Helene Hegemann hingegen plagiiert - und vergisst (zumindest angeblich), wo sie plagiiert hat. Womit sie, neben allem anderen, dem Plagiat auch noch die Möglichkeit nimmt, literarisch fruchtbar zu werden. Und noch einmal: Helene Hegemann ist erst siebzehn Jahr alt, fast ein Kind noch. Aber warum half ihr keiner?
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Das Obszöne, lehrte der französische Philosoph Georges Bataille, sei die Enteignung der Individualität im "Spiel der Organe". Obszönität aber ist ein Verhältnisausdruck, hinter sich jetzt schon seit Jahrzehnten eine antiphilosophische Mystik herumtreibt: der Glaube an "das Leben".
Dieser Glaube ist es, der die Forschungsreisenden des Obszönen in immer tiefere Regionen des Körpers vorantreibt. Immer muss ausgesprochen werden, was noch nie gesagt wurde, getan, was noch nie einer ausprobierte, geschehen, was kein Beispiel hat, am liebsten mit Minderjährigen.
Der Größe nach aufgereiht
So entstehen Szenen wie diese: "Ich stehe in einer aus einem englischen Kino-Highlight entrissenen Maisonette-Wohnung und fasse einem glatzköpfigen Mann in den Schritt. Indem er mit dem Lippenstift ,Spermafotze' an die Wand schreibt, stellt er unter Beweis, dass er ein hirnorganisches Syndrom hat. Alle Paar Schuhe, die ich jemals besessen habe, stehen der Größe nach aufgereiht in der Mitte des Zimmers."
Das ist erotischer Schwulst, und er gehorcht dem Gesetz des schärferen Reizes - dem ebenso verklemmten wie angeberhaften Vitalismus eines Publikums (und einer Kritik), das stellvertretend angebliche Tabus brechen lässt. Doch, genau, solche Dinge möchte man sich von einer sich womöglich selbst verbrennenden jungen Fackel erzählen lassen. Das muss das wahre Leben sein. Wie spießig das aber ist, und wie feige.
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(SZ vom 11.02.2010/mikö)
Partyzone Flußufer
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/498287
Der Fall Hegemann entspricht dem der neuen Horde jugendlicher Weltumsegler. Sie beweisen gar nichts, sondern bedienen nur die Gier der Medien nach dem nächsten Kick. Alles wurde schon gesagt oder gemacht, nur eben noch nicht von Kindern. Am grössten ist der Kitzel, wenn das junge Leben auch noch in echter Gefahr ist.
Die Schuld würde ich aber nicht bei der naseweisen Göre suchen, sondern bei den Verlags- und Feuilleton-Zuhältern.
Setsam, wie der peinliche Artikel plötzlich - von der Hauptseite weg - versteckt wird, alles an einem Tag.
Die Kritiker haben sich von einer radikal-nihilistischen Variante von Jugendwahn anstecken lassen. Im diesem radikalen Jugendwahn liegt eine nihilistisch-grandiose Lebenssteigerung, die Schuld- und Schamgefühle als dominante Instanzen gegen das Subjektive vollständig entkräftet, also den Vorwurf an sich abschafft und etwas Absolutes, eine Überlegenheit dagegensetzt. Man hat jetzt mit dem, was man früher bekämpft hat, Mitleid. Das ist Jugendwahn, das nicht-Jugendliche ist unverständlich und fremd, die Befreiung des Körpers verlagert sich vom Aktionismus ins Statische, also ins So-Sein, ins Nicht-Ideale und damit Individuelle. Es geht also wirklich um Wahn, um eine Ideologie des Subjektiven, die alles ausfüllt und die Aufmerksamkeit für objektive Wertsysteme wissentlich zerstört.
Mit der Relativierung des Objektiven verschwinden soziale Werte. Während man noch glaubt, man habe einen unsozialen Wert Obrigkeitshörigkeit und Unterdrückung des Ich überwunden, hat man schon einen neuen unsozialen Wert geschaffen. Allerdings ist diese Konsequenz nur schwer fassbar, weil das Neue, das Nihilistisch-Grandiose, eine absolute Qualität hat.
"... mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf einem Parkplatz"(Zitatende)
Ist das jetzt Intertextualität inter Ellis et Hegemann, eher ein erneuter Fall für die Bundesprüfstelle oder ein Hilferuf einer gequälten Seele und einer potentiell "selbst verbrennende Fackel" (Th. Steinfeld)?
Deftige Bewertung dazu findet sich im blog feynsinn.
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