Hofer Filmtage Männer in der Zwickmühle

Das Filmfestival versucht sich nach dem Tod seines Gründers Heinz Badewitz an einem Neuanfang. Was sich als recht kompliziert erweist.

Von Philipp Bovermann

Verwunschene Orte verbergen sich gern hinter einer dichten Nebelwand. So auch das Städtchen Hof. Das dortige Filmfestival im fränkischen Mittelgebirge galt mal als Durchlauf-Erhitzer für den deutschen Filmemachernachwuchs. Inzwischen ist der Glanz etwas verblasst. Seit etwa die Berlinale die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" besitzt, feiern viele junge Regisseure ihre Premieren lieber dort auf dem roten Teppich, statt an der alten Bratwurst-Bude vor dem Kino in Hof, egal wie kultig diese auch sein mag.

Umso verschworener hat das dortige Festival-Team seine Traditionen gepflegt, die immer auch Statements gegen den Glamour und die Abgehobenheit der Filmbranche waren. Etwa das jährliche Fußballspiel, bei dem angeblich Werner Herzog noch immer auf Platz eins der Torjäger steht. Dabei sind die "Hofer" älter geworden. Letztes Jahr, kurz vor dem 50. Jubiläum, ist der Gründer Heinz Badewitz, das Herz und die Seele des Festivals, gestorben. Ein Generationenwechsel steht an.

Zur diesjährigen Eröffnung trat Thorsten Schaumann, Jahrgang 1968, als neuer künstlerischer Leiter ans Mikrofon, in Röhrenjeans und mit langen Haaren. Er kommt von außen, hat zuvor für Sky Deutschland Filme gekauft und vermarktet. Schon letztes Jahr hat er das Festival übergangsweise mit zwei Kollegen geleitet. Nun ist er allein verantwortlich.

Der Eröffnungsfilm "Drei Zinnen" ist ein kluges, bildgewaltiges Werk, ganz nah am Zeitgeist

Bei der Eröffnungsrede gesteht er, dass er furchtbar aufgeregt sei, bringt seine Kärtchen durcheinander und scheint nicht so recht zu wissen, was jemand an seiner Stelle nun sagen soll. Also sagt er nur das Nötigste, entdeckt plötzlich jemanden im Publikum und deutet auf ihn. "Geil! Da ist ja mein erster Gast!" Die Aufmerksamkeit bei diesem für Hof doch recht historischen Auftritt schenkt er also spontan dem Filmemacher, der dieses Jahr zufällig als erster in Hof aufgeschlagen ist, dem Filmhochschul-Studenten Lukas Röder aus München, von dem noch nie irgendjemand etwas gehört hat. So macht man sich hier Freunde und Bratwurstweggefährten.

Auf den Hofer Filmtagen sind Urgesteine wie der Regisseur Roland Reber mit seinem Film „Der Geschmack von Leben“ vertreten.

(Foto: Festival)

Als Eröffnungsfilm haben Schaumann und sein Team sich für "Drei Zinnen" von Jan Zabeil entschieden. Ein junges Paar macht darin Urlaub auf einer Almhütte. Sie hat ihren Sohn im Grundschulalter dabei, er ist ihr neuer Freund und bewirbt sich eifrig als Ersatzpapa. Das stößt aber auf den Widerstand von Mutter und Sohn. In einer Szene fangen sie gemeinsam mit einem Glas eine Maus, als wäre sie nur eine lästige Spinne, die so harmlos ist, dass man sie noch nicht einmal vor die Tür setzen muss. Die beiden beschließen vielmehr, die Maus drinnen freizulassen, flüstern ihr aber zuvor noch zu, sie müsse versprechen, sich nie wieder an ihren Vorräten zu vergreifen. Warum die Frau den Mann liebt, warum sie den Vater des Jungen verlassen hat, wird nicht geklärt. Der Film lässt es ihre Angelegenheit sein, zwingt vielmehr den Mann, sich zu bemühen. Irgendwann bricht er in einen gefrorenen See ein und taucht unter der massiven Eiskruste durch, die eine überlegene Macht über ihn gestülpt zu haben scheint, weil er sich an ihren Vorräten vergriffen hat.

Es ist ein kluger und bildgewaltiger Film, genau am Zeitgeist, der während des Festivals mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet wurde. Er passt super nach Hof, schon allein weil irgendwann dichter Nebel aufzieht. Die Frau steht auf einer Bergalm, den Blick in Richtung des Tals, weg von der Kamera, während die Schwaden das Bild mehr und mehr verstellen, bis sie nicht mehr zu sehen ist. Es ist, als würde der Nebel sie schützend verbergen. Währenddessen kämpft der Mann auf einer einsamen Wanderung um die Liebe seines Stiefsohns und schließlich ums Überleben.

