Von SUSAN VAHABZADEH

Das alte Europa treibt plötzlich die Mächtigen von Hollywood um. Denn, ja, auch in der Traumfabrik spürt man die Folgen der Globalisierung und grübelt nun: Wie nur treibt man einen Kontinent ins Kino?

Wenn amerikanische Branchenblätter von den Einspielergebnissen aus Übersee berichten, ist der Tenor seit einigen Monaten immer derselbe: Europa ist ein cineastisches Jammertal. Alle Versuche, die Europäer zur Kinolust zu erziehen, die in den USA schon an den Kinokassen ausgelebt wird, waren fruchtlos - Multiplexe bauen, das Publikum daheim mit Fernsehwerbung berieseln, zielgruppenorientiertes Marketing ausarbeiten. Die Europäer wollen einfach nicht vier Mal im Jahr ins Kino. Ganz im Gegenteil: Sollten die aktuellen Entwicklungen wegweisend sein, muss man bald froh sein, wenn sie überhaupt noch mal im Kino vorbeischauen - es werden immer weniger Tickets verkauft.

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Die Deutschen sind der Rekordverweigerer: ¸¸Solaris" ist im vergangen Jahr wesentlich besser in Frankreich gelaufen als bei uns. Und das, obwohl es weniger Franzosen als Deutsche gibt. (© )

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Die Zahlen der europäischen Filmbeobachtungsstelle fürs vergangene Jahr, die letzte Woche veröffentlicht wurden, geben den Befürchtungen der Hollywoodianer gute Gründe: Insgesamt sind in den 15 EU-Staaten im vergangenen Jahr die Ticketverkäufe um fünf Prozent gesunken. Die Deutschen sind die Rekordverweigerer - hier sind es neun Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Kinobesucher in Deutschland ist von knapp 164 Millionen im Jahr 2002 auf 149 Millionen 2003 gefallen.

In Resteuropa sieht es ähnlich aus: In Frankreich wurde ein Rückgang um 5,6 Prozent registriert, in Großbritannien um knapp fünf, in Spanien um drei und in Italien um fast zwei Prozent. Immerhin sind die Franzosen aber noch häufiger im Kino als die Deutschen - dort waren es im vergangenen Jahr noch 174 Millionen Tickets, die verkauft wurden.

Obwohl es ja deutlich weniger Franzosen gibt als Deutsche. (Und wenn man sich die französischen Kinocharts anschaut, sind diese Besucher oft auch experimentierfreudiger und anspruchsvoller - Soderberghs ¸¸Solaris" ist zum Beispiel dort im vergangen Jahr wesentlich besser gelaufen als bei uns, ¸¸My Big Fat Greek Wedding" schlechter.) Auch der Anteil des nationalen Kinos ist dort höher, 35 Prozent - bei uns waren es nur 17, und auch die kamen nur zustande, weil ¸¸Good Bye, Lenin!" ein so großer Erfolg war, der hatte allein schon mehr als sechs Millionen Besucher.

Der Rückgang betrifft aber eben nicht nur die nationalen Produktionen. Hollywood braucht den europäischen Markt mehr denn je - die Filme werden immer teurer, und gleichzeitig zeichnet sich auch in den USA ein leichter Besucherrückgang ab, wenn auch auf sehr hohem Niveau - denn was den Umfang des Kinogeschäfts betrifft, waren die letzten Jahre die besten seit den Fünfzigern, bevor das Fernsehen dem Kino das Publikum abspenstig machte. Die Einnahmen sind dort stabil bei steigenden Ticketpreisen, der Gesamtumsatz liegt bei sagenhaften neuneinhalb Milliarden; der Besucherschwund im selben Zeitraum liegt bei 4 Prozent.

