Historisches Tagebuch Polit-Gaudi

Victor Klemperer berichtet über die Münchner Räterepublik 1919. Dem bayerischen Bürgertum dieses Jahres attestierte er "engherzigen Partikularismus". Doch wem galten seine Sympathien?

Von Jens Bisky

Der Revolutionsliterat" war eine Zeichnung in der Silvesterausgabe der Wochenzeitschrift Simplicissimus überschrieben, 31. Dezember 1918. Auf einem roten Diwan sitzt, entspannt bis in die Barthaare, der anarchistische Dichter Erich Mühsam. Lässig hält er die Zigarette in der rechten Hand, während eine füllige, gut geschminkte Dame sich an seiner linken zu schaffen macht: "Maniküren Sie mir Schwielen an die Hände. Ich bin jetzt Arbeiterrat."

Über diese Karikatur lachten im Januar 1919 ausgiebig der Leitartikler der nationalkonservativen Leipziger Neuesten Nachrichten, Paul Harms, und der Privatdozent Victor Klemperer, der vor kurzem aus dem Krieg zurückgekehrt war, im Dezember München besucht hatte, um seinen Entlassungsschein zu erhalten und den Wiedereintritt in die akademische Karriere zu organisieren.

Bereits am 7. November 1918 hatte Kurt Eisner den Freistaat Bayern proklamiert, der überraschte König, Ludwig III., floh. München wurde revolutionäres Zentrum. Was Klemperer den Leipziger Freunden über seine Erlebnisse dort erzählt hatte, passte genau zur Karikatur auf Mühsam, der sich gerade als radikaler Politiker erprobte.

Klemperer solle doch, schlug Paul Harms vor, aus München für die Leipziger Neuesten Nachrichten berichten. Zögern, lockende Angebote, Zuspruch der Brüder, auf deren finanzielle Unterstützung Klemperer angewiesen war - am 11. Februar erschien der Artikel "Politik und Bohème (Von unserem A.B.-Mitarbeiter)".

A.B. stand für "Antibavaricus". Neben dem Sinn für das Karnevalistische im Revolutionsgeschehen, für das "Faschingstreiben mit blutigem Ernst", prägte die Distanz des Norddeutschen, des Preußen, zu allem Bayrischen den Blick Klemperers auf das Münchner Geschehen: "Die Münchner Bohème ist eine Fremdenlegion, erhalten zur Belustigung, zur Gaudi des Münchener Bürgers. Und jetzt ist an die Stelle der künstlerischen Belustigung die politische Gaudi getreten . . .".

Bewaffnete Mitglieder der Roten Armee während der zweiten Räterepublik auf Streife.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Unter dem Titel "Man möchte weinen und lachen zugleich" veröffentlicht der Aufbau-Verlag in diesen Tagen Victor Klemperers "Revolutionstagebuch 1919". Es enthält neben fünf gedruckten Korrespondentenberichten weitere Artikel, die handschriftlich überliefert sind. Klemperer nahm an, dass sie, verfasst und verschickt mitten in den Kämpfen Ende April, Anfang Mai, die Zeitung in Leipzig nicht erreichten. Hinzu kommen Erinnerungen, die der entrechtete und verfolgte Romanist 1942 in "Judenhäusern" in Dresden niederschrieb.

Die Chirurgin Annemarie Köhler bewahrte seit 1940 unter Lebensgefahr die Tagebücher und Manuskripte Klemperers auf. Ihrer Anständigkeit, ihrem Mut ist es zu danken, dass wir Victor Klemperers Chronik des 20. Jahrhunderts lesen können: sein sprachkritisches Meisterwerk "LTI" (Lingua Tertii Imperii) - das "Notizbuch eines Philologen" erschien zuerst 1947; "Curriculum Vitae", seine Erinnerungen an die Jahre 1881 bis 1918, die 1989 herauskamen, und vor allem seine Tagebücher aus der Zeit des "Dritten Reiches". Seit sie 1995 erschienen, haben sie Hunderttausende Leser gefunden. Wer immer sich ein Bild vom Alltag unter Hitler und inmitten der Nationalsozialisten machen, die Mentalität der "Volksgemeinschaft" kennen lernen will, wird zu diesen Tagebüchern greifen: "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten".

