Historisches Jugendbuch Tango tanzen in der Küche

Illustration aus Alexandra Litwina und Anna Desnitskaya: In einem alten Haus in Moskau.

(Foto: Verlag)

Wie Russland zu dem wurde, was es heute ist. Erzählt wird über hundert Jahre in einem Moskauer Haus, über die Menschen und wie die Politik ihre Schicksale prägt.

Von  Tim Neshitov

Ende der 1930er-Jahre war es üblich in Russland, dass ganze Arbeitskollektive, Lehrkörper und Schulkassen öffentliche Briefe an den Diktator Josef Stalin schrieben. Diese wurden in Zeitungen abgedruckt. 1937 erschien in der Prawda folgender Brief: "Die niederträchtige Bande faschistischer Mietlinge hat versucht, ihre dreckige Hand gegen die Führer unserer Partei und unserer Regierung zu erheben (...) Aber die Feinde haben sich verkalkuliert. Sie wurden rechtzeitig von unserem heldenhaften Volkskommissariat für Inneres enttarnt. Wir, Schüler der fünften Klasse "G", fordern die Erschießung der faschistischen Scheusale. Niederträchtige Mörder haben keinen Platz auf sowjetischem Boden!" Es folgen 32 Unterschriften, Moskau, Schule Nummer 76.

Es leben noch Menschen, die diese Zeit als Kinder erlebt haben. Und da die sowjetische Vergangenheit nicht wirklich aufgearbeitet wurde und Stalin vielen alten wie jungen Russen heute wieder als Vorbild dient, ist es gut, wenn solche Zeitungsausschnitte aus den Archiven geholt und einem breiten Publikum präsentiert werden. Und sei es in einem Kinderbuch wie "In einem alten Haus in Moskau - Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte" von Alexandra Litwina mit Illustrationen von Anna Desnitskaya.

Dieses detailreich gezeichnete Bilderbuch erzählt die Geschichte der Moskauer Familie Muromzew (aus der die Autorinnen stammen) zwischen 1902 und 2002. Man begleitet mehrere Generationen durch Revolutionen, Pubertät, Kriege, Liebe, Studium: Weltgeschichte trifft hier auf Alltag. Man beobachtet die Muromzews in einer Wohnung, die im Laufe des Jahrhunderts mehrmals umgestaltet wird.

Vor der Oktoberrevolution beschäftigt die Familie noch eine Köchin, eine Zimmerfrau, es gibt sogar einen Dienstboteneingang, der Vater hat ein geräumiges Arbeitszimmer mit Kamin und Schaukelstuhl, die Mutter hängt über der roten Couch Bilder auf. Vater ist Arzt und wird im Ersten Weltkrieg in einem Lazarett eingesetzt. Weihnachten 1914 kommt er überraschend zu Besuch, zu Tannenbaum, Klavier und Plätzchen, es ist gemütlich, und keiner weiß, was auf das Land zukommt.

1927 wohnen in der großen Wohnung neben den Muromzews bereits weitere Zeitgenossen, Wohnraum ist knapp. In der Gemeinschaftsküche, die auch als Wohn-, Arbeits- und Spielzimmer für Alt und Jung dient, wird zu Grammofon Tango getanzt.

1937, auf dem Höhepunkt des Großen Terrors, als Schüler Briefe an Stalin schreiben, werden in beinahe jeder sowjetischen Familie Menschen verhaftet. Bei den Mitbewohnern wird der Vater Lew Jakowlewitsch abgeführt und erschossen, dessen Frau schneidet aus den Familienalben die Gesichter aller Freunde, die schon in Haft sind, kurz darauf wird sie ins Lager gebracht und die kleine Tochter zieht zu einer Tante. Auf der roten Couch unterhalten sich Ilja Stepanowitsch Muromzew, der Arzt im Ruhestand, und sein Schwiegersohn, und zwischen ihnen liegt die Katze Maschka. Der Arzt: "Das muss ein Irrtum sein. Ich kenne Lew Jakowlewitsch schon ewig. Ein hochanständiger Mensch." Der Schwiegersohn: "Was heißt schon hochanständig! Politische Weitsicht ist gefragt, Ilja Stepanowitsch. Lesen Sie keine Zeitung? Wir müssen auf der Hut sein: Überall lauern Spione und Saboteure!"

Es ist kein einfaches Buch, aber ein hilfreiches, um zu verstehen, wie Russland zu dem wurde, was es heute ist. Die Fülle der Informationen macht es eher zu einem Buch für Jugendliche, nicht für Kinder. Die Zeichnungen aber sind Kinderzeichnungen, und sie sind sehr schön, man kann sich in dieser Moskauer Wohnung verlieren. Und ist dann aber froh, sie wieder verlassen zu können. (ab 12 Jahre)

Alexandra Litwina: In einem alten Haus in Moskau. Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte. Mit Illustrationen von Anna Desnitskaya. Aus dem Russischen von Thomas Weiler und Lorenz Hoffmann. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017. 60 Seiten, 24,95 Euro.