Houellebecqs neuer Roman Das muslimische Paris: ein kulturkonservatives Idyll

Wer will, so lauten die neuen Bedingungen, kann weiter seinem Laizismus, seinem Atheismus oder seinem katholischen Glauben anhängen. Es ist in Zukunft nur so, dass die islamischen Institutionen öffentlich gefördert werden, während alle anderen der Privatinitiative überlassen sind.

Und weil den Muslimen wenig an der Wirtschaft liegt, um so mehr aber an Bevölkerungsentwicklung und an Bildung, verwandelt sich das Land allmählich in ein kulturkonservatives Idyll: Die Arbeitslosigkeit verschwindet, weil die Frauen ins Haus und an den Herd zurückkehren, das Land floriert, weil statt der Großindustrie nun die Kleinbauern unterstützt werden, und die Islamische Universität Sorbonne, von einem Golfstaat finanziert, wird ihren Professoren, zu denen am Ende vermutlich auch François gehört, dreimal so viel zahlen, wie das in der alten Republik der Fall gewesen ist.

Dabei ist "Unterwerfung" nicht nur ein Buch über das Abendland und den Islam, sondern auch eines über Literatur: "Allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist", erklärt François, "auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre".

Mehr Träumer als Satiriker: Michel Houellebecq.

(Foto: Pedro Armestre/AFP)

Ein Roman als Nachhilfeunterricht

Tatsächlich dient Joris-Karl Huysmans dem Erzähler als Muster und Wegweiser für das eigene Leben, angefangen vom psychischen Elend eines ebenso alleinstehenden wie an seiner Existenz verzweifelnden mittleren Angestellten bis hin zur großen Konversion - denn hatte Huysmans in "À rebours" ("Gegen den Strich", 1884) noch die Dekadenz bis zum schalen Ende ausgekostet, sind die Bücher, die nach seiner offensiven Rückkehr zum Katholizismus entstehen, weitaus erbaulicher: Das gilt vor allem für den Roman "La Cathédrale" (1898), eine ebenso späte wie fromme Huldigung an die Kathedrale von Chartres, das Urbild eines gotischen Gotteshauses. Joris-Karl Huysmans dient dem Erzähler also weniger als Gegenstand der Forschung denn als spiritueller Führer. Und zumindest spielerisch will Michel Houellebecqs Erzähler auch ein Führer seines Lesers sein.

Deswegen enthält der Roman viel Nachhilfeunterricht: Wenn François hundertvierzig Jahre nach Huysmans die Heimatstadt Paris in einem von acht Zylindern getriebenen Volkswagen "Touareg" (einen anderen Namen dürfte das Auto nicht tragen) verlässt, einer vagen Furcht vor einem Bürgerkrieg wegen, beginnt für ihn eine Tour de France der Selbstfindung. Sie führt ihn nach Martel, einem Dorf im Département Lot, das Karl Martell gegründet haben soll, nachdem er die nach Norden drängenden Mauren bei Tours und Poitiers geschlagen hatte, und weiter zur Schwarzen Madonna nach Rocamadour, zu deren Füßen schon Heinrich Plantagenet gekniet haben soll. Und sie endet in der Abtei von Ligugé, einem Kloster bei Poitiers, in das Joris-Karl Huysmans im Jahr 1899 gezogen war, um Laienbruder zu werden.

Doch François' Wende zum Katholizismus scheitert. Das von strenger Metaphysik durchdrungene Mittelalter hatte dem Erzähler Eindruck gemacht. Aber den modernen Derivaten des alten Glaubens fehlt die Kraft, ihre Sympathisanten zu binden, und François vermag nicht, darin zu leben.