torte aus trockenen Böden von Didaktik mit cremigen Schichten von Gefühl und einem Schlag fetter Musiksahne oben drauf. Alles nicht verkehrt, politisch-historisch unanfechtbar, dabei unterhaltsam und ergreifend. Und eben doch zu süß und zu fett. Ein Beispiel: Da wird viel vom Ende einer 600-jährigen Tradition geredet, und die scheidenden Aristokraten werfen letzte Blicke auf die in warmes Licht getauchten weiten Landschaften. Doch die ostpreußischen Güter waren in den letzten beiden Generationen vor dem Untergang zu über 60 Prozent in neue, nämlich bürgerliche Hände übergegangen. Sie florierten mäßig, wurden steuerlich hoch subventioniert und hatten ihren patriarchalischen Charakter weitgehend eingebüßt. Die glanzvolle Schlösserwelt der Finckensteins oder Dönhoffs war eher der Ausnahmefall.
Walter Kempowskis Roman "Alles umsonst" vom vorigen Herbst, der denselben Stoff aufgreift wie das Fernsehepos "Die Flucht" hat den Mut, diese nüchterne soziale Wirklichkeit eines verbürgerlichten Gutes vorzuführen. Überhaupt kann man dem Zuschauer, der sich jetzt von der Flucht beeindrucken lässt, nur empfehlen, sich vergleichend dem Roman Kempowskis zuzuwenden.
Historisches Erzählen ist immer nur eingeschränkt frei, bedingt durch geschichtliche Wirklichkeit, im Fall der deutschen Katastrophen vor allem aber moralisch bedrängt. Für Kunst sind solche Vorgaben nicht nur eine Einschränkung, sondern vor allem eine formale Herausforderung, die übrigens in vormodernen Zeiten ästhetischer Alltag war: Wie bewege ich mich künstlerisch in einem von Regeln, Tatsachen und moralischen Empfindlichkeiten verminten Gelände?
Ein alter Meister wie Kempowski behauptet sich hier mit kühner Bravour, riskiert auch sittlich gebrochene Figuren, beispielsweise den uneigennützigen Nazi, eine unpolitisch-indifferente Gutsherrin, die dann doch einen (nicht besonders einnehmenden) Juden versteckt, vor allem aber zeigt er im Fluidum der Sprache die tiefe mentalitätsgeschichtliche Fremdheit der in Ostpreußen untergehenden Gesellschaft. Sein trockener, selbst den Sarkasmus nicht scheuender Ton vermeidet alle Gefühligkeit und lässt den Blick auf das nackte Grauen umso unverstellter. Die gewissermaßen physiologische Empathie, die man mit dem existenziellen Leiden empfindet, balanciert er mit der kühlen Ausmalung einer nicht besonders sympathischen Gesellschaft, ohne der Humanität deshalb den geringsten Abbruch zu tun.
Die Flucht ist lehrreich und sehenswert, sie hat, vor allem wenn Angela Winkler als depressive Gräfin Gernstorff auftritt, starke Momente. Noch lehrreicher wird der Film, wenn man ihn mit wirklich großer Kunst vergleicht.
Die Flucht, Arte, beide Teile Freitag, 20.40 Uhr; ARD, Teil eins Sonntag, Teil zwei Montag, jeweils 20.15 Uhr.
Meiner Meinung nach ein sehr gelungener Film, der natürlich nicht Beispiel für alle Schicksale sein kann, dennoch einen bewegenden Eindruck über die Zeit und das Leiden gibt.
@heilback: Rosamunde Pilcher??????? Was soll denn das eine mit dem anderen zu tun haben? Der Film war nicht unter der Rubrik Kriegsfilm zu finden, also ist ja wohl gegen ein wenig Gefühle, die sogar in dieser Zeit auch vorgekommen sein mögen, nichts zu sagen....
Gesehen und gedacht, dass Rosamunde Pilcher einen Film über Flucht und Vertreibung gedreht hat. Aber die schreibt ja nur.
