Heinrich Heine (XLIV) Reporter der Freiheit

SZ-Serie "Aufmacher" (XLIV): Heinrich Heine, blitzschneller Erfinder aller journalistischen Genres

Von EVELYN ROLL

Eigentlich hieß er ja Harry. Harry Heine. Ein schöner Name wäre das gewesen für einen Reporter der Freiheit. Und eigentlich war ja auch nicht wirklich Egon Erwin Kisch der Erfinder der Reportage, sondern schon hundert Jahre früher in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts dieser Harry Heine aus Düsseldorf. "Der bedeutendste Journalist unter den deutschen Dichtern und der berühmteste Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt", wie Marcel Reich-Ranicki meint.

Es gehört zu den Seltsamkeiten der verkorksten, zwischen Antisemitismus und Philosemitismus torkelnden Heine-Rezeption in diesem Land, dass der Journalist Heine jetzt langsam erst entdeckt wird. Erst war dieser andere Heine von der Polemik des Karl Krauss und dann von der Journalismusphobie der deutschen Germanisten verstellt. Die französische Heine-Forschung hat immer schon ganz selbstverständlich vor allem den Journalisten Heine fokussiert. Jetzt langsam erst wird auch in deutschen Schulbüchern das auf den Lyriker und "Künstler" verengte, romantisch verklärte Heine-Bild aufgezogen, scharf gestellt und um den Journalisten und politischen Schriftsteller Heine erweitert.

Harry Heine aus Düsseldorf, der unter dem Druck der Restauration und des neuen, biedermeierverkleisterten Antisemitismus zum Protestantismus übertrat und sich dazu den Namen Heinrich Johannes Christian schuf, war einer der ersten Deutschen, der die neuen Möglichkeiten der Presse nicht nur blitzschnell erkannt und durchdacht hatte, sondern gleich auch nutzte und ausschöpfte. Eben noch hatte es gar keinen Journalismus in Deutschland gegeben. Und dann entwarf und prägte Heine mit leichter Hand schon alle journalistischen Genres, mit denen wir es bis heute zu tun haben. Er spürte und formulierte überraschend modern und luzide auch die ethischen Anforderungen an diese neue vierte Gewalt, Anforderungen, die bis heute ihre Gültigkeit haben. Oberste journalistische Pflicht war für Heine das Herstellen von Öffentlichkeit, die Emanzipation des Menschen durch Öffentlichkeit.

Schon in seinen Briefen aus Berlin, den Korrespondenzen Über Polen und den Londoner Artikeln, die man heute in der Sammlung Englische Fragmente nachlesen kann und die allesamt zuerst in den verschiedenen Blättern des Baron Cotta erschienen sind, findet und erfindet Heine die meisten der journalistischen Grundformen, die wir bis heute kennen: Kommentare und Kritiken, die bei Heine oft hinreißende Liebeserklärungen sind. Dazu unerreichbar herrlich geschriebene politische Porträts der englischen Staatsmänner. Analysen und Glossen. Und vor allem diese geistreichen, im Alltagston geschriebenen Essays und Plaudereien. Und schon war es geboren: Das geliebte, verhasste Feuilleton, das laut Karl Krauss ohne Heine gar nicht in die Welt gekommen wäre.

Seit 1830 sind Heines Berichte aus Paris für die Augsburger Allgemeine Zeitung unter dem Eindruck der politischen Ereignisse und der neuen Freiheitsideen immer aktueller, immer politischer, immer journalistischer geworden. Heine schreibt diesen neuen Anspruch auch hin. "Journalist" will er sein. Aufklären durch Erklären will er. Die Mächtigen kontrollieren, in dem er sie beschreibt. Nicht einfach ein Reiseschriftsteller sein oder Augenzeuge in der Tradition von Herodot und Plinius dem Jüngeren oder Daniel Defoe. Nein, etwas ganz neues, avantgardistisches soll es sein: Journalist, freier Korrespondent in Paris, der seine Texte in zwei Sprachen und auf zwei nationalen Lesemärkten anbietet und verkauft.

Jede heutige Zeitung hätte großes Glück, wenn ihre Korrespondenten die Grundprinzipien des aktuellen und authentischen Vermittelns so schlafwandlerisch souverän und virtuos, gescheit, kenntnisreich und witzig beherrschten wie Heine in Paris. Heines Serie von Reportagen über die Französischen Zustände, die vor, während und nach dem Pariser Juni-Aufstand von 1832 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschienen, lesen sich nach all den Jahrzehnten so aufregend, anregend, aktuell und authentisch, als hätte die Süddeutsche Zeitung ihren Herbert Riehl-Heyse im Jahr 2002 nicht an den Tod verloren, sondern nur 170 Jahre rückwärts nach Paris entsandt. Und als hätte der dort eine besonders brillante Schreib-Phase entwickelt: Der König ritt nicht in der Mitte, sondern an der rechten Seite, wo Nationalgarden standen, und den ganzen Weg entlang lag er seitwärts vom Pferde herabgebeugt, um überall den Nationalgarden die Hand zu drücken; als er zwei Stunden später desselben Wegs zurückkehrte, ritt er an der linken Seite, wo er dasselbe Manöver fortsetzte, so daß ich mich nicht wundern würde, wenn er, in Folge dieser schiefen Haltung, heute die größten Brustschmerzen empfindet oder sich gar eine Rippe verrenkt hat. (...) Nachdem Ludwig die Heerschau gehalten, oder vielmehr das Heer betastet hatte, dauerte der militärische Lärm noch mehrere Stunden.