Die Aufzeichnungen aus dem Jahr 1942 wiederholen manche Beobachtung, die der Siebenunddreißigjährige 1919 notierte. Es geht um die Lächerlichkeit von Phrasen und Pathos, um die Radikalisierung nach der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar, und um die erschlagende Ratlosigkeit des Bürgertums. Noch einmal erzählt Klemperer vom Besuch in einer Schwabinger Dachwohnung, wo er den Wert der Bibliothek Kurt Eisners schätzen sollte. Ein hoher Preis war für die "typische Büchersammlung eines Journalisten, der mehr Interessen als Geld besessen hatte", nicht zu erwarten. Noch einmal kann man lesen, wie die erste Räterepublik unter den Intellektuellen Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller, von einer zweiten Räterepublik unter den Kommunisten Eugen Leviné und Max Levien abgelöst wurde, bis Anfang Mai die Freikorps unter dem Jubel der Münchner einmarschierten.

Der Romanist Victor Klemperer, geboren 1881 in Landsberg an der Warthe, gestorben 1960 in Dresden, als Kandidat zur Volkskammerwahl 1954.

(Foto: dpa)

All das erfährt man in Berichten aus dem Jahr 1919 und in den Erinnerungen von 1942, die in dem Bewusstsein niedergeschrieben wurden, dass die Entfesselung der Gewalt, die Gewöhnung an politische Morde, die Missachtung bürgerlicher Freiheit lange vor 1933 begonnen hatten.

Landauer wurde am 2. Mai 1919 misshandelt, angeschossen, zu Tode getreten; Eugen Leviné im Juni 1919 hingerichtet; Erich Mühsam 1934 im KZ Oranienburg ermordet, Max Levien 1937 in der Sowjetunion erschossen, Ernst Toller nahm sich im amerikanischen Exil 1939 das Leben. Franz Ritter von Epp, dessen Freikorps in München begrüßt worden war, der an der Universität eifrig Freiwillige warb, wurde Hitlers Reichsstatthalter in Bayern.

1942 erinnert sich Klemperer an die "Triumph- und Werberede" eines Studierenden, der bei Epp diente: "In meinem Bericht darüber steht ein Satz, auf den ich stolz war: ,Ich fürchtete immer, er werde sich versprechen und statt Epp: Schill sagen.'" (Gemeint ist Ferdinand von Schill, der ein Freikorps gegen Napoleon führte.) "Aber es war noch eine andere Befürchtung in mir, und sie hielt ich, in diesem Artikel wenigstens, zurück. Wenn der begeisterte Redner von den ,landfremden Elementen' sprach, vor denen das Vaterland in Zukunft geschützt werden müsse, dann fürchtete ich immer, er werde statt ,landfremder Elemente' Saujuden sagen."

Das bayerische Bürgertum zeichnete sich für Klemperer im Jahr 1919 durch "engherzigen Partikularismus" aus, die Flugblätter machten die Juden für alles verantwortlich, der "bürgerliche Volksmund" nannte "neben den Juden die Preußen". Wem galten Klemperers Sympathien? Gewiss nicht den Spartakisten und dem "Unfug der Räterrepublik", nicht dem schwachen, nach Bamberg geflohenen Kabinett des Sozialdemokraten Hoffmann, nicht den Bürgern.

"Man muss die schöne Gemütsruhe des Münchner Bürgertums", schrieb er im April 1919, "miterlebt haben, um den gelungenen Handstreich der Rätepartei nicht allzusehr zu bewundern. Ahnungslos waren die Bürger und alle Gemäßigteren diesmal nicht, das tuschelte überall seit Wochen, im April käme ,es'. Aber der gute Bürger dachte eben, er habe sich lange genug aufgeregt, und einmal müsse der Mensch auch ,sei Ruh' haben. Also kümmerte man sich um Butter und Eier statt um Mühsam und Landauer."

Victor Klemperer: Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Aufbau Verlag, Berlin 2015. 263 Seiten, 19,95 Euro.

