Hommage Ein Mensch, ein Charakter

Peter Feuchtwanger, Pianist, Komponist und Klavierpädagoge, hat im Londoner Exil gelebt und ist dort als einer der letzten der weit verzweigten jüdischen Familie gestorben. Der Einfluss des Münchners war enorm, sein Esprit soll nun in seinen Schülern fortleben

Von Eva-Elisabeth Fischer

Peter Feuchtwanger? Nur noch zwei Einträge finden sich unter dem Namen Feuchtwanger im Münchner Telefonbuch. Peter ist nicht dabei. Der eine gehört zu einer Dame, Ruth mit Vornamen. Der andere zu einem Gymnasium, das nach dem berühmtesten Feuchtwanger benannt ist, dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Autor des Schlüsselromans "Erfolg", der bis heute nicht nur Zugereisten als unerlässliches München-Handbuch dient.

Peters Vater Theodor war nur ein entfernter Cousin von Lion. Und Lion war nur einer von vielen Feuchtwangers. Er konnte, wie alle anderen auch, auf einen weitverzweigten Stammbaum zurückblicken, beginnend im Jahr 1555. Damals mussten die Juden, unter ihnen auch die Vorfahren Lions, das fränkische Städtchen Feuchtwangen verlassen, weil ihnen die weitere Aufenthaltsgenehmigung im Ort ihrer Nachnamensgebung verweigert wurde. Die Ironie der Geschichte: Ebendort hatten die Juden Ende des 13. Jahrhunderts in Zeiten der Pest Schutz vor Verfolgung gefunden.

Die Feuchtwangers ließen sich in der Folge wahrscheinlich in Fürth nieder, was allerdings nicht schriftlich belegt ist. Und in der jüngeren Geschichte, da gehörte ihr Name zu München - bis Hitler die Stadt zur Hauptstadt der Bewegung erkor. Zu seinen unmittelbaren Nachbarn am Prinzregentenplatz gehörte übrigens die Familie des späteren Historikers Edgar Feuchtwanger, der unter dem Titel "Als Hitler unser Nachbar war" seine Kindheitserinnerungen an den erstarkenden Nationalsozialismus niedergeschrieben hat. Noch so ein Treppenwitz der Weltgeschichte.

Peter Feuchtwanger blieb seiner alten Heimat verbunden, gründete in Feuchtwangen ein Klavierfestival. Auch besuchte er nach dem Krieg immer wieder die Stadt, wo er am 26. Juni 1930 geboren wurde und wo er bis zu seiner Vertreibung als verwöhntes Einzelkind, wie er sich selbst beschrieb, gelebt hat. 1939, da war er neun, floh seine Familie nach Haifa. Vater Theodor verfügte als ehemaliger Direktor seines angesehenen Bankhauses offenbar nach wie vor über die entsprechenden Verbindungen und die Mittel, die Seinen aus Nazi-Deutschland zu retten.

Peter gab lange Zeit 1939 als sein Geburtsjahr an. So steht es auch in Wikipedia. Dann wäre er bei der Flucht ein Säugling gewesen. Eitelkeit? Oder doch eher Dankbarkeit für eine Wiedergeburt in relativer Sicherheit in Palästina? Kürzlich ist Peter Feuchtwanger, so viel ist sicher, ein paar Tage vor seinem 86. Geburtstag, am 18. Juni gestorben.

Er starb in London, seinem Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten. Dort unterrichtete er. Dort schuf er einen Hafen, wo seine Schüler ankern konnten, prominente unter ihnen wie die Pianistin Martha Argerich, die er, lang ist's her, 1965 auf den Chopin-Wettbewerb in Warschau vorbereitete. Aber auch erst einmal unbekannte, wie der psychisch kranke David Helfgott, dessen ungewöhnliche Karriere im Film "Shine" anrührend nachgezeichnet wird. Und solche, die es nie ins Rampenlicht schafften, aber Peter Feuchtwangers Herz rührten, in dem Platz war für alle, die Klavier spielen wollten.

Auf Jiddisch würde man über einen wie ihn sagen "er is a mensch", also anständig, integer und besonderer Hochachtung würdig. Ein Engländer würde ihn wegen seiner Schrullen "a character" nennen. Andreas Goethuysen, der männliche Part des international akklamierten Klavierduos Yaara Tal und Andreas Groethuysen, Schüler Feuchtwangers in den Jahren 1981/82 in London, nennt Feuchtwanger eine schillernde Figur. Er kommt ins Schwärmen, wenn es um Feuchtwangers Musikauffassung geht. Er erzählt aber auch von den Macken seines exzentrischen Lehrers, etwa dem Gewese, das er um seine vegetarische Ernährung machte oder das atemberaubende Chaos in der Londoner Wohnung. Und nicht zu vergessen: das Faible für besonders grausige Horrorfilme. Reichlich makaber angesichts der Tatsache, dass Feuchtwangers Mutter Amalie in ihren Achtzigern in einem Londoner Hotel ermordet wurde.

