Hitlers angebliche Nuklearwaffe Seltsam - oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

Pressetermin: Der Verlag, der sich letzte Woche mit der Ungeheuerlichkeit vorgewagt hatte, Nazi-Deutschland hätte womöglich eine A-Bombe besitzen können, stellt heute nun Atom, Raum und Zeit unter die verschärfte Relativitätstheorie.

Von MARCUS JAUER

Bevor die Deutsche Verlagsanstalt das neue Buch des Berliner Historikers Rainer Karlsch präsentierte, verschickte sie Werbemappen, in denen sie ankündigte, Karlsch habe "eines der größten Rätsel des Dritten Reiches" entschlüsselt. Nachdem der Verlag das Buch nun gestern in Berlin vorgestellt hat, fragt man sich, ob das Rätsel tatsächlich so groß war und ob ein anderes nicht viel größer ist: Wie kam das Buch eigentlich zu seinem Titel?

"Es gab keine deutsche Atombombe", sagte Mark Walker, ein New Yorker Wissenschaftshistoriker, der mit "Die Uranmaschine" ein Standardwerk über das Kernwaffenprogramm der Nazis geschrieben hatte und deshalb mit auf dem Podium saß.

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Karlschs Buch heißt "Hitlers Bombe", gemeint ist die Atombombe. Eine nukleare Waffe, von der man angenommen hatte, dass Kernphysiker um Werner Heisenberg an ihrer Entwicklung saßen, sie aber nicht abschließen konnten. Hitler hatte die Bombe nicht, dachte man.

Karlsch, der ein anerkannter Historiker ist, behauptet nun, dass die Nationalsozialisten sehr wohl im Besitz einer nuklearen Waffe gewesen seien, einer Mini-Atombombe zumindest, und dass sie diese einige Monate vor Kriegsende auch testeten, zuletzt am 3. März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen. Es ist der Ort, an dem Karlsch seine Recherchen vor Jahren begann, ein Fernsehjournalist hatte ihm von Gerüchten über einen Atomtest erzählt.

Die Ergebnisse dieser Recherchen hatten in den letzten Tagen für ein Medienecho gesorgt, das mit jenem, welches der historischen Bombe nachfolgte, ohne weiteres hätte mithalten können. Das Echo war nicht nur positiv gewesen, was bei einem solchen Thema jedoch vollkommen normal sei, wie die einhundert Journalisten bei der Vorstellung des Buches hörten. Jeder der behaupte, die Nazis seien nah an der Atombombe gewesen, müsse mit Erstaunen und mit Widerstand rechnen, sagte Jürgen Horbach, Geschäftsführer der DVA. Der größte Widerstand allerdings kam von dem Experten, die der Verlag selbst eingeladen hatte.

"Es gab keine deutsche Atombombe", sagte Mark Walker, ein New Yorker Wissenschaftshistoriker, der mit "Die Uranmaschine" ein Standardwerk über das Kernwaffenprogramm der Nazis geschrieben hatte und deshalb mit auf dem Podium saß. Zumindest keine Atombombe, die mit dem, was die Amerikaner später auf Nagasaki abwarfen, vergleichbar gewesen wäre. Das aber würde Karlsch in dem Buch auch nicht behaupten. Alles, was er beschreibe, seien Versuche, eine Art von Kernwaffe zu bauen. Er habe, sagt Walker, Rainer Karlsch davor gewarnt, die Ergebnisse jener Versuche als Atombomben zu bezeichnen. Die Verwirrung, die dies in den Medien ausgelöst habe, sei vorherzusehen gewesen.

Walker bemühte sich, die eigentlichen Rechercheleistungen des Buches hervorzuheben. Karlsch hatte in Moskauer Archiven beispielsweise eine Rede Heisenbergs entdeckt, nach der er, Walker, vergeblich gesucht hatte. Er hatte außerdem zeigen können, dass es neben Heisenberg eine Gruppe bislang unterschätzter deutscher Wissenschaftler gegeben hatte, die im Auftrag der SS arbeitete und offenbar weniger Skrupel hatte, eine solche Waffe zu entwickeln, als Heisenberg und Kollegen. Sie scheiterten letztlich daran, dass sie für die Bombe nicht ausreichend spaltbares Material hatten. Der Reaktor, in dem sie versuchten Uran anzureichern, lief, wenn überhaupt, nur wenige Tage.

Doch was Karlsch für das Buch auch recherchiert hat, es steht nun im Schatten des Titels, im Schatten der Bombe. Karlsch selbst sagte, es sei eine Frage der Definition, ob das, was 1945 in Thüringen getestet wurde und angeblich mehrere hundert Menschen tötete, eine Atombombe gewesen ist. Die Diskussion beginne ja erst. Sollten die Medien das anders verstanden haben, tue ihm das leid. "Sorry", sagte Karlsch.