Ihre Frage Warum verehren wir jung Verstorbene als Genies?

Amy Winehouse: jung verstorbene Sängerin

(Foto: AFP)

Georg Trakl, Kurt Cobain und Amy Winehouse starben mit gerade einmal 27 Jahren - und gelten heute als Genies. Warum ist das so? Waren sie tatsächlich so gut - oder verklären wir jung verstorbene Künstler?

Von Carolin Gasteiger

Ihre Frage

100. Todestag von Georg Trakl, jung verblichen, Ausnahmedichter. Jung verstorbene Künstler jeglicher Art werden als Genies verehrt. Nahezu immer. Warum?

Unsere Antwort

Von Carolin Gasteiger, Mitarbeiterin im Ressort Kultur auf Süddeutsche.de

Georg Trakl wurde 27 Jahre alt. Georg Büchner sogar nur 23, Vincent van Gogh immerhin 37 - und dann wären da die Mitglieder des "Club 27": Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Amy Winehouse. Die Auswahl jung verschiedener Prominenter ließe sich beliebig fortsetzen. Wenn Künstler früh sterben, berührt uns das auf doppelte Weise.

Natürlich ist der Tod eines jungen Menschen besonders traurig, hatte er doch sein ganzes Leben vor sich. Zumal wir mit einer gesunden Lebensweise, ausgereifter Medizin und etwas Glück uralt werden können. Wenn dennoch jemand - ob nun berühmt oder nicht - jung stirbt, dann empfinden wir das als tragisch.

Handelt es sich bei den jung Verstorbenen um bekannte Künstler, kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Diese Literaten, Musiker oder Maler sind in der Kürze ihres Lebens nicht nur berühmt geworden, sie haben der Nachwelt außerdem Songs, Gemälde oder Gedichte hinterlassen, die auch Jahrhunderte später noch gehört, angesehen und gelesen werden. Trakls "Verfall", van Goghs Sonnenblumen oder "Come as you are" von Nirvana sind zu herausragend, um sie nicht zu kennen.

Genug gelebt

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Was hätten diese Künstler nicht noch alles schaffen können! Laut Duden sind sie tatsächlich Genies, nämlich "hervorragend begabte, schöpferische Menschen".

Aber verklären wir sie nicht erst aufgrund ihres frühen Todes zu wahren Meistern ihres Fachs? "In unserer Kultur gilt derjenige als großer Künstler, der an der Welt leidet, der nichts anderes kann, als sein Innerstes in Form von Kunst nach außen zu tragen", sagt Ralf von Appen, der an der Universität Gießen Populärmusik erforscht. Er ist überzeugt, dass weite Teile unserer Kultur von einer romantisierenden Idee des leidenden Künstlers geprägt sind. Zu tragischen Helden passt laut von Appen ein frühes Sterben. Erst das mache ihre Art von Kunst authentisch.

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"Voraussetzung ist natürlich der 'richtige' Tod: Suizid mit Schrotflinte oder Überdosis, nicht aber Tumor oder Badeunfall." Dann könne man in die Musik, die den Künstler überlebt, das echte Leiden am Leben hineinprojizieren, meint der Wissenschaftler. Zudem ist ein früher Tod zynischerweise der perfekte Abschluss eines künstlerischen Lebens: Am Ende bleibt nur das Werk übrig. Punkt.

Der frühe Ruhm kann nicht durch spätere Misserfolge angegriffen werden. Amy Winehouse musste angehäufte Schulden nie bei Big Brother oder im Dschungelcamp abarbeiten. Außerdem: Ältere Stars verlieren häufig den Elan und das Extreme der Jugend, sie werden beinahe häuslich. Künstler sind eben auch nur Menschen.

Robbie Williams hätte von Appen zufolge sofort den Genie-Stempel aufgedrückt bekommen, wenn er jung gestorben wäre. Ist er zum Glück nicht. Aber inzwischen beschert er uns fast öfter peinliche Videoclips (wie hier aus dem Kreißsaal) als neue Hits. Er gilt im besten Fall als guter Entertainer - das Wort Genie dürfte nur wenigen in den Sinn kommen.

Auch Keith Richards passt nicht ins Bild des leidenden Künstlers, ist aber einer der besten Musiker weltweit. Ein ergreistes Genie, wenn Sie so wollen. Er wird diesen Status wohl noch lange genießen können. Quicklebendig. Ob wir dann allerdings noch da sind - eher unwahrscheinlich.