Heiner Geißler im Interview Die zwei Leben des Heiner Geißler

Scharfmacher und Schlichter, Provokateur und Mediator. Unsere Autoren erinnern sich an die letzte Begegnung mit einem Ausnahmepolitiker - im Spätsommer dieses Jahres.

Von Thomas Bärnthaler und Alex Rühle

Es sollte ein Interview werden übers Streiten und Schlichten. Nun wurde es sein letztes Gespräch mit der SZ. Heiner Geißler hatte, das sagte sein ältester Sohn Dominik bei der Begrüßung, einen kleinen Unfall gehabt. Die rechte Hälfte seines Gesichts war noch grün und blau. "Bergsteiger", sagt Heiner Geißler mit schiefem Lächeln, als wir ihn fragen, warum er nicht abgesagt, ja den Unfall nicht mal im Vorfeld erwähnt hatte. "Wegen bisschen Farbe sagt man doch nicht ab. Komm'se rein."

Dass er schon lange krank war, wussten nur enge Vertraute. Zwei Stunden saßen wir im spätsommerlichen Licht auf der Terrasse seines alten Hauses in der Südpfalz. Beste Weinlage. Neben dem Haus hat er selbst Rebzeilen angepflanzt: Gleisweiler Hölle. Wespen summten in den reifen, süßen Trauben, die in einer Schüssel auf dem Tisch standen. "Müssen Sie probieren! Aber worum gehts hier eigentlich?" Und dann sprachen wir über die zwei Heiner Geißlers: Den großen Provokateur und Scharfmacher, der als Generalsekretär der CDU immer wieder für Empörung sorgte. Und den Schlichter und Mediator der späten Jahre, eine Rolle, in der er zum Meister Yoda der Nation wurde. Er selbst, das war das Interessante, sieht keinerlei Widerspruch zwischen den beiden Lebenskapiteln. Auf die Frage, welchen Tipp er als weiser alter Versöhner dem polemischen Generalsekretär heute geben würde, sagte er nur: "Dass er sich nicht verbiegt und mit sich identisch bleibt. Nur dann ist er glaubhaft."

Geißler war vielleicht etwas langsamer im Reden, leiser, aber was er sagte, war, wie immer, pointiert, witzig, lebensklug: "Herr Geißler, sind Sie ein eher streit- oder harmoniesüchtiger Mensch?"

"Beides. Aber süchtig bin ich sowieso nicht."

Er sprach noch einmal über die großen Schlachten, die Abrüstungsdebatte der achtziger Jahre und Stuttgart 21, die Psychologie des Streitens und Schlichtens, die Trinkfestigkeit in nächtelangen Verhandlungen und die Alterssturheit von Helmut Kohl: "Dass ich für ihn nicht mehr tragbar war, dafür habe ich ein gewisses Verständnis. Aber dass er mit Schäuble eine Todfeindschaft hatte, mit Norbert Blüm, mit Richard von Weizsäcker, mit Klaus Töpfer, ist mir bis heute schleierhaft."

Als wir uns verabschiedeten und er uns noch an seinem großen Schreibtisch die Bücher signierte, zeigte sein Sohn auf einen Hügel hinterm Haus: "An guten Tagen geht er da noch hinauf." Gestern ist der Ausnahmepolitiker und passionierte Bergsteiger Heiner Geißler gestorben.

"Kohl hatte Angst vor mir. Unbegründet"

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