Iggy Pop & The Stooges Ich bin's, Euer Hund

Glasscherben, Erdnussbutter, SS-Uniformen: So sahen Iggy Pops größte Exzesse aus. Noch immer kennt seine Band nur drei Akkorde, denn mehr hat sie nie lernen wollen.

Von Ivo Ritzer

Es hat etwas von einem Spät-Western, wenn Iggy & The Stooges zurückkehren. Wie keine andere Band erkennen sie den eigenen Anachronismus an, trotzen dem Wechsel der Zeit. Die ganz großen Exzesse - Glasscherben, Erdnussbutter und SS-Uniformen - gehören zwar der Vergangenheit an. Doch noch immer ist die energetische Präsenz der Stooges singulär unter all den Bands, die harten Rock'n'Roll spielen und deren Ausdruck in ungezügelter, bedrohlicher Emotionalität liegt.

iggy pop

Iggy Pop findet sein Leben vor seinem 60. Geburtstag besser als je zuvor. Zum ersten Mal habe er alles, was er immer wollte: Coole Autos, heißen Sex, eine gute Band, die die Leute wirklich mögen, ordentliche Gigs. Und er wache nicht auf und fühle sich krank, sagte er der Zeitung "New York Daily News".

(Foto: Foto: dpa)

Die Stooges, das sind seit August 2003, seit ihrem schweißgetränkten Reunion-Konzert in Detroit die Gründungsmitglieder Ron Asheton (an der Gitarre) und sein Bruder Scott (am Schlagzeug), der Neuzugang Mike Watt (von den Minutemen, am Bass) und James Osterberg alias Iggy Pop am Mikrofon. Im ausverkauften "DTE Energy Music Theatre" betrat jetzt diese reformierte Band nach Sonic Youth die Bühne, vor einem enthusiastischen Publikum, das noch immer kaum glauben konnte, was da vor sich ging, als die Stooges mit ihren Klassikern "Loose", "Down on the Street" und "1969" eröffneten. Denn vorab war viel über unversöhnlichen Streit zwischen Osterberg und den Asheton-Brüdern zu lesen gewesen.

Von Zank war dann nichts zu spüren: Die Ashetons haben sich in Detroit wieder einmal als das kreative Herz der Band erwiesen, mit Rons aggressivem Gitarrenspiel und Scotts manischen Backbeat-Qualitäten. Und Osterberg gab mit fast sechzig Jahren noch immer den juvenilen Frontmann der Band, denn darin ist er wirklich unverwechselbar - auch wenn er sich inzwischen nicht mehr als Revolutionär inszenieren, sondern eher unterhalten will. So beschimpfte er das Publikum nicht mehr, sondern spielte den Animateur für ein halb nostalgisches Vergnügen. Während die Ashetons auf der Bühne des "DTE Energy Music Theatre" im Hintergrund agierten und sich ganz ihren Instrumenten widmeten, tobte Osterberg ekstatisch vor seinen Mitspielern, kopulierte mit den Boxen, grölte halbnackt "I wanna be your dog", dabei Derwisch und Hohepriester zugleich. Als wollte er der Welt noch einmal zeigen, dass es nur einen gibt, der sich "Godfather of Punk" nennen darf.

Nicht erwachsen werden

Dazu besitzt Osterberg durchaus guten Grund. Denn die neue Schule der über Gebühr gelobten "The"-Bands wie der Strokes, White Stripes und Vines ist heute erfolgreicher, als Iggy & Stooges es je waren in ihrer kurzen, aber heftigen Geschichte zwischen 1967 und 1973. Einer Geschichte voller Autoaggression und Selbstzerstörung, die Osterberg in seinen geschundenen Leib geschrieben ist. Auf den schmalen Hüften thront ein sehniger und vernarbter Oberkörper, darüber ein Gesicht, das maskenhaft am Schädel hängt, bedeckt von strähnigem, schulterlangem Haar.

Die Stooges stehen noch immer für Detroit, die "Motor City", und ein proletarisches, körperlich arbeitendes Amerika. Ihr Sound lässt sich nicht trennen von der Stadt, geht mit ihr eine Symbiose aus Lärm, Schmutz und Schweiß ein. Die Musik der Stooges, monoton wie die Arbeit am Fließband für Ford und Chrysler, ist "heavy metal" im wortwörtlichsten Sinn. Drei bahnbrechende Alben haben die Stooges einst veröffentlicht, zunächst das nach der Band benannte Debüt (1969), dann "Funhouse" (1970) und schließlich "Raw Power" (1973), als die Band schon auseinanderfiel und Osterberg seine langjährige Zusammenarbeit mit David Bowie begann. Und doch ist "Raw Power" das ultimative Stooges-Album geworden, von zahllosen Glam-, Punk-, und Metalbands kopiert, aber nie erreicht.

Nun ist ein neues Album der Stooges erschienen, das erste seit 33 Jah-ren: "The Weirdness". Und ja, irgendwie ist das alles schon recht weird - nach den New York Dolls und Radio Birdman im letzten Jahr sind die Stooges bereits die dritte legendäre Protopunkband, die sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Tonstudio wiedervereint. Anders als Radio Birdman gehen Iggy und seine Stooges wie die New York Dolls keine großen Experimente ein, wollen nicht erwachsen werden: "I don't wanna grow up", heißt das Motto, wie bei den Ramones.

Summer of Hate

Noch immer kennen die Stooges nur drei Akkorde, denn mehr hatten sie nie lernen wollen. Und noch immer pflegt die Band eine ambivalente Haltung, die sich irgendwo bewegt zwischen pubertär und existentialistisch, Hedonismus und Nihilismus. Schockieren kann der zynische Gestus heute kaum mehr, nicht der brutale Sound, und auch nicht Osterbergs misanthropische Texte mit Zeilen wie "My idea of fun/Is killing everyone". Eher verweist "The Weirdness" zurück auf die Ursprünge der Stooges - darauf, dass man Musik nur aus einem kollektiven Anfall von schlechter Laune heraus gemacht hat, aus reiner Negativität: "It's 1969 ok/All across the USA/It's another year for me and you/Another year with nothing to do". Langeweile und Lustlosigkeit, das war wenige Jahre danach auch die primäre Motivation für eine ganze Bewegung - nicht zufällig wurden die Stücke der Stooges von den Punkrockern aufgegriffen, von den Dead Boys oder The Damned, und natürlich von den Sex Pistols, die 1978 in San Francisco ihr letztes Konzert mit einem Stooges-Song beendeten.

"The Weirdness" ist ein traditionsbewusstes Album, das aber dennoch in der Gegenwart angekommen ist. Es klingt sauber und wurde von Steve Albini modern produziert. Dennoch sind die typischen Stooges-Songs wieder zurück: Stürmer und Dränger, mit Verzerrer, Wah-Wah und Rückkopplung. Nur die Zeiten haben sich geändert, und deshalb fehlt den Stooges heute das revolutionäre Potential von 1969. Sie besitzen nicht mehr dieselbe unberechenbare Power von einst, als es noch um Alles oder Nichts ging, als man nur Freund oder Feind sein konnte - wie damals im Vorprogramm der MC5 ("Motor City Five"), als die Stooges begannen mit ihrer infernalischen Krachmacherei, um den Blumenkindern zu demonstrieren, dass der "Summer of Love" sich gewandelt hatte zu einem "Summer of Hate".

"The Weirdess" ist kein überambitioniertes Comeback, es genügt sich selbst auf angenehme Weise. Und so reicht der große Mythos des Rock'n'Roll von den drei Gitarrenakkorden, die die Welt verändern können, mit den Stooges bis in die Gegenwart.