Hörenswert Eigener Blick

Henrik Ajax' Komposition "Nexus"

Von Rita Argauer

Die Streicher nehmen alle zwei Takte neu Anlauf, als würden sie Luftholen für das Gepumpe auf einem Ton in dumpfer Mittellage, mit dem der erste Satz von Henrik Ajax' Streichsextett beginnt. Ein kurzer Hakler, ein Atmen und schon schiebt es weiter, ähnlich einem Beat in der elektronischen Musik oder den Patterns im Minimal. Doch was in den Stimmen darüber und darunter passiert in diesem viersätzigen Werk, mit dem der 1980 in Schweden geborene Komponist sein Album "Nexus" eröffnet, das ist alles andere als modern. Vielmehr forscht Ajax nach existenzieller Dramatik, nach Verdichtung und dem wogenden Überlaufen, das die klassische Musik im 19. Jahrhundert für sich entdeckte.

Der Wahlmünchner studierte Komposition in Würzburg und München und bekam zuletzt das Musikstipendium der Stadt München verliehen. Neben dem Streichsextett findet sich auf diesem Album noch eine Sonate für Violine und Klavier und das titelgebende Kernstück "Nexus" für Klavier solo. Aus der Zeit gefallen wirken diese Stücke, schon weil deren energetischer Impetus mehr an Schönberg als an Rihm erinnert. Er nutzt in seinem Streichsextett von 2014 und der Sonate für Klavier und Violine von 2012/13 vielmehr was die klassische Musikgeschichte hergibt und erschafft Verbindungen. Frei und mit einem eigenen Blick, aber ohne die Zerstörer-Attitüde der Avantgardisten. Ajax' Musik hat etwas Leichtfüßiges im Umgang mit der Vergangenheit. Er muss sich weder unbedingt abgrenzen, noch gerät die Anbindung an die Vormoderne bei ihm anbiedernd. Seine Solostimmen stattet er mit einem Sehnen aus, dessen Phrasierungen man aus dem frühen 20. Jahrhundert kennt. Die Begleitstimmen gestaltet er jedoch nach den minimalistischen Patterns der amerikanischen Moderne, erschafft sowohl im Streichsextett als auch in der Klavier-Violin-Sonate einen Hybrid aus John Cage und Arnold Schönberg. Im Titelstück kulminiert dieser Ansatz an einem Instrument: Die Synkopen werden fliegend von Brigitte Helbig musiziert, virtuoses Tastenrauschen wechselt sich spielend mit schwebenden Cluster-Sprengseln ab.

Ajax gelingt es, Drama und Innerlichkeit in die Musik zu holen. Dabei verzichtet er auf Flirts mit populärer Musik oder Chanson, was für manche der jüngeren Komponisten gerade ein Weg ist, die kühl konstruktivistischen Tonbauten der Avantgarde der Siebzigerjahre zu beleben. Ajax bedient sich hingegen bei dem, was innerhalb der klassischen Musik im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt wurde und setzt dabei auf Verbindung: Ein spätromantisches Sehnen und ein minimalistischer Puls schließen sich nicht aus. Ajax fügt vielmehr Musiken zusammen, die für seine Vorgängergeneration noch Antipoden waren und klingt dabei trotzdem überraschend gegenwärtig.