Raul Hilberg gilt als Vater der Holocaust-Forschung. Seine Methode, sich dem Holocaust von der Täterseite zu nähern, wurde ihm häufig zum Vorwurf gemacht. Erst spät kam er gerade mit seiner präzisen, nüchternen Analyse zu Ehren.
Die Geschichte der Geschichtswissenschaft kennt immer wieder Beispiele dafür, dass erst ein Einzelner ein Gebiet entdecken und beschreiben muss, auf dem dann in den folgenden Generationen Tausende arbeiten. Burckhardts Renaissance-Buch begründete ein bis heute florierendes Forschungsgebiet, das es so vorher nicht gab.
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Raul Hilberg, der am Samstag im Alter von 81 Jahren verstorben ist, war ein solcher wissenschaftlicher Gründer. Er ist der Vater der Holocaustforschung geworden, an der sich heute ungezählte Wissenschaftler auf der ganzen Welt beteiligen. Nur dass Hilberg den aus der antiken religiösen Sprache entnommenen Begriff "Holocaust" ebenso wenig schätzte wie den hebräischen Ausdruck "Shoah". Er sprach, so einfach wie nüchtern, von der "Vernichtung der europäischen Juden".
Damit ist ein ungeheuerlicher Vorgang bezeichnet, der es überraschend erscheinen lässt, dass man ihn wissenschaftlich erst entdecken musste. Hätte nicht gleich bei der Öffnung der Lager 1945 die Frage auftauchen müssen, wie es, ganz materiell, dazu kam und wer mit welchen Mitteln die industrielle Tötung von mehr als fünf Millionen Menschen organisiert hatte? Wie konnten die Opfer identifiziert, zusammengetrieben, transportiert und dann ermordet werden? Doch diese Fragen blieben jahrelang unbeantwortet.
Erst Raul Hilberg, der Nachkomme von 1939 aus Wien nach Amerika ausgewanderten Juden, stellte und beantwortete sie auch - zunächst im Alleingang. 1945 kam Hilberg als knapp zwanzigjähriger Besatzungssoldat nach Deutschland, wo er Gelegenheit hatte, die hinterlassenen Papiere Adolf Hitlers zu sichten. In den fünfziger Jahren machte ihn sein akademischer Lehrer Hans Rosenberg, ein emigrierter deutscher Jude, am Brooklyn College mit der Geschichte des preußischen Berufsbeamtentums bekannt, dieser historisch einzigartig hochgezüchteten Gestalt einer ethisch neutralisierten Zweckrationalität.
Ein Trieb und seine Maschinen
Hilberg begriff, dass die Ermordung einer über einen ganzen Kontinent verstreuten Bevölkerungsgruppe von mehreren Millionen Menschen zunächst nicht dämonische Sadisten erfordert, sondern Heerscharen von Bürokraten in den Stäben der Verwaltungen, Standesbeamte für die Identifizierung, Polizei für die Absonderung, Bahnbeamte für den Transport und dann paramilitärische Verbände fürs eigentliche Vernichtungsgeschäft, mit dem aber bald auch Gruppen der Opfer betraut wurden.
Also studierte Hilberg zunächst nicht die Erinnerungen der wenigen Überlebenden, sondern das reichhaltige Material der Täter. Berühmt ist Hilbergs Auslegung einer jedem Menschen vertrauten Textsorte: der Bahnfahrpläne. Hier taucht das Wort "Jude" gar nicht auf, sondern nur ein ominöses "L", das signalisiert, dass die auf der Hinfahrt vollgestopften Transportzüge auf dem Rückweg leer waren. In dem "L" steckt jenes Maß an Deutlichkeit, das die Äußerungsform der Bürokratie erlaubt, aber auch gewährleistet.
Hilberg blieb dabei immer konkret, detailversessen und unerbittlich präzise. Allgemeine Epochendiagnosen wie die von der "verwalteten Welt" versagte er sich, stattdessen beschrieb er Stufen der Ausgrenzung im Verwaltungshandeln, von Entlassungen, über Arisierungen zu Vermögenssteuern, bis zu Vertreibungen und Ghettoisierung, der Vorstufe der Vernichtung - alles kleinteilige, aber insgesamt gewaltige Handlungssummen, wie sie in der modernen Welt, beispielsweise beim Betrieb von Großstädten, Tag für Tag erbracht werden müssen.
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Umweltstiftung WWF in der Kritik
Cajka, ich gebe ihne recht. Auch bei gründlicher Recherche findet man nur diese vorsichtige FAZ- Kritik:
Es bleibt ein Standardwerk, trotz der vielfachen Einwände, die man dagegen erhoben hat. Der gewichtigste unter ihnen lautet, Hilberg habe die jüdische Gegenwehr nicht wirklich ins Auge gefasst und so einer Legende von widerstandslosen Opfern Vorschub geleistet. Immerhin erwähnte er in seinem Buch aber die Berliner Gruppe junger jüdischer Kommunisten um Herbert Baum, die im Mai 1942 einen Brandanschlag auf eine antisowjetische Propagandaausstellung verübte. Andererseits fehlt im Namensregister dann doch Abba Kovner, ein bedeutender Partisanenführer, der jüdische Kämpfer im Raum Vilnius befehligt hat.
