"Her" im Kino Stimme aus Utopia

Joaquin Phoenix als einsamer Großstädter in einem Los Angeles der nahen Zukunft.

(Foto: epd)

Ein Mann verliebt sich in ein Betriebssystem. Und ganz schnell vergisst auch der Zuschauer, dass es keine Frau aus Fleisch und Blut ist, mit der er da kommuniziert. Spike Jonze zeichnet in "Her" eine Welt, die revolutionär ist - und zugleich erstaunlich vertraut.

Von Tobias Kniebe

Die Grundidee hat sich inzwischen rumgesprochen, spätestens bei den Oscars konnte man ihr kaum noch entkommen: Ein Mann verliebt sich in die virtuelle Persönlichkeit seines Betriebssystems, dem Scarlett Johansson ihre unverkennbar abgedunkelte Schlafzimmer-Stimme leiht - und es wird eine richtige Beziehungsgeschichte daraus.

So weit, so klar. Auch wenn die Hauptdarstellerin nie zu sehen ist, hat man doch genügend Bilder von ihr im Kopf, um sich eine solche Affäre vorzustellen. Bevor man den Film "Her" aber sieht, denkt man allenfalls an Apples begriffsstutziges Spracherkennungssystem "Siri", das Ganze wirkt irgendwie dümmlich. Menschen haben ja die erstaunliche Fähigkeit, sich in alles mögliche zu verlieben - Autos, Haustiere, sogar aufblasbare Gummipuppen. Möchte man das so genau wissen?

In diesem Fall schon. Weil der Film einerseits sehr viel mit moderner Technik zu tun hat, andererseits praktisch nichts. Weil der Regisseur Spike Jonze, seit "Being John Malkovich" in Hollywood für die Bebilderung der wildesten Träumereien zuständig, hier eine beinah alltägliche Zukunftswelt entwirft, zugleich aber einen der größten Fortschrittssprünge einbaut, den die Science-Fiction bisher überhaupt imaginiert hat. So kommt einem alles vertraut und doch revolutionär vor - ein spannender Widerspruch.

Um die große Utopie vorzubereiten, beschäftigt sich Jonze zunächst mit den echten Menschen. Die sind, man kann es nicht anders sagen, zwar fühlende und intelligente Wesen, aber emotional auch defekt. Ihre Software läuft ab einem gewissen Alter einfach nicht mehr rund, zu viele Fehler, Narben, Verletzungen haben sich angesammelt. Die Beziehungsprogramme hängen sich immer wieder auf, jeder Neustart wird schmerzhafter und frustrierender.

Zum Beispiel Theodore (Joaquin Phoenix): Ein irritierend schnauzbärtiger Everyman, der einem dann aber schnell ans Herz wächst. Weil er Romantiker ist. Obwohl längst getrennt, träumt er immer noch von den Morgensonne-im-Bett-Momenten mit seiner Frau. In seinem Job formuliert er herzergreifende Briefe für Menschen, die das selbst nicht mehr können oder wollen. Wenn sie fertig aus dem Drucker kommen, sehen sie aus wie mit der Hand geschrieben, und zwar liebevoll.

Kommunikation als reine Simulation

Seinen Tiefpunkt erlebt Theodore, als er nachts nicht schlafen kann und Telefonsex haben will. Ein sehr effizientes Voicechat-System verbindet ihn mit einer ebenfalls schlaflosen Frau, die unter dem Namen SexyKitten Kontakt sucht. Sie klingt verführerisch, die spontane Erregung ist groß - bis sie stöhnend von ihm verlangt, sofort mit einer toten Katze stranguliert zu werden. Wie bitte? Kläglich versucht er noch, auf diese Phantasie einzugehen, da ist sie auch schon gewaltig gekommen - und klick, ist die Leitung tot. Er bleibt zurück - benutzt, angeekelt, abgetörnt.

Wir Menschen, heißt das im Klartext, sind untereinander nicht mehr recht kompatibel. Jeder läuft nur noch auf seinem eigenen Phantasieprogramm. Die Schnittstellen versagen immer mehr, unsere Kommunikation ist reine Simulation, so irreal wie handgeschriebene Liebesbriefe aus dem Drucker. Und die Kraft, die Illusion zu wahren, reicht allenfalls bis zum nächsten Orgasmus. Dazu passt auch die nette Nachbarin (Amy Adams), die mit Theodore fühlt und seine Witze versteht, nur bringt keiner der beiden noch die Energie auf für einen Funken des Begehrens.

In dieses milde futuristische Jammertal - Los Angeles besteht fast nur noch aus Hochhäusern, hat aber, kaum zu glauben, ein funktionierendes U-Bahnsystem - platzt dann plötzlich Samantha. Theodore hat sich OS1 gekauft, die erste intuitive Sprachsteuerungs-Software, die auf künstlicher Intelligenz basiert: "It's not just an operating system, it's a consciousness", lautet die Werbung. Bei der Installation wünscht er sich eine weibliche Stimme, und die meldet sich dann auch bald mit einem schlichten "Hallo, ich bin da."