Houellebecqs neuer Roman Kindliche Freude an literarischer Willkür

Ließe sich der Roman "Unterwerfung" allein als Satire betrachten, besäße er eine starke Pointe: Was soll das Gerede, man müsse das Abendland gegen den Islam verteidigen, wenn der Islam doch längst abendländischer als das Abendland ist? Wozu einen solchen Widerstand aufbieten, wenn doch die Zivilisation, die man zu verteidigen behauptet, hauptsächlich in Unbildung, Opportunismus, Hoffnungslosigkeit, Drogen und Gewalt besteht - während der Islam seiner Kultur viel gewisser ist, und zudem Ordnung auf den Straßen herrscht?

Satiren jedoch lassen sich nur über etwas Gegenwärtiges schreiben. Etwas Zukünftiges, nur Ausgedachtes kann man schlecht zur Deutlichkeit verzerren. In diesem Widerspruch liegt der konstruktive Mangel dieses Romans: Er ist ein Zwitter zwischen Satire und Utopie, mit der Folge, dass sich der Satiriker Michel Houellebecq nicht darauf festlegen lässt, eine Provokation im Sinn gehabt zu haben, während sich der Träumer Michel Houellebecq nicht darauf festlegen lässt, dass seine Erfindungen noch erfundener seien als etwa die Insel Liliput bei Jonathan Swift.

Etwas Kindliches also waltet in diesem Buch, wie bei allen Romanen Michel Houellebecqs, eine sehr jugendliche Freude am Spiel mit der literarischen Willkür. Kindlich ist die Freude daran, grobe Wahrheiten in aller Schlichtheit aussprechen zu dürfen: zum Beispiel, dass es keinen Grund gebe, Literaturwissenschaften zu studieren, weil das Fach ohnehin kein anderes Ziel habe, als sich selber zu erhalten. Kindlich ist auch die auktoriale Herrlichkeit, mit der sich der Held am Ende alles herbeiwünscht, was er für begehrenswert hält: eine schöne Wohnung, ein hohes Gehalt, drei möglichst junge Ehefrauen, ohne Rücksicht auf die Spielregeln fortgeschrittener Demokratien.

Zauber gegen Gegenwartsprobleme

Kindlich ist ferner der Einfall, man könne allen ungelösten Problemen der Gegenwart mit einem Zauber entgegentreten: Ein guter Islam wird es schon richten. Eine kindliche Träumerei ist schließlich auch die Religion, von der Michel Houellebecq in diesem Buch erzählt, ein Islam, in dem sich Bilder von Tausendundeiner Nacht mit den Lehren Fethullah Gülens verbinden. Und die Sprache? "In einem Fall wie dem seinen war eine arrangierte Hochzeit offenkundig die einzig mögliche Vorgehensweise." Sie ist ihrem Zweck angemessen: inmitten eines phantastischen Universums für einen milden Grad von Plausibilität zu sorgen.

Für das Buch "Unterwerfung" gibt es ein Vorbild, wenn nicht gar ein Muster: den Roman "Heerlager der Heiligen" des katholischen Schriftstellers Jean Raspail, veröffentlicht im Jahr 1973. Er erzählt die Geschichte einer Armada aus der Dritten Welt, die in Frankreich einfällt und sich mühelos ein moralisch wie intellektuell heruntergekommenes Abendland unterwirft. Das "Heerlager der Heiligen" ist ein Albtraum. Michel Houellebecqs "Unterwerfung" hingegen ist, mehr als dass es ein Werk der Provokation wäre, ein Buch des Trostes. Es handelt von dem Traum, alle großen Konflikte der Gegenwart könnten gleichsam verdunsten. Aber es will den pädagogischen Ernst, der in jeder Utopie steckt, nicht gelten lassen. So gesehen ist das Werk eine große Ermäßigung. Die Welt wird Michel Houellebecq nicht den Gefallen tun, sich ermäßigen zu lassen.