Herbie Hancock wird 70 Nennen Sie mich Herbie

Miles Davis fand: Er kann einfach alles. Herbie Hancock, der furchtlose und vielseitige Jazzmusiker mit dem Gespür fürs Populäre, wird heute 70 Jahre alt.

Von Karl Lippegaus

Mr. Hancock ist ein Kumpeltyp. Sollte er je in Pension gehen, könnte er einfach Heerscharen von Journalisten und Filmemachern weiter von Miles Davis erzählen. "Wenn Sie Liebe machen wollen - 'Kind Of Blue'!" Lachen ringsum. Obwohl von Jazzpuristen wegen seiner Popstar-Allüren einst heftig attackiert, steht Miles Davis nicht zuletzt dank ihm - "nennen Sie mich Herbie, bitte" - kurz vor der Heiligsprechung. Im neuen Buch des Jazzautors Franck Médioni ("Miles Davis - 80 musiciens de jazz témoignent", Actes-Sud) erzählt Hancock: "Ich war dreiundzwanzig. Und Miles machte mir Angst. Ja, große Angst. Wir mussten uns selbst übertreffen, unser Möglichstes immer weiter vorantreiben. Miles verlangte sehr viel, leitete aber kaum. Er ließ uns die Freiheit zu tun, was wir wollten. Mein Leben hat er verändert und mir viel Mut gegeben."

Ein schöner Anschlag

Mit sieben Jahren hatte er Klavier spielen gelernt. Nur vier Jahre danach war er mit dem Chicago Symphony Orchestra in einem Klavierkonzert von Mozart auf der Bühne. Als Pianist des Trompeters Donald Byrd zu Besuch bei Miles Davis, spielte er ihm eine Ballade vor, worauf als Reaktion (wie später übrigens auch von Stockhausen) der Satz kam, er habe einen schönen Anschlag. Ein Jahr verging, ohne dass Miles Davis Kontakt mit ihm aufnahm, dann gab's mal eine Jam-Session mit Ron Carter (Bass) und Tony Williams (Drums).

Als Saxophonist Wayne Shorter zu ihnen stieß, war das sensationelle zweite Quintett komplett, und alle mussten zum Maßschneider, um sich einen Tuxedo zu kaufen. Wayne Shorter und er schrieben, erstmal nur für die Studioalben, ein radikal neues Bandbook. "Es war unmöglich, Miles zu bluffen, zu mogeln. Wenn du vor lauter Angst roboterhaft spieltest, sagte er nichts, aber ein Blick aus den harten schwarzen Augen reichte, um sich in der Haut der Verräters wiederzufinden." In fünf Jahren hagelte es Meisterwerke, "ESP", "Miles smiles", "The Sorcerer" und "Nefertiti". "Ein Sturm brach los", schreibt der Kritiker Gary Giddins. Auf acht CDs liegen die kompletten Sets aus dem Plugged Nickel in Chicago vor: traumhafte Exkurse über "My Funny Valentine", "Autumn Leaves", "Yesterdays" und "Stella By Starlight".

"Ich ruf' Wayne an."

Das Klavier ist dabei zwar "undermiked", aber Herbie, ein Meister des Spannung, verblüfft den Zuhörer mit der gemeinsamen Suche nach der zündenden Idee, und dann kracht's. "Zuerst fand ich, Wayne spiele komische Sachen und rede so krauses Zeug. Dann kaufte ich nach einem Gig eine Flasche Cognac und ging damit rauf in sein Hotelzimmer. Er sprach eine ganze Nacht über Gott und die Welt, seitdem weiß ich, der Typ ist ein Genie." Fortan hieß es vor fast jedem Hancock-Album: "Ich ruf' Wayne an." Und Miles Davis fand: "Herbie kann einfach alles". Er kaufte ihm für die Session zu "Miles in the Sky" ein Fender Rhodes, und die Jazzrock-Ära brach an.

Zurück aus den Flitterwochen in Südamerika, erblickt Hancock Chick Corea, später kam auch noch Keith Jarrett ("elektrische Musik ist schlecht für dich und den Zuhörer") an seinen Platz. Miles Davis versucht sie noch alle unter einen Hut zu bringen: "Wenn Keith wieder diese katholische Schulscheiße spielt, setzt aus, nicht begleiten!" Aus Aufnahmen mit den drei Pianisten schnitt Produzent Teo Marceo das revolutionäre Doppelalbum "Bitches Brew", das den Jazz endgültig von den letzten Genrefesseln befreite. Dann wurden die "Kinder von Miles" flügge.