Klemperer schrieb im "Gefühl der Isoliertheit", verstärkt vor allem durch den allgegenwärtigen Antisemitismus, unter dem er persönlich allerdings in München nicht zu leiden gehabt habe. Einer Minderheit gehörte er auch als Verteidiger der bürgerlichen Freiheit an. Leidenschaftlich erinnert er an die Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung: Seine Stimme gab Klemperer den Liberalen, und er sei auch in späteren Jahren dabei geblieben, trotz der Einwände, die Zeit der Liberalen sei abgelaufen, sie haben keine Köpfe, seien machtlos. "Die eigentlich menschliche Welt ist mir die europäische, und Europa ist durch den Liberalismus geworden und lebt durch den Liberalismus. Er ist die reine, die allein europäisierende Lehre. Man muss sich zu ihr bekennen, auch da und gerade da, wo sie im Augenblick machtlos und missachtet ist."

Diese liberale, an Montesquieu geschulte Perspektive zeichnet Klemperers in der Reihe der vielen literarischen Revolutionsberichte - etwa von Thomas Mann, von Erich Mühsam oder Josef Hofmiller - aus. Sie ermöglichte ihm berührende Charakteristiken auch derjenigen Personen, deren politische Überzeugungen ihm fremd waren, deren Handeln er missbilligte, am berührendsten in dem Korrespondentenbericht über "München nach Eisners Ermordung": "Er wollte nichts für seine Person, er war, obwohl ihn die Plötzlichkeit seines Aufstiegs natürlich mit Selbstbewusstsein erfüllt hatte, keineswegs von jener peinlichen Eitelkeit Karl Liebknechts, er war auch ohne den blutigen Fanatismus Rosa Luxemburgs. Er wollte seine Hände frei halten von Geld und von Blut." Erfüllt vom besten Willen, habe er auch bei anderen immer "die gleiche Seelenunschuld" vorausgesetzt, schwebend in Ahnungslosigkeit über dem festen Boden, den man ihm längst entzogen hatte.

Eine Wohnung konnte Klemperer in München nicht finden, also zog er mit seiner Frau zunächst in die Pension Michel und dann in die Pension Berg, Schellingstraße 1, dicht am Geschehen, dicht an der Universität, deren außerordentlicher Professor er war, bis man ihn 1920 überraschend an die Technische Hochschule Dresden berief. Die Jahre des Schwankens zwischen Journalismus und Akademie endeten damit, für den Journalismus war das ein Verlust. Klemperer schrieb als Antibavaricus ein präzises, nie gravitätisches, aber auch nicht simplifizierendes Deutsch. Er wusste die "kreisrunden Menschennester" auf Straßen und Plätzen zu beschreiben, Knäuel, in denen gesprochen, erzählt wurde. "Ein Schuß würde genügen, die Verschmelzung dieser Gruppen, die chaotische Masse zu formieren."

Obwohl in der zweiten Aprilhälfte von Nachrichten abgeschnitten - es gab kaum Zeitungen,, nur revolutionäre Mitteilungsblätter -, sah er die Entwicklung richtig voraus. Er durchschaute Hohlheit des improvisierten Universitätsbetriebs, fiel auf Schauergeschichten über kommunistische Bluttaten oder "Kommunisierung der Bürgerfrauen" nicht herein - und warf den Kommunisten doch vor, nichts unterlassen zu haben, "was eine entzügelte Menge des Rechtsgefühls entwöhnen und Schritt für Schritt schließlich zu den schlimmsten Verbrechen führen muss. Willkürliche Verhaftungen, festnahmen von Geiseln, Haussuchungen, die in gemeinste Plünderung ausarten, und immer, immer wieder Aufhetzungen der schlimmsten, blutigsten, ruchlosesten Art . . . ".

In der Tat wurden Geiseln erschossen, dann begann der "weiße Terror", zunächst als "freudige bayrisch-preußische Verbrüderung", dann in entsetzlichen Wochen politischer Morde. Die bündigsten Zusammenfassung bietet noch immer das Kapitel "Aus der Geschichte der Stadt München" in Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg": "In München war die Widerlegung der Argumente der Linksparteien durch Tötung derer, die sie propagierten, besonders beliebt."

Die nun vorliegende Ausgabe des Revolutionstagebuchs wird eingeleitet von einem Vorwort des Historikers Christopher Clark, sie enthält einen Essay Wolfram Wettes zur "deutschen Revolution 1918/19" sowie Anmerkungen und Personenregister. Die politischen Feuilletons Klemperers und sein Rückblick aus dem Jahr 1942 machen lokale Ereignisse, die blutigen Wirren der Münchner Räterepublik und ihre Niederschlagung, als einen Schlüsselmoment der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts erkennbar.