Peter Feuchtwangers Homepage, zuletzt geändert am Abend des Todestages, liefert dazu das ebenso schlichte Epitaph: Pianist, Komponist, Klavierpädagoge, darüber zwei Fotos. Als sie aufgenommen wurden, war Feuchtwanger bereits ein alter Herr. Ein Brustbild zeigt ihn frontal, neugierig durch kreisrunde Brillen in die Kamera blickend. Im zweiten, einem Bild im Profil, nimmt er eine für ihn wohl typische Haltung ein, wobei die linke die im Gelenk locker nach unten strebende, rechte Hand stützt.

Es ist die Haltung, mit der er wahrscheinlich unzählige Male seinen Schülern vormachte, wie locker und entspannt man Klavier spielen könnte mit einer flachen Hand, die erst auf den Tasten ihre volle Kraft entfaltet in Fingersätzen, wie sie der Notentext und nicht ein pedantischer Klavierlehrer vorgibt. Peter Feuchtwangers Gesichtszüge, seine Augen strahlen auf diesen Bildern eine wache Heiterkeit aus und zeugen von einem ausgeglichenen Gemüt.

Er lebte den Zen-Buddhismus. Schon als Kind gehörten Reisen zu Drusen und Beduinen zu seinem Erfahrungsschatz, in London studierte er später arabische und indische Musik und lernte bereits 1958, also vor den Beatles, die Sitar zu spielen, Das schlug sich 1966 nieder in seiner wohl bekanntesten Komposition, dem Raga Tilang für Violine, Sitar, Tabla und Tanbur im Auftrag von dem und für den ebenso kosmopolitischen Geiger Yehudi Menuhin und den Sitar-Virtuosen Ravi Shakar anlässlich des Bath-Festivals.

Und wenn man sich dann ein wenig einliest in die Vorgaben seiner "Klavierübungen zur Heilung physiologischer Spielstörungen und zum Erlernen eines funktionell-natürlichen Klavierspiels", dann begreift man schnell, dass es das eigene Leben und die eigenen Erfahrungen waren, die Peter Feuchtwanger befähigten, die Voraussetzungen für ein schmerzfreies Klavierspiel in aufrechter Haltung und freier Atmung ohne Verrenkungen und Grimassen erfolgreich zu lehren.

Andreas Groethuysen betrachtet die von Feuchtwanger entwickelte Spieltechnik allerdings eher skeptisch, gesteht ihr aber durchaus therapeutischen Wert zu: "Ich habe seine Übungen immer mit spitzen Fingern angefasst", sagt er. Das Duo Groethuysen & Tal aber ist bis heute in ihrem musikalischen Verständnis von Peter Feuchtwanger geprägt, der das Klavierspiel als Belcanto auf Tasten begriff. Und beide zeigen sich beeindruckt vom tiefen psychologischen Einfühlungsvermögen des Meisters. Der war, so Groethuysen aber auch "ein bisschen ein Guru". Und er ließ sich grundsätzlich nicht von einschlägigen Instituten vereinnahmen. Deshalb unterrichtete er nur privat und weltweit in Meisterklassen.

Allerdings gehört dies und das, was über den Pianisten Peter Feuchtwanger kolportiert wurde, zu den Legenden, die er selbst mit Lust die Welt setzte. Zum Beispiel erzählte der Autodidakt auf dem Klavier gern, dass er als Junge, der noch keine Noten lesen konnte, aber mit dem absoluten Gehör und einem phänomenalen Gedächtnis begabt war, ganze Klavierkonzerte von Schellackplatten auswendig nachspielte. Und zwar stets einen Halbton höher als komponiert, so wie er diese wegen der unausgereiften Aufnahmetechnik der Tonträger gehört hatte.

Seine späteren Klavierlehrer förderten ihn nach Kräften. Ihre Namen lesen sich wie aus dem Who's who der Star-Pianisten des 20. Jahrhunderts, allen voran die von ihm hochverehrte Clara Haskil, dann Edwin Fischer und Walter Gieseking. Obgleich offenbar für eine Pianisten-Karriere prädestiniert, wollte Feuchtwanger lieber Klavierpädagoge sein. Das Schöne an Pädagogen-Persönlichkeiten solch vielfältiger Prägung ist, dass sie in ihren Schülern fortleben. Einer seiner Schüler aus München, der 22-jährige Lennart Speer, wird am 11. Oktober, 19 Uhr, sein Pianisten-Debüt im Herkulessaal geben - im Gedenken an seinen Lehrer Peter Feuchtwanger. Den letzten Spross der Münchner Feuchtwangers von öffentlicher Bedeutung.