Helene Hegemann Ich bin in Berlin. Es geht um meinen Wahn.

Die Autorin von Axolotl Roadkill war gezwungen, abzuschreiben: Nur so konnte sie verbergen, was ihr fehlt. Dieses Buch ist Pornographie, keine Literatur.

Von Thomas Steinfeld

Man kann nicht mehr über Helene Hegemann nachdenken, ohne dass einem diese junge Frau leid tut. Von Reporter zu Reporter wird sie gereicht, von Fernsehauftritt zu Fernsehauftritt, und jetzt wurde Axolotl Roadkill, das kleine Buch, um das sich die ganze Aufregung dreht, sogar in die Shortlist zum Leipziger Buchpreis aufgenommen.

Der Umstand, dass Teile dieses Werkes aus vielen ungenannten Quellen kompiliert wurden, ist dabei das kleinere Problem. Das größere ist, dass es so offensichtlich ist, dass die Autorin weder über die Erfahrung noch über die Sprache verfügt, um überhaupt einen Roman schreiben zu können. Denn das kann man lesen, in jedem Satz: "Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt."

Der Fluch ist echt

Von "entlarven" kann hier zwar keine Rede sein, um so mehr aber ist von einem monströsen Autoren-Ich zu sprechen, von einer ebenso scheußlichen wie hohlen Larve, hinter der, literarisch und psychologisch, ein Einzelwesen nicht zu erkennen ist. Aus Gründen, von denen noch zu handeln ist, fällt der literarische Halloween in diesem Jahr auf den Februar. Aber der Fluch ist echt: Da sitzt das Kind in den Talkshows, und es bekommt seine hässliche Larve nicht mehr herunter.

Ein Satz, willkürlich aus der Mitte des Buches gegriffen: "Ich kann das nicht ausdrücken, denn ich habe keine Ausdruckswaffen mehr, sondern nur eine dunkel über meiner Existenz thronende Aufnahmefähigkeit, die nicht ausgeschaltet werden kann und mein komplettes Innenleben in verknotete Wurstbindfäden verwandelt hat."

Wie? Da "thront" ein Apparat, den man mit keiner Anschauung verbinden kann, über einer "Existenz" und verwandelt ein "Innenleben" in "Wurstbindfäden"?

In die nächste Metapher kippen

Entspräche diesem Satzungetüm eine literarische Technik, müsste man sie so beschreiben: Man suche sich mindestens eine Metapher von der möglichst schrillen, affektgeladenen Sorte, packe sie in einen Satz, der, ohne dass es dafür eine inhaltliche Notwendigkeit gäbe, von hoher syntaktischer Schwierigkeit ist, und lasse sie, in dem Augenblick, in dem der Leser erkennen will, was es mit dem Vergleich auf sich hat, in die nächste, ebenso unpassende Metapher kippen.

Die wüsten Sprachbilder bedrängen sich so gegenseitig, stehen einander auf den Füßen herum, rutschen zur Seite und stiften jede Menge Verwirrung.

Das Durcheinander ist Absicht, denn es gibt etwas zu verbergen: einen substantiellen Mangel an Erfahrung. Helene Hegemann mag die Geschichte ihres jungen Lebens für sich behalten, und auch wenn die Öffentlichkeit noch so sehr darauf drängt zu erfahren, was es mit den Körperöffnungen der jungen Frau tatsächlich auf sich hat, was hineingestopft und was aus ihnen entleert wird, so ginge es das Publikum doch eigentlich nichts an, wenn die Beschreibung des körperliches Exzesses hier nicht das bevorzugte Mittel wäre, eine Erfahrung zu suggerieren.

Weil da gar kein Leben ist

"Ich bin in Berlin. Es geht um meine Wahnvorstellungen" - und wenn dann hauptsächlich vom Ficken und vom Kotzen, vom Scheißen, vom Saufen und vom Kiffen die Rede ist, dann nicht, weil das Leben "in Berlin" so ist, sondern weil da gar kein Leben ist.

"Mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf einem Parkplatz" - solche Sätze stehen in diesem Buch, ohne Verbindung zu dem, was vor ihnen, und dem, was nach ihnen steht, und trotzdem sind diese Sätze notwendig, damit dieses Buch überhaupt eines wird.

Seins oder nicht seins?

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