Von Ralf Wiegand

Kampf um den Geburtstagskuchen: Altkanzler Helmut Schmidt wird 90 und Zeit und Spiegel wetteifern, wer als Erster seine lukrativen Glückwünsche überbringen kann.

Zum Glück hat Die Zeit diese Hefte gemacht. Sonst hätten all die Vorständler von Energiekonzernen und Banken, von Sportwagenherstellern, Buchhandelsketten und Verlagen womöglich am übernächsten Dienstag die kleine Feier im Hamburger Reihenhaus von Helmut Schmidt stören müssen, um ihre Glückwünsche zu dessen 90. Wiegenfeste persönlich zu überbringen.

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Geburtstag hat Altkanzler Helmut Schmidt zwar erst am 23. Dezember - doch die redaktionellen Festspiele zu seinen Ehren haben bereits begonnen. (© Foto: dpa)

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Praktischerweise durften sie stattdessen in gleich zwei Sonderpublikationen der Wochenzeitung Die Zeit (Herausgeber: Schmidt) Anzeigen platzieren. Zu dieser Idee darf man der Zeit gratulieren: Zum einen mag Schmidt zu seinem Geburtstag keinen Besuch, er feiert in engstem Kreise. Zum anderen helfen die Schmidt-Festspiele dem Blatt schwungvoll durch die Zeitungskrise. 2008 wird dem Vernehmen nach ein sehr gutes Jahr.

Schon deswegen sind selbstverständlich alle "Würdigungen, Essays und Glückwünsche zum 90. Geburtstag", welche für den ersten Teil der hausgemachten Hommage ("Helmut Schmidt: Der Staatsmann"; nächste Woche: "Der Publizist und Privatmann") versprochen sind, berechtigt und können gar nicht zu viel sein.

Kein Wort des Ex-Kanzlers darf ja seit Jahren ungehört verhallen. Wenn es nicht Beckmann oder Maischberger aufzeichnen, wird es von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo veredelt zum Gespräch "Auf eine Zigarette . . .". Dafür, dass Schmidt als medienscheu gilt, ist er ganz schön präsent.

Geburtstagstorte vorab

Das Interesse an allem von und über Schmidt hat einen Grund. Der Ganz-Alt-Kanzler genießt längst den Status eines Orakels. Ihm, dem Zeitzeugen des vergangenen und Kritiker des laufenden Jahrhunderts, vertrauten die Menschen in den größten Krisen, ob von der Natur geschickt (Flut!) oder von Menschen gemacht (RAF!). Nun trauen sie ihm auch zu, die Zukunft deuten zu können. Im Zeit-Sonderheft dürfen Abiturienten ihn fragen: "Welches sind die Berufe, die Zukunft haben?" Das Orakel antwortet verschlüsselt: Das wisse er nicht, empfehle aber, nicht "endlos herumzustudieren".

Das große Schmidteinander wird wohl noch weit über den Ehrentag hinaus anhalten, so wie es lange vorher begonnen hat - spätestens mit Erscheinen des jüngsten Spiegel-Titels ("Über Schmidt"). Schmidt hatte lange mit den Spiegel-Reportern gesprochen - doch die Autorisierung der Zitate verweigerte das Büro des weisen Mannes plötzlich mit dem Hinweis, rechtzeitig sei das eh nicht zu schaffen. Angeblich hatte die Zeit-Chefredaktion beklagt, dass der Spiegel damit vor der eigenen Sonderveröffentlichung erscheinen würde - die Zeit hätte die Geburtstagstorte wohl schon gern selbst angeschnitten. Der Spiegel druckte die Story dennoch auf elf Seiten - ohne aktuelles Zitat von Helmut Schmidt.

Wie sagt Giovanni di Lorenzo noch gleich in jenem TV-Spot mit Schmidt: "Nachrichten allein bedeuten gar nichts. Man braucht Autoren, die sie deuten können."

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(SZ vom 11.12.2008/jb)