Die Szene fasst viele der diesjährigen Beiträge junger Filmemacher zusammen. Starke Frauen seien, laut Schaumann, einer der Themenschwerpunkte, was derzeit so ziemlich alle Festivalleiter überall auf der Welt propagieren, wenn sie nach dem roten Faden im Programm suchen. Aber eigentlich ist es vielmehr der schwache Mann, der in Hof in den Fokus rückt. Vermutlich hat das als Teil eines emanzipatorischen Prozesses auch seine Schlüssigkeit. Starke Frauen sind ja schon mal besser als schwache, aber stark sein zu müssen ist auch ziemlich anstrengend und entfremdet einen auf die Dauer von sich selbst. Sollen doch mal die Männer all die Paradoxien der Ohnmacht und ihrer Überwindung durchlaufen!

Auch junge Produktionen wie "Brut" von Constantin Hatz werden dieses Jahr in Hof gezeigt.

(Foto: Festival)

Der Gewinner des zum zweiten Mal vergebenen Heinz-Badewitz-Preises zum Beispiel, "Lux - Krieger des Lichts", erzählt von dysfunktionaler Männlichkeit im Kostüm eines Superhelden. Ein junger Mann, gespielt von Franz Rogowski, setzt sich eine Maske auf, legt ein Cape an und marschiert durch die Straßen Berlins, um den Schwachen zu helfen und Gutes zu tun. Dabei gerät er aber in allerlei moralische Zwickmühlen, und mit ihm auch das ganze Konzept männlicher Ritterlichkeit. Der Debütfilm von Daniel Wild ist aufgrund dieser ständigen Selbstproblematisierungen eine recht sadomasochistische Angelegenheit. In den Filmen, die geknallt haben, ging es meistens um Frauen.

Man kann Hof bescheinigen, dass es solche Filme Gott sei Dank entdeckt. Andererseits passt deren Welt aus Bratwurst und Fußball mit dem, was am deutschen Kino gerade interessant ist, nicht so recht zusammen. Da ist einerseits zum Beispiel "Brut". Ein hochintelligentes, kleines Monstrum von einem Film, der ein System von Gesten der Unterwerfung und der symbolischen Rebellion zwischen einer Mutter und einer Tochter entwirft. Auf der anderen Seite steht exemplarisch "Der Geschmack von Leben" von Roland Reber, ein Hofer Original und Kinorebell, wie er im Buche steht. Er wurde im Rollstuhl in den Saal geschoben, in Harley Davidson-Kutte und mit weißem Rauschebart. Sprechen konnte er nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr, das übernahmen seine Frauen für ihn. Sie trugen rote T-Shirts mit dem Aufdruck des Filmtitels, wie bei einem Junggesellinnen-Abschied.

Als junger Besucher kann man sich über manche Kino-Saurier nur noch wundern

Der Film besteht aus einer Reihe von "Fi(c)ktionen", die um die Suche zweier Frauen nach "echten Männern" kreisen, heute gebe es die ja leider nicht mehr. Dabei begegnen wir "Impotenz", dem "Schutzheiligen der Frauenbewegung", und bekommen erklärt, das Problem sei die gegenseitige Angleichung der Geschlechter, dabei solle doch "verdammt noch mal jeder der sein, der er ist". Die hier proklamierte sexuelle Befreiung der Frau durch unablässiges Erleichtern männlicher Genitalien ist für Männer natürlich bequem. Der Regisseur hat das Drehbuch nicht allein geschrieben, sondern es sind wirklich "seine" Frauen, die so denken, das erfährt man im Gespräch mit ihnen. Sie sind sehr lieb, reden von Freiheit und verteilen penisförmige Fruchtgummis.

Als jüngerer Besucher staunt man nur über diese Kino-Dinosaurier. Reber und seine Frauen haben in Hof ihre Fans, das Publikum ist ja größtenteils selbst nicht mehr ganz jung. Dann schwenken alle zusammen Knicklichter und singen "Ich geh mit meiner Laterne".

Thorsten Schaumann ist auch da und singt aus voller Kehle mit. Sein Vorgänger Heinz Badewitz hat den Kosmos Hof als eine Art großen Familienbetrieb geführt. Nun ist er der neue Papa und stellt sich vorbehaltlos hinter all "seine" Filmemacher. Es ist ein gutes Zeichen, dass er besser singen kann als Fußball spielen und Würste essen. Aber er scheint auch zu ahnen, wie schnell man als Patchwork-Daddy heutzutage in zugefrorene Seen einbrechen kann, wenn man es wagt, sich an den Vorräten zu vergreifen.