Und das alles bei steigenden Kosten: Erstmals, so hat der scheidende Chef des Studioverbands MPAA bei der Messe ShoWest in Las Vegas verkündet, liegt der Durchschnitts-Etat für einen Hollywood-Film bei mehr als hundert Millionen Dollar, außerdem sind die Werbeetats in den letzten Jahren um mehr als ein Viertel gestiegen - auf satte 39 Millionen pro Film, im Schnitt, versteht sich. Teurer heißt aber eben nicht immer erfolgreicher. Man kann sich, angesichts dieser Zahlen, leicht vorstellen, wie viele Menschen ein Film ins Kino locken muss, damit am Ende noch ein nennenswerter Betrag beim Studio ankommt - der ist oft nicht höher als bei einem wesentlich billiger produzierten Film. Kaum eine Investition war so rentabel wie die müden fünf Millionen Dollar, die in ¸¸My Big Fat Greek Wedding" gesteckt wurden, der allein in den USA das 45-fache eingespielt hat. Da müsste ¸¸Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs" bei Produktionskosten von knapp hundert Millionen noch sehr, sehr lange laufen.

So gut muss das Geschäft ja gar nicht laufen - nur eben ein bisschen besser als jetzt. Was aber läuft denn schief? Eins steht schon mal fest: Der Grund dafür, dass weniger Leute ins Kino gehen, ist nicht, dass die Filme schlechter geworden wären - ambitionierte Projekte haben es eher schwerer als noch vor zehn Jahren, und wenn die Filme so schlecht wären, gäbe es weder Filmpiraterie noch grandiose DVD-Umsätze. Der Negativ-Trend in Europa scheint sich 2004 trotzdem fortzusetzen, bei Variety lamentiert man in den letzten Wochen immer wieder über die Kinofaulheit der Europäer. ¸¸Teuton auds respond to pix grim and scary" war eine Schlagzeile - denn zu den wenigen amerikanischen Filmen, die die Erwartungen erfüllen konnten, gehörten ¸¸Scary Movie 3" und das Herztransplantationskrimidrama ¸¸21 Grams". Aber genau genommen könnte man jede Woche eine neue Regel aufstellen. Es gibt keine Rezeptur fürs Kino, die zuverlässig funktioniert, und keine Filme, die jedermanns Geschmack treffen. Einstweilen gilt immer noch William Goldmans zentraler Satz übers Filmgeschäft als großes Ganzes: Nobody knows anything - keiner weiß gar nichts.

Die Gründe in den Filmen selbst zu suchen, ist müßig - das Interesse an den Filmen ist ja gar nicht gesunken. Die gewaltigen Umsatzsteigerungen beim DVD-Verkauf und der Filmklau im Internet sind aber sicher die Hauptursachen für den Rückgang der Kinobesucher. Die DVD-Branche boomt, das Publikum verlagert sich also an eine andere Stelle, nämlich nach Hause - egal, ob die DVDs legal erworben sind oder illegal aus dem Internet kopiert oder als fertige Raubkopie bei einem Straßenhändler gekauft wurden.

Bei den Raubkopien gibt es noch ein Zusatzproblem: Sie tauchen auf, während der Film noch im Kino läuft - und manchmal sogar schon vorher. Die Heimkino-Anlagen werden auch immer besser und erschwinglicher, was zumindest kleineren Kinos - jenseits des sozialen Ereignisses, das nun mal nur in einem vollen großen Saal zu haben ist - viel von ihrem Reiz streitig macht.

Valentis Rede auf der ShoWest hat keine Krisenstimmung verbreitet, die 4 Prozent Publikumsverlust kommen da eher am Rande vor: Die Einnahmen waren ja präsentabel, somit stehen die Studiobosse in der Tat immer noch besser da als die Kollegen aus der Musikbranche. Obwohl die MPAA jetzt schon den Schaden durch Raubkopien auf eine Milliarde Dollar schätzt. Den Besuch im Kino gibt es nur als Original - die Studios werden sich also etwas einfallen lassen müssen, um die Leute dorthin zu locken.

Das potentielle Publikum hat aber offensichtlich immer seltener das Gefühl, große Dinge im Kino zu verpassen. Und daran ist vielleicht auch der marketingstrategische Ereignis-Hype schuld. Wenn ein Blockbuster den nächsten jagt, wenn dauernd alle Filme gigantisch und spektakulär sind, wenn alle paar Wochen einer als der teuerste und erfolgreichste ausgerufen wird, bedeutet das nicht mehr viel: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.74, Montag, den 29. März 2004 , Seite 15)