"Illegale Helfer" am Schauspielhaus Salzburg Kein Schiff wird kommen

Maxi Obexer hat Interviews mit Flüchtligen und Schleusern zu einem Doku-Drama verdichtet. Nun wurde "Illegale Helfer" in Salzburg uraufgeführt.

Von Egbert Tholl

Maxi Obexer, geboren in Südtirol und dort genauso wie inzwischen auch in Berlin zu Hause, schreibt Stücke, Essays, Hörspiele und Romane und hasst das Unverbindliche. Schreibt sie fürs Theater eine Liebesgeschichte, dann eine schmerzvolle über ein lesbisches Paar. Schreibt sie Essays, dann welche zu tagesaktuellen politischen Vorgängen. Schreibt sie einen Roman, wie vor fünf Jahren "Wenn gefährliche Hunde lachen", dann handelt der von einer jungen Nigerianerin, die sich in Europa ein besseres Leben erhofft. Obexer ist fleißig, akribisch, auf stille Art sehr genau. Sie recherchiert. Für ihr neues Stück, "Illegale Helfer", das gerade am Schauspielhaus Salzburg seine Uraufführung erlebte, trug sie drei Jahre lang Material zusammen. Aber eigentlich begann die Arbeit daran bereits vor mehr als zwölf Jahren.

Damals fing Obexer an, sich mit den Flüchtlingen zu beschäftigen, die nach Europa wollen. Weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden, weil sie um ihr Leben fürchten, weil sie ein besseres Lebens haben wollen. Der erste Fall, der ihr Interesse weckte: Weihnachten 1996, 283 Flüchtlinge ertrinken vor Sizilien. Fischer bergen Leichenteile, werfen sie zurück ins Meer. Die Bewohner der Küste schweigen jahrelang zu dem Vorfall, die Regierung erklärt das untergegangene Boot zum "Geisterschiff". So lautete dann auch der Titel des Stücks, das Obexer darüber schrieb und das 2005 zum ersten Mal öffentlich gelesen und zwei Jahre später uraufgeführt wurde. Darin geht es auch um das langsame Zutagetreten der Wahrheit, um die Wiederkehr des gespenstischen Schiffes also, und auch darum, dass Fischer, die Flüchtlingen halfen, ihren Job verlieren konnten. Ein Grund übrigens, weshalb Flüchtlinge manchmal ins Wasser sprangen oder ihre Boote versenkten: Nur wer im Meer treibt, muss und darf gerettet werden. Inzwischen ist die einstige juristische Einschränkung zwar zurückgenommen worden, der Anstoß zum aktuellen Stück war aber gegeben: Wer Flüchtlingen hilft, handelt illegal.

Nationales Recht im Widerstreit mit dem Menschenrecht - dieses Dilemma thematisiert die Autorin

Das stimmt so zunächst natürlich nicht und würde all jene freiwilligen Helfer irritieren, die sich in den vergangenen Monaten etwa an deutschen Bahnhöfen um die ankommenden Flüchtlinge kümmerten. Aber es gibt viele, die ganz bewusst das Gesetz übertreten, um Flüchtlingen zu helfen. Genauer gesagt, quasi im Sinne Obexers: Sie verstoßen gegen die Gesetze der Nationalstaaten, in denen sie leben, halten sich aber an die Menschenrechte.

Das Pathos in dem Stück "Illegale Helfer" ist, wie auch die Zeichnung der Figuren, legitimiert durch Recherche. Obexer verdichtete die Aussagen, die sie gesammelt hat, verteilte sie auf zehn Figuren. Neun von ihnen sind "wahr" im Sinne einer zwar kunstvollen, aber nie artifiziellen Verarbeitung des zuvor in vielen Gesprächen Erfahrenen. Eine Figur hat Obexer erfunden, Lukas, anfangs ein bisschen ein ungläubiger Thomas, der im Verlauf des Stückes immer stärker den Zwiespalt formuliert zwischen seinen Moralvorstellungen und dem eigenen Handeln oder Nichthandeln. "Was, wenn mein Staat nicht menschlich ist? Und wir aufhören, menschlich zu empfinden? Und wir es gar nicht bemerken, dass wir aufgehört haben?"

Als Maxi Obexer auf Lesetour mit ihrem Roman war, als sie Aufführungen des "Geisterschiffs" besuchte, kamen viele auf sie zu, sprachen sie an und erzählten, was sie im Verborgenen tun. Obexer reiste lange durchs Land, interviewte viele Menschen, die ihr Tun unter ein höheres Gesetz als das ihrer Staaten - Deutschland, Österreich, Schweiz - oder Europas stellten. So treten auf: Ein uralte, gewitzte Schweizerin, die einst Eva Fogelmans Buch "Wir waren keine Helden" gelesen hat, das von Menschen handelt, die Juden vor den Nazis gerettet hatten. Ein Rechtsanwalt gibt Tipps für Asylverfahren: Man solle etwa den Plan verkünden, nach der Abschiebung in den Iran dort laut das Christentum predigen zu wollen.

Es gibt Momente, da hat Obexers Stück einen gewissen Praxiswert, auch wenn der Gesetzgeber zu Wort kommt, vor allem in dem, was zwei ihrer Aktivisten erzählen. Da erfährt man viel über Schliche und Absonderlichkeiten des Asylrechts im weitesten Sinn, über das Leben in einer Schattenwelt. Wer 18 Monate der Illegalität in Deutschland überstanden hat, für den gilt offenbar die Dublin-Regelung nicht mehr. Nur: Wie übersteht man 18 Monate, ohne offiziell existent zu sein?

In der Salzburger Uraufführung durch Peter Arp, über weite Strecken als löblich objektive, sehr akkurate Sprechfuge für neun Schauspieler angelegt, erhalten die Worte der Aktivisten leider einen appellativen, durchaus aggressiven Charakter. Hier irrt die Inszenierung, denn nichts läge Obexer ferner, als zu agitieren. Sie vertraut auf Wahrheit und Menschenverstand, ist darin sicherlich eine Idealistin, aber blauäugig oder militant ist sie nicht.

Die tollste Figur in ihrem Stück würde man ihr nicht abnehmen, wäre sie erfunden. Es ist ein Verwaltungsrichter, der es irgendwann nicht mehr ertrug, Abschiebebescheid auf Abschiebebescheid abzustempeln. Dann kam eine Frau am Frankfurter Flughafen an, wollte nach Rom zu ihrer Tochter, doch der Bürokratie nach wäre sie, so der Richter, wohl jahrelang in verschiedenen Sammellagern festgehalten, mit Glück wegen ihres Alters irgendwann "geduldet" worden. Nach Italien aber hätte sie es nicht geschafft. Also fuhr der Richter sie mit seinem Auto selbst zu ihrer Tochter. Über zwei Grenzen, voller Angst. Danach trank er am Bahnhof in Verona vier Gläser Whisky auf ex, bat, zurückgekehrt nach Deutschland, um Versetzung und verzichtete damit auf alle möglichen Karrierechancen. Es gibt auch aufrichtige Schleuser, denn nichts anders war der Richter in diesem Moment gewesen.

Vermutlich hatte er da an eine Geschichte gedacht, die er auch Maxi Obexer erzählt hat. Während des Zweiten Weltkriegs gab es in Warschau einen portugiesischen Diplomaten, der Juden die Flucht ermöglichte, indem er Visa für die Einreise nach Portugal ausstellte, so viele, wie er konnte. Dies tat er auch dann noch, als er die Weisung erhielt, damit aufzuhören. Für Tausende war das die Rettung. Jener Diplomat wurde später aus dem Dienst entlassen und starb verarmt in seiner Heimat.