Folgende historische Gesichtspunkte und Aspekte sind in dem Film mit angeblichem Anspruch auf historische Genauigkeit m.E. nicht genügend dokumentiert worden. Zunächst einmal ist bewußt auf eine Darstellung der Vorkriegsverhältnisse in Ostpreussen, wohl bewußt, verzichtet worden. Denn, wenn das Thema wirklich hstorisch genau behandelt worden wäre, stellt sich zu Anfang von allem die Frage: Wie waren denn die tatsächlichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse bei Kriegsausbruch wirklich im damaligen Ostpreußen. Die Verhältnisse waren insbesondere geprägt durch eine hungernde, ostpreussische Landbevölkerung mit abhängiger, sklavenartiger Land- oder Lohnarbeit bzw. Knechtschaft einerseits , un-/vordemokratischer Gesinnung, Elitedenken/-regiment, Großgrundbesitzer- und Junkertum bzw. Adelsherrschaft andererseits, wodurch es bereits weit vor Kriegsausbruch zu einem massenweisen Wegzug großer Bevölkerungsteile aus wirtschaftlichen Gründen aus Ostpreussen in die Industriegebiete kam. Insofern kann man die Vertreibung aus Ostpreussen auch durchaus positiv sehen, weil damit diese Verhältnisse endlich zusammenbrachen. Es wird außerdem völlig ausgeblendet, daß Ostpreußen "die" Bastion des Nationalsozialismus war. Bezeichnenderweise kommen als Zeitzeugen fast ausschliesslich Nachfahren von diesen aus Ostpreussen vertriebenen ehemaligen Gutsbesitzerfamilien zu Wort, nicht jedoch ehemalige Landarbeiter/- innen und deren Sicht der Dinge. Ihr damaliges Leben in Ostpreussen sowie ihre Familie wird von Ihnen durchweg im positivsten Lichte dargestellt, daß man sich unwillkürlich fragt, "war das alles wirklich so". Zudem waren auf den langen Trecks Richtung Westen es gerade nicht die schönen, verwöhnten, adligen Frauen, die die eigentlichen heldenhaften Vorbilder mit unglaublicher Charakterstärke darstellten, sondern häufig kläglich an sich scheiterten, sondern die "einfachen, das Zupacken gewohnte Frauen, die für das Überleben einer solchen Vertriebenengruppe gesorgt haben. Ein weiterer Aspekt ist verbunden mit der Frage, ob die Vertreibung nicht auch positive Aspekte mit sich brachte, denn insbesondere für die vielen abhängigen Landarbeiter war sie insofern ein Glücksfall, daß sie in die "zivilisierte" westliche Welt gelangten, in der viele von Ihnen nach dem Krieg sehr viel besser lebten als früher in ihrer alten Heimat. Viele von ihnen waren so dem Kommunismus entkommen. Auch wenn sie große Verluste erlitten haben, mußten sie nicht kommunistische Unfreiheit und Armut erleben. Angesichts dieser Tatsache können viele Ostpreußen, die in den Westen gelangten, von Glück reden.
Ich denke schon, dass der Film historisch anfechtbar ist. Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass Leute, die übers Haff fliehen mussten, es dann über den Landweg durch Pommern geschafft haben. Jedenfalls sind z.B. Die Dönhoff und v. Schlobitten den Landweg zwar gegangen, hatten aber durch ihre Beziehungen schon viel eher Wind von der Gefahr bekommen und entgingen dem Heiligenbeiler Kessel, der etwa Ende Januar zu war. Man hatte also den Februar und ein paar Tage im März, um übers Haff und dann durch ganz Pommern, zu kommen Eher unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass Eisenbahn und Strassen von der Wehrmacht requiriert waren und diese nur sehr begrenzt Leute durchließen. Meine Großmiutter mit ihren beiden Kindern ist diesen Weg ja auch gegangen. Sie saßen dann in Danzig fest und das war eigentlich der schlimmste Teil. Frau Dönhoff, die hier offenbar als Vorbild für den Film gilt, hat von "der Flucht" eigentlich nicht viel mitbekommen.
An ihrem Artikel finde ich gut die Bemerkungen über die soziale Situation in Ostpreußen. Als ob es dort nur Adelige und ihr Gesinde gegeben hat. Meine Vorfahren waren Bauern, Schneider, Krankenschwester. Uns nervt dieses ganze Adeligengehabe ungeheuer ("Gräfin, unsere Zuversicht" etc.). Wie hatten geplant, den Film am Sonntag und Montag im Familienkreis anzuschauen. Es lohnt nicht.
Mit freudlichen Grüßen
Peter Rundik, Berlin
Das Gelände ist deshalb vermint, weil trotz "Dresden", das im Schlepptau des ikonographisch völlig falschen Wiederaufbaus der Frauenkirche (heile Welt/geheilte Wunden statt Mahnmal) daherkam und das Thema der Zerstörung Dresdens von rechts in die Mitte der Gesellschaft geholt hat, sich immer noch genügend Stimmen finden, (Danke Herr Seibt), die den Mythos des/der unschuldigen aber leidverfolgten Deutschen in Frage stellen. Allein die Tatsache, daß die Widerstandsmythologie mit EinzeltäterInnen oder Kleinstgruppen (Weiße Rose, 20 Juli '44) auskommen muß, belegt doch, daß die Banalität des Bösen in die "normalsten" Bereiche hineinragt. Wenn man eine Lehre aus dem 3. Reich zieht, dann die, daß Wegschauen und kritiklose, achselzuckend-gleichgültige Konformität damals wie heute nicht entschuldbar sind.
Paging