Andere Universitäten kommen in Norwoods Aufzeichnungen ähnlich schlecht weg. Elite-Colleges für Frauen, wie Vassar und Bryn Mawr haben studentische Austauschprogramme mit dem Hitler-Regime gefördert, selbst nachdem ein Nazi-Scherge damit angab, dass deutsche Austauschstudenten "politische Soldaten des Reichs" seien. Einige Vertreter dieser Schulen verteidigten sogar tatsächlich den Umgang der Nazis mit Frauen.

Anzeige

Norwood dokumentiert ebenfalls, wie Fakultäten für deutsche Kultur und Sprache an wichtigen US-Universitäten oft zur unterstützenden Kraft für Hitler in den Vereinigten Staaten wurden. Ein Kapitel in "The Third Reich in the Ivory Tower" beschäftigt sich mit katholischen Universitäten in den USA, die Mussolinis faschistisches Regime befürworteten und in einigen Fällen auch Nazi-Deutschland unterstützten.

Die gängigste Reaktion auf diese Vorwürfe, mit der sich die betroffenen Universitäten nun verteidigen, wurde vom Kanzler der Columbia-Universität formuliert: "Wenn die Vorgänge, die Professor Norwood beschreibt, Beispiele einer ,Kollaboration' sein sollen, dann gehören zu diesen Kollaborateuren viele tausend Anführer und Bürger der Vereinigten Staaten, Großbritannien und zahlreicher anderer Nationen." Norwood benutzt zwar nicht den vorbelasteten Begriff "Kollaborateur" - sein Buch hat einen maßvollen und wissenschaftlichen Grundton - aber Brinkleys Argument ist eindeutig: Falls es so viele Menschen gab, die mit der Vorgehensweise von Harvard, Columbia und den anderen Universitäten einverstanden waren, dann ist es unfair, die Universitäten für ihr Verhalten anzugreifen.

Es ist unnötig, anzumerken, dass das Argument "alle haben mitgemacht" intellektuell wenig beeindruckend ist. Schon die Eltern eines widerspenstigen Teenagers würden diese Aussage nicht als eine Entschuldigung für Fehlverhalten hinnehmen. Und noch viel weniger ist den meisten Eltern daran gelegen, dass eine solche Ausrede durch einen Professor an ihre Kinder herangetragen wird.

Außerdem ist es nicht wahr, dass jeder den Juden gegenüber negativ eingestellt war, positiv über Hitler dachte oder bereit war, über den Antisemitismus der Nazis hinwegzusehen oder ihn zu tolerieren. Vielmehr gab es Universitätspräsidenten, deren Verhalten sich stark von Conant in Harvard und Butler in Columbia unterschied. Zum Beispiel Frank Graham, Präsident der Universität von North Carolina. Er half mit, an amerikanischen Colleges Lehrstellen für flüchtige jüdische Wissenschaftler einzurichten, die aus Deutschland vertrieben worden waren. Zudem wies er 1934 die medizinische Fakultät seiner Universität an, die Höchstquote für jüdische Studenten abzuschaffen. In den 1940er Jahren war Graham ein engagiertes Mitglied der Bergson Group, eines politisch handelnden Gremiums, das sich bei der Roosevelt-Regierung für die Rettung der Juden einsetzte.

Präsidenten von Universitäten sind in der wunderbaren Position, die öffentliche Meinung beeinflussen zu können. Sie sind Stützen des amerikanischen Bildungssystems, weshalb sie die moralische Verantwortung tragen, gegen jedwede Ungerechtigkeit ihre Stimme zu erheben. Wie Professor Norwoods Buch beweist, haben Harvard und andere amerikanische Eliteuniversitäten in den 1930er Jahren in dieser Hinsicht versagt. Dieses Versagen der amerikanischen Akademiker-Elite ist ein Teil des weiteren Versagens von führenden amerikanischen Politikern und Intellektuellen im Umgang mit dem Nationalsozialismus, der systematischen Judenverfolgung im Deutschland der 1930er Jahre und schlussendlich auch mit dem Holocaust.

Eine Gegenreaktion zu diesen Studien war unvermeidlich. Richard Breitman und Severin Hochberg behaupten in ihrer neuen Studie "Refugees and Rescues" über den Flüchtlingsanwalt James McDonald, dass Präsident Roosevelt sich insgeheim aufrichtig darum bemühte, für Juden, die in den späten 1930er Jahren vor Hitler flohen, einen Zufluchtsort zu finden. Die Beweise, die die Autoren anführen, sind zu dünn, um ihre These wirklich stützen zu können, aber es gelang ihnen mit ihrer Behauptung immerhin, international auf sich aufmerksam zu machen.

Das zeigt, wie groß das öffentliche Interesse an diesem Thema über sieben Jahrzehnte nach dem eigentlichen Geschehen geblieben ist. Dennoch ist Norwoods Buch die erste Studie, die aufzeigt, wie ein entscheidender Teil der amerikanischen Gesellschaft auf die Nazis reagierte. Norwoods Erkenntnisse sind Teil eines besorgniserregenden aber notwendigen Prozesses eines zeitgenössischen Amerikas, das mit einem der dunkelsten Kapitel seiner Geschichte zurechtkommen muss.

Der Autor ist Direktor des David S. Wyman Instituts für Holocaust-Studien. Übersetzung: Michael Stallknecht

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Unsere Freunde, die Nazis
  2. Sie lesen jetzt Beispiele einer "Kollaboration"
Leser empfehlen 

(SZ vom 6.11.2009/iko)