Historisches Abenteuer Express nach Paris

Unterwegs mit dem Orientexpress zur Weltausstellung im Jahr 1889   von Konstantinopel nach Paris. Im Mittelpunkt zwei Jungen, Pierre ist Küchenhilfe und Sinan der Sohn eines reichen Kaufmanns.

Eine Fahrt mit der Dampfeisenbahn durch halb Europa gelingt nur, wenn ordentlich Druck auf dem Kessel ist. Insofern mag das Wortspiel naheliegen, dass es sich bei Stephan Martin Meyers und Thorwald Spangenbergs vielgestaltigem Band "Mit dem Orientexpress nach Paris" um einen Kessel Buntes handle. Ein Kessel Buntes, das meint jedoch ein beliebiges Neben- und Durcheinander von Dingen - und ist als Beschreibung dieses Buches deshalb vollkommen unzutreffend.

Der Band ist zwar vieles: ein Lese- ebenso wie ein Bilderbuch, ein Comic und ein Nachschlagewerk, er ist gleichermaßen ein Sachbuch wie auch ein fiktionales Abenteuer. Aber all das ist gut aufeinander abgestimmt, so dass die vielen Elemente ein schlüssiges Ganzes ergeben. Der Autor Stephan Martin Meyer und der Illustrator Thorwald Spangenberg schicken ihre Leser und Betrachter im Windschatten zweier 14-Jähriger in die Vergangenheit des Jahres 1889 und dort mit dem Orientexpress von Konstantinopel zur Weltausstellung nach Paris. Der eine, Pierre, ist Küchenjunge in dem Zug. Der andere, Sinan, reist mit seinem Vater, einem osmanischen Kaufmann, zur Ausstellung.

Sehr schnell also tun sich viele Ebenen auf - denn mindestens so spannend wie das kleine Detektivabenteuer um eine gestohlene Uhr, in das Sinan und Pierre stürzen, sind die in dieser Geschichte herrschenden Verhältnisse. Sei es die Art des Reisens, sei es die politische Situation in Europa, sei es die aus heutiger Sicht antiquierte Technik oder die überholte Hierarchie innerhalb der Gesellschaft: beinahe alles ist erklärungsbedürftig.

Meyer und Spangenberg erklären. In der jeweils angemessenen Form. Also mal klassisch erläuternd wie in einem Sachbuch, mal illustrativ, mal verpackt in eine erfundene Geschichte. Wobei letztere so charmant ist, dass sie nie aufgesetzt wirkt als bloßes Vehikel, um den Geschichtsunterricht in Bewegung zu halten. Der wiederum wird fassbar, weil die Leser sich hineinversetzen können in Sinan und Pierre, die am eigenen Leib erfahren, - als der Orient Express die serbische Grenze erreicht-, was Grenzkontrollen und Wechselkurse bedeuten, was Klassenschranken verhindern und der technische Fortschritt ermöglicht.

Was das mit unserer Gegenwart zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts. Aber es hilft zu begreifen, dass Europa einmal ganz anders war, als wir es heute erleben. Und dass diese Vergangenheit nicht nur eine wildromantische Seite hat. Auch wenn die natürlich das Aufregendste ist an dieser Lesereise mit dem legendären, inzwischen längst wieder eingestellten Orientexpress. (ab 12 Jahre)

Stephan Martin Meyer, Thorwald Spangenberg: Mit dem Orientexpress nach Paris. Die Geschichte von Sinan und Pierre. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017. 80 Seiten, 19,95 Euro.