Natürlich macht sich der Bürokrat mit schuldig!! In der Verleugnug dieser Schuld lebt das auf, was als ewige Entschuldigung herhalten muss: Hat doch keiner gewusst.. . Wir sind aufgefordert, HINZUSCHAUEN, jetzt und hier und durchaus auch auf das, was REAL geschah. Schuld beginnt nicht nach Ausführung eine Mordes.
Ein moralisches Bewusstsein von Schuld muss man bei sozialisierten Menschen voraussetzen können..
Hannah Arendt liegt mit ihrer Abneigung gegen Hilberg vollkommen korrekt. Deswegen zitiere ich sie hier:
Wo alle schuldig sind, da ist es niemand ... Ich habe es immer für den Inbegriff moralischer Verwirrung gehalten, daß sich im Deutschland der Nachkriegszeit diejenigen, die völlig frei von Schuld waren, gegenseitig und aller Welt versicherten, wie schuldig sie sich fühlten, wohingegen nur wenige der Verbrecher bereit waren, auch nur die geringste Spur von Reue zu zeigen.
Aber auch Arendts Argumentationen, Totalitarismustheorien über Massenbewegungen sind umstritten! Ihre Existentialphilosophie ist nicht das gelbe vom Ei.
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Unbedingt zu bemängeln ist, dass alle Zeitungen im Gleichen Tenor über Hilberg verbleiben! Fantasielosigkeit? Verwenden die Schablonen? Kommt Hilberg in Mode? ok. die SZ hat sich auf die... dubiose Wissenschaft vom Töten verlegt...
...zunächst nicht dämonische Sadisten erfordert, sondern Heerscharen von Bürokraten in den Stäben der Verwaltungen, Standesbeamte für die Identifizierung, Polizei für die Absonderung, Bahnbeamte für den Transport und dann paramilitärische Verbände fürs eigentliche Vernichtungsgeschäft, ...
DAS scheint mir die wichtigste Erkenntnis von Hilberg zu sein. Und diese Mentalität ist leider noch heute vorhanden.
Alle Lobreden, die auf ihn gehalten werden, erscheinen gequält herbeigeholt und dürftig. Er rekonstruierte politische Prozesse, heißt es über die Arbeitsweise des Raul Hilberg. Aber damit ist es leider leider nicht getan. Ja, den Juden sind wir eine bessere Geschichtsschreibung schuldig. Diese verkommt, wenn sie nur eine Auflistung von Fakten ist, so erfüllt man die ehrenvolle Aufgabe des Historikers nicht. Der Agnostiker Hilberg kann keinen Deut Erkenntnisse über die "westliche Zivilisation, den Nationalstaat, das Wesen des Menschen" liefern.
Er provoziert zudem den kritischen Betrachter aufs Enervierndste.
Ein "Warum" gibt es bei ihm nicht... knapp 20% des Holocaust-Geschehens sind für ihn überhaupt begreifbar, (...glücklicherweise hatte manch einer in Kleindundelheim bessere Geschichtslehrer als die, die angeblich in so... angesehenen US-Elite-Unis rumlaufen, an dieser Stelle: tausendmal danke, Herr Hildebrandt! Hat die heutige Generation eigentlich noch eine so gute Lehrerschaft? muß man mal fragen dürfen...)
"Die Vernichtungsmaschinerei war nichts anderes als eine besondere Rolle der organisierten Gesellschaft" ??? Wie derb. Es gibt immer und überall Verantwortliche, der Mensch ist keine Maschine.
Die These, der Holocaust sei kein im Voraus geplanter, von einem Amt zentral organisierter Vernichtungsvorgang ist nur Bürokratenweisheit.
"Für Hilberg war die Endlösung die Kristallisierung eines Konsensus", wird allerorts zusammengefasst (taz.de) ... Ne! Das war sie nicht.
Glücklicherweise hat Raul Hilberg seinen Schwur, nie deutschen Boden zu betreten, im letzten Jahrzehnt dann doch mehrmals "gebrochen" und war hochgeschätzter Gast und Empfänger von Ehrungen, womit er wiederum die Gastgeber ehrte. Ich hoffe, er hat bei seinen Besuchen festgestellt, dass er sein Vertrauen in die jüngere Generation deutscher Zeitgeschichtsforscher und kritisch Denkender setzen konnte: sie würden ihren Landsleuten keine Ruhe lassen und den - von manchen geforderten - Schlussstrich verhindern.
Danke, Raul Hilberg.
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