1969 legte Herbie Hancock sich den Swahili-Namen Mwandishi (Komponist) zu und formierte ein Sextett: musikalisch war es eines seiner größten Abenteuer, finanziell ein Desaster. Vier Jahre finanzierte er die Band mit Tantiemen aus Europa an "Watermelon Man". Drei großartige Alben - "Mwandishi", "Crossings" und "Sextant" - sowie Bennie Maupins "The Jewel in the Lotus" waren der Lohn. 1978 gab er einige Duo-Konzerte mit Chick Corea, bei denen seine wunderschöne "Maiden Voyage" im Tastengewitter unterging.

Der Autor Stanley Crouch wünschte damals sein Sextett zurück: "Auch Hancock unterwarf sich dem Ruf des wilden Registrierkassen-Geklingels, kam an den Scheideweg und begann abzusacken. Jazz war im Begriff, sich als eine bloße Form instrumentaler Popmusik neu zu definieren. Obwohl die Mixtur aus Jazz und Rock etwas Neues schuf, führte sie auch Instrumente und Beats ein, die nichts mit Swing, der vorantreibenden Essenz der Jazzphrasierung, zu tun hatten." Für Crouch zielten frühe Alben wie "Maiden Voyage" oder "Empyrean Isles" des 24-Jährigen auf die Emotionen von Erwachsenen ab, Rock wende sich dagegen an ein junges Publikum mit anderen Bedürfnissen.

Hancocks Gespür fürs Populäre

Hancocks Gespür fürs Populäre hatte sich schon früh gezeigt und bewährt. Mit "Watermelon Man" hatte Hancock 1962 die Soul-Jazz-Hymne der Sixties kreiert, 1966 beschallte er Antonionis Kultfilm "Blow Up" und bescherte der Epoche den wie von Afronauten aus dem Cockpit eines Raumschiffes zur Erde gefunkten Megaseller "Head Hunters" (1973), das bis heute meistverkaufte Jazzalbum. Später jagte er dem Poptrend-Zeitgeist immer eifriger nach, konzentrierte sich auf Singles statt auf Alben, sang leider viel und präsentierte mit "Feets Don't Fail Me Now" (1979) eine Promoscheibe für den Sennheiser Vocoder.

Bei aller Betriebsamkeit gelangen ihm aber auch schöne Alben, wie etwa "Mr. Hands" (1982) mit Jaco Pastorius am E-Bass, das ein Musterbeispiel dafür ist, dass der Jazzrock nicht nur eine Fussnote der Popgeschichte war. Dagegen waren "Future Shock", "Sound-System" oder "Perfect Machine" aus des Meisters ständig wachsendem Maschinenpark eher Dutzendware mit Dauergeklatsche aus den Drum-Machines: Aerobic-Jazz für Fitness-Zentren.

Ausgeflippt und konventionell

Als die Jazzwelt rätselte, ob Miles Davis nach langer Krankheit je wieder spielen würde, ließ Hancock ab 1976 mit Freddie Hubbard statt Miles das V.S.O.P.-Quintett (= "very special one-time performance" sowie Anspielung auf sein Lieblingsgetränk) auferstehen. Den Puristen war die Gladiatoren-Truppe zu ausgeflippt und den Freaks zu konventionell; die nach "echtem Jazz" hungernden Japaner aber wurden bei "Live Under The Sky" fast hysterisch. Ein entnervter Hubbard kickte Tony Williams' komplettes Drumset von der Bühne, als die Schießbude wieder explodiert war, worauf die Band mit Wynton Marsalis zum Quartett schrumpfte. Im Duo mit Wayne Shorter erschien das Album "1+1", jede Phrase andächtig zelebrierend, als habe sie der Guru persönlich abgesegnet.

Mit Popsongs von Kurt Cobain, Joni Mitchell und Peter Gabriel wollte Herbie Hancock auf "The New Standard" (1996) dem Jazz einen neuen Mainstream zuführen. Eine Hommage an George Gershwin setzte mit Ravel und Operngesang sowie Stevie Wonders Harmonika-Gebläse noch eins drauf. Die Plattenfirma legte sich unlängst mächtig ins Zeug für die CD "The Joni Letters", aber Leonard Cohen alias Captain Mandrax als Anästhesist? Keine gute Idee. Ein paar Asse wird der große Tastenmann garantiert noch furchtlos aus dem Ärmel schütteln. An diesem Montag feiert Herbie Hancock seinen siebzigsten Geburtstag.