Das Gedenken an den militärischen Widerstand ist heute selbstverständlich, aber es ist auch Routine geworden. Diese Routine kann nur noch von Tom Cruise durchbrochen werden.
In Deutschland ist schon lange nicht mehr so heftig über den 20. Juli 1944 und den Putschversuch der Generalstäbler gegen Hitler diskutiert worden wie in diesen Wochen. Das liegt keineswegs daran, dass sich plötzlich wieder mehr Deutsche für diesen zu späten Aufstand der bürgerlichen Moral gegen das Staatsverbrechertum interessieren würden. Nein, der Streit geht fast nur darum, ob Tom Cruise, ein globalisierter Star des Unterhaltungsgewerbes, den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einem gerade entstehenden Film spielen soll, ja darf.
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Diese Debatte hat damit zu tun, dass sich Cruise zur Sektenkirche Scientology bekennt, einer sehr amerikanischen, materialistischen ,,Religion'', deren Adepten an noch viel sonderbarere Dinge glauben als an Menschen, die übers Wasser wandeln oder an Propheten, die auf einem Pferd in den Himmel reiten. Außerdem hegen auch viele Deutsche einen leicht rassistischen Anti-Hollywood-Reflex. ,,Hollywood'' gilt ihnen als Synonym für das Oberflächliche, die Nicht-Kultur, die Kommerzialisierung von Werten zugunsten der Geldvermehrung.
Stauffenberg und die Seinen gehörten in der alten Bundesrepublik zu den politisch-moralischen Leitfiguren, weil sie unter Todesgefahr wertgeleiteten Widerstand gegen die Diktatur geleistet hatten. Und außerdem zählten die Männer des 20.Juli überwiegend zur bildungsbürgerlichen Mittel- und Oberschicht: Offiziere, Adelige, aktive und pensionierte Beamte. In der DDR sah man sie deswegen vom Klassenstandpunkt aus; dort galten sie lange Zeit als Angehörige einer reaktionären Offizierskaste, die sich den Nazis ergeben hatten und erst richtig aufbegehrten als die militärische Niederlage schon unausweichlich war.
Im Osten des Nachkriegsdeutschlands also zählten sie nicht zu den ,,guten'' Widerstandskämpfern. Im Westen dagegen war der Aufstandsversuch vom 20. Juli ein Ereignis, dem jedes Jahr mit einer staatsoffiziellen Feier gedacht wurde (und immer noch wird). Das liegt auch daran, dass die nicht nur individuellen, sondern organisierten Akte des Widerstands in Nazi-Deutschland so selten waren - selten, weil die Menschen zu viel Angst hatten, aber auch selten, weil es zu viele Leute gab, die mitmachten oder sich nicht dagegen stellten.
Große Teile der Reichswehr und späteren Wehrmacht hießen den Aufstieg der Nazis gut und stabilisierten deren Herrschaft nach 1933. Ja, es gab Beispiele für Widerstand bis hinauf in die Generalität wie etwa den Generaloberst Ludwig Beck. Dies aber waren Einzelfälle. Das Offizierkorps insgesamt, 1934 ohne nennenswerten Widerstand auf den ,,Führer'' vereidigt, plante und führte Hitlers Krieg. Diesem Offizierkorps entstammten Oberst Stauffenberg und seine Kameraden. Sie bezahlten mit ihrem Leben auch dafür, dass sie an einer Offiziersehre festhalten wollten, die ihr Berufsstand im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion schon verloren hatte. Die meisten der wenigen Widerständler in Uniform sahen nicht in der parlamentarischen Demokratie die anzustrebende Alternative zur Diktatur, sondern eher in einem aufgeklärten, leidlich toleranten Ständestaat. Gerade für die zahlreichen Adeligen unter ihnen waren die Nazis nicht nur Verbrecher, sondern noch dazu Pöbel. So gesehen war der Widerstand der Grafen und Freiherren exklusives Heldentum.
Für die Bundesrepublik bildete der Widerstand gegen Hitler neben dem Grundgesetz, der Westbindung und der Sozialen Marktwirtschaft so etwas wie den ideologischen Überbau. Der neue Staat sollte die Anti-These zum Dritten Reich sein und deswegen schwebte über dem Dreieck der neuen Staats-, Rechts- und Wirtschaftsordnung das Gewissen als höchste Instanz. Das Recht auf Widerstand und die Verpflichtung zur Verweigerung gesetzwidriger Befehle wurden festgeschrieben. Dies ist auch ein bis heute gültiges Vermächtnis des 20. Juli.
In der Bundeswehr war der Umgang mit dem militärischen Widerstand in den fünfziger und sechziger Jahren zwiegespalten. Die neue Armee war von alten Offizieren aufgebaut worden, die wenigsten von ihnen zählten zum kleinen Kreis der Widerständler. Auf der Suche nach Vorbildern für den neuen Geist der Armee hielt man sich an die Rebellen des Gewissens vom 20.Juli. An etlichen Standorten allerdings galten die befohlenen Gedenkveranstaltungen nur als Pflicht; angenommen wurde das Erbe der Widerständler oft nicht. Es gab damals unter Offizieren ernsthafte Diskussionen darüber, ob Stauffenberg Eidbruch vorzuwerfen sei, weil er durch die Verschwörung gegen seinen Eid und damit gegen die Ehre verstoßen hätte.
Das klingt heute, zumal für einen Leutnant, der geboren wurde, als Helmut Kohl regierte, ziemlich absurd. Und es spielt auch keine große Rolle mehr, denn jene Bundeswehr-Offiziere, die noch in der Wehrmacht sozialisiert worden waren, sind heute an der Schwelle zwischen Greisenalter und Zeitgeschichte. Unter ihnen gab es vorbildliche Demokraten, aber auch solche, die wenig dazugelernt hatten. Das Gedenken an den militärischen Widerstand ist heute selbstverständlich, aber es ist auch Routine geworden. Diese Routine kann nur noch von Tom Cruise durchbrochen werden.
Bundespräsident Gauck in Israel
Ich weiß Ihren beruhigenden Einfluss zu schätzen Drmartin ;)
"Wir" heißt die Bürger/innen der Bundesrepublik Deutschland und ihre verfassungsmäßigen Institutionen. Da passiert Ihnen schon nichts!
Drmartin, wer ist wir? Und warum schenkt man den so genannten "Aussteigern" mehr Gehör als einem "Nichtaussteiger"? Man sollte nicht zu leichtfertig mit Vorwürfen umgehen und bevor man sich in der öffentlichkeit über ein Thema zu Wort meldet, überlegen was für Konsequenzen das Gesagte möglicherweise haben wird und wie glaubhaft die Quelle, auf die man seine Argumentation aufgebaut hat, eigentlich ist...
Und wenn ich lese, dass ich als Scientologe schon durchkommen werde, dann frage ich durch was?! Welche Instanz kontrolliert, was durchkommt und was nicht...
Drmartin- wie sie sehen, werfen sie berechtigte Fragen meinerseits auf...;)
Anhänger einer Sciencefiction-Story mit Reinigungseffekt kommen schon durch in Deutschland. Wir wollen hier nur nicht, dass Sie eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes werden, weil dazu viel zu viele Aussteiger berichten, bei Ihnen würden die Menschenrechte nicht hinreichend beachtet.
...vielleicht sollten wir alle etwas mehr Staufenberg in der öffentlichkeit sein...
lets rock ;)...
PS. der Schluß fehlte noch in meinem Kommentar
Paging