Heines journalistische Texte glühen nur so von seinem heißen Anspruch auf professionelle Authentizität und Aktualität. Wie jeder wirklich gute Reporter legt er in den Texten seine Subjektivität bloß und reflektiert die Bedingungen und Grenzen seiner Recherche: An beiden Enden der Straße hörte ich die Anzahl der "Patrioten", oder wie sie heute heißen, der "Rebellen", die sich dort geschlagen, auf fünfhundert bis tausend angegeben; jedoch, gegen Mitte der Straße ward diese Angabe immer kleiner, und schmolz endlich bis auf fünfzig. Was ist die Wahrheit! sagt Pontius Pilatus.

Und dann die Sprache! Karl Krauss hat Recht: Heine hat der deutschen Sprache das Mieder gelockert. Und wie! Man muss nur noch einmal die betulichen, schrecklichen Schachtelsätze der Zeitgenossen lesen, um ermessen zu können, wie wunderbar Heine das damalige Deutsch entrümpelt hat. Heine schreibt ein leuchtendes, schnelles Deutsch, wohllautend, scharfsinnig, witzig, weise, frivol, sprühend vor originellem Charme und mit dem Subtext zwischen den Zeilen, den nur ein gebildeter Autor evozieren kann: . . . stand das ganze Spekulantenvolk vor der breiten Börsentreppe. Da eben die Nachricht anlangte, daß die Niederlage der Patrioten gewiß sei, zog sich die süßeste Zufriedenheit über sämtliche Gesichter; man konnte sagen, die ganze Börse lächelte. Unter Kanonendonner gingen die Fonds um zehn Sous in die Höhe"

So könnte man auch heute wieder berichten, aus Kabul oder Bagdad.

Die Zeitgenossen hatten ihren Heine noch nicht aufgespalten in den sehnsuchtsvollen, patriotischen und immer verliebten Lieder-Dicher und den politischen Journalisten. Heine war ja schon ein Jahrzehnt berühmt als Verfasser der Reisebilder, ehe der Siegeszug und die tausendfache Vertonung des - gleichzeitig erschienenen - Buchs der Lieder überhaupt begann. Was seine Zeitgenossen - allen voran Ludwig Börne - nicht verstanden, war, warum Heine unbedingt Journalist sein wollte, warum ihm die Durchdringung und Schilderung von Ereignissen wichtiger sein konnte als die Beeinflussung des politischen Meinungsklimas; warum er die Unabhängigkeit des Reporters sehr viel höher schätzte als die Parteinahme zum Beispiel für die Republikaner in Paris, ob sie nun Patrioten oder Rebellen genannt wurden.

Er hat sich als schreibenden Kämpfer für die Freiheit und die Emanzipation des Menschen verstanden. Und gerade deswegen wollte und konnte er nicht Parteigänger der neuen Bewegung werden wie Börne: Wer nicht so weit geht, als sein Herz ihn drängt und die Vernunft ihm erlaubt, ist eine Memme; wer weiter geht, als er gehen wollte, ist ein Sklave.

Der Kampf zwischen Börne und Heine über die Frage der Parteinahme hat für alle Zeiten den Konflikt zwischen unabhängigen Reportern und Gesinnungsjournalisten vorweggenommen, wenn auch dieser Konflikt nie wieder so boshaft, narzisstisch und elegant ausgetragen wurde.

Und noch etwas könnten die noch nicht er- oder gar verkannten Dichter unter den heutigen Reportern von Heine lernen: Dass Dichten und Journalismus zwei Seiten eines Talents sind und bleiben müssen. Heinrich Heine hat der deutschen Sprache das Mieder eben nicht gelockert, damit, wie Karl Krauss befürchtete "heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können". Man kann also ein Dichter sein und zugleich ein professioneller und hoch politischer Zeitungsschreiber bleiben. Nur darf man die beiden Genres nicht miteinander vermantschen. Also: Heine lesen!

Auf seinem Grab im kleinen Friedhof von Montmartre zu Paris liegen in jeder Jahreszeit frische Blumen und - nach alter jüdischer Sitte - kleine Steine. Wer den ganzen Heine meint und liebt, den Dichter und den Journalisten, bringt beides: Die rote Rose für Heinrich Heine, den deutschen Dichter der Liebe und der Lieder. Und einen kleinen ewigen Stein für Harry, den Reporter der Freiheit.