Hollywood-Diskriminierung 99 Prozent weniger Gehalt

Michelle Williams soll einen Bruchteil von der Gage ihres Kollegen erhalten haben.

(Foto: dpa)

Für den Nachdreh zu "Alles Geld der Welt" mussten Michelle Williams und Mark Wahlberg noch einmal vor die Kamera. Ihre Mühen wurden dabei wohl ziemlich unterschiedlich entlohnt.

Von David Steinitz

Wie kann es sein, dass eine Schauspielerin 99 Prozent weniger Gehalt bekommt als ihr männlicher Co-Star? Diese Frage beschäftigt Hollywood und heizt auch im Netz die Debatte um ungleiche Gehälter für Frauen und Männer an. Auslöser des Skandals ist ausgerechnet Ridley Scotts Thriller "Alles Geld der Welt", der schon voriges Jahr Schlagzeilen gemacht hatte. Der Regisseur hatte Kevin Spacey nach Missbrauchsvorwürfen aus dem bereits fertigen Film herausgeschnitten und durch Christopher Plummer ersetzt. Seitdem wirbt Scott rund um die Welt für sein überarbeitetes Werk, mit besonderem Verweis auf seine Schnelligkeit: Die neue Fassung sei innerhalb von nur neun Tagen erstellt worden, ein Teufelsritt.

Für den Nachdreh mussten die anderen beiden Stars des Films, Michelle Williams und Mark Wahlberg, ebenfalls wieder ans Set. Sie hätten das aber getan, sagt Scott, ohne zusätzliches Geld zu verlangen, quasi im Dienst der Kunst, um den Film zu retten. Von dieser Notoperation erzählte der Regisseur in vielen Interviews, auch in der SZ, und in Amerika unter anderem in USA Today. Die Zeitung berichtet in ihrer Dienstagsausgabe nun aber, dass das falsch sein könnte. Unter Berufung auf drei an der Produktion beteiligte Quellen, die anonym bleiben wollten, heißt es, dass durchaus neues Geld geflossen sei.

Wahlberg soll mehr als eine Million bekommen haben, Williams hingegen nicht mal 1000 Dollar

Der eigentliche Skandal ist aber weniger, dass die Schauspieler für ihre Mehrarbeit mehr Geld haben wollten als die Differenz zwischen den Summen, die geflossen sind. Stimmen die Angaben der anonymen Zeitungsflüsterer, bekam Mark Wahlberg für die zusätzlichen Drehtage anderthalb Millionen Dollar bezahlt. Seine Kollegin Michelle Williams hingegen soll laut USA Today mit einem Tagessatz von 80 Dollar abgespeist worden sein, also insgesamt mit einem Lohn unter 1000 Dollar, und damit weniger als einem Prozent der Summe ihres Filmpartners.

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Die Zeitung will erfahren haben, dass Wahlbergs Management sofort nachverhandelte, als klar war, dass wieder gedreht werden würde. Theoretisch kein außergewöhnlicher Schritt, Hollywoodstars zahlen ihren Vertretern in der Regel zwischen zehn und fünfzehn Prozent der verhandelten Honorare. In der US-Filmindustrie geht es da schnell um große Summen, und für die müssen die Manager, Publizisten und Anwälte natürlich auch etwas tun, gerade in solchen Ausnahmesituationen.

Dass der Vorgang nicht mit Michelle Williams abgesprochen wurde, wäre ebenfalls tägliches Business, weil die Gehälter im Idealfall geheim bleiben sollen und in der Regel nur durch Indiskretionen von an den Produktionen Beteiligten ans Licht kommen. In diesem Fall ist es aber doch erstaunlich, denn Williams und Wahlberg werden beide von derselben Agentur vertreten, der William Morris Agency.

Die Firma ist eine der ältesten und mächtigsten Agenturen im Showgeschäft, sie wurde 1898 gegründet und vertrat schon Charles Chaplin in Vertragsverhandlungen. Obwohl die Verantwortlichen also am Wohl beider Darsteller interessiert gewesen sein müssten, soll es zu dieser krassen Diskrepanz gekommen sein. Stars wie die Schauspielerin Jessica Chastain äußerten sich auf Twitter entsetzt. Sie hoffe, dass es sich bei den kolportierten Zahlen nur um ein Missverständnis handele, und bat um offizielle Aufklärung. Weder die Agentur noch die Produktionsfirma noch Ridley Scott wollten sich bislang zu den Vorwürfen äußern.

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