Liegt das Übel zu Hause oder sind die Schulen verrohte Verwahranstalten? Zum ideologischen Streit um die Heimschule.
Geht es um Texte zum Thema Homeschooling, dann weiß man meist nach wenigen Zeilen, zu welchem Urteil der Autor kommen wird: Werden mal wieder die freundlichen Edels aus Lüdenscheid porträtiert, diese weltoffene Akademiker-Familie, die ja sogar Internet hat?
Besser dran zu Hause? Wieviele Kinder schon außerhalb der Schulen unterrichtet werden, ist unklar. (© Foto: ddp)
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Dann wird die Reportage schließen mit dem Fazit, Homeschooling sei eine feine Sache, nur die Medien würden ein Zerrbild liefern, indem sie Homeschooling und Fundamentalismus ineins setzen. Oder wird mal wieder die Geschichte der evangelikalen Sekte der Zwölf Stämme erzählt? Dann wird alles Homeschooling am Ende ein düsteres Verließ sein.
Hierzulande gehört Homeschooling zu den ideologisch heftig aufgeladenen Themen. Wer will, kann das am nachprüfen: Der 15. September ist der "Tag der Bildungsfreiheit", an dem verschiedene europäische Initiativen darauf hinweisen wollen, "wie wichtig die freie Wahl des individuellen Bildungsweges ist." In Schweden, Spanien, England wird es genauso Stände geben wie in den USA, in Paris laden die Befürworter zum Picknick, überall kündigen die Veranstalter gelassen an, sie wollen informieren über alternative Bildungsmöglichkeiten in ihrem Land.
Der deutsche Sonderweg
Hierzulande aber wird wieder ein Thema den Tag bestimmen: Der deutsche Sonderweg. In der Tat ist Deutschland - neben der Slowakei - das einzige europäische Land, in dem Homeschooling verboten ist. Wahrscheinlich wird dann auch wieder Hitler erwähnt, der sei schließlich schuld an dieser Ausnahme. Die Gegner des Homeschoolings aber werden einmal mehr die Parallelgesellschaft am Horizont aufziehen sehen und sagen: Wehret den Anfängen, wer einmal nachgibt, schafft Präzedenzfälle!
Was Hitler angeht: Tatsächlich wurde im Juli 1938 erstmals gesetzlich festgelegt, dass Schüler mit der Polizei in den Unterricht gezwungen werden dürfen und Erziehungsberechtigte mit Geld- und Gefängnisstrafen bestraft werden können, wenn sie die Schulpflicht bei ihren Kindern nicht durchsetzen. Dieses Gesetz galt de facto noch Jahrzehnte nach dem Krieg, erst 1975 wurde die Nichterfüllung der Schulpflicht in fast allen Bundesländern von einer Straftat zurückgestuft zur Ordnungswidrigkeit.
Dennoch kommt es in schöner Regelmäßigkeit zu juristischen Eskalationen zwischen Schulverweigerern und Behörden: Dass die Kinder der Zwölf Stämme 2005 von Polizeibeamten in eine Schule getragen wurden wie Gorlebendemonstranten, müsste dem Schulamt im nachhinein schon aus taktischen Gründen leid tun: Wunderbar ließ sich von den Befürwortern des Homeschoolings wieder die Parallele vom NS-Staat zum "Repressionsapparat der BRD" ziehen. Dass freilich in den meisten Fällen stillschweigend ein für beide Seiten akzeptabler Kompromiss zwischen Behörden und Erziehungsberechtigten gefunden wird, verschweigen die Homeschooler gerne.
500? 800? 3000?
Es ist erstaunlich, wie wenig empirisches Forschungsmaterial zur Verfügung steht: Man weiß nicht einmal, wieviele Heimschüler es in Deutschland gibt. Konservative Schätzungen gehen von 500 Kindern aus, der Focus behauptet, es seien 3000. Der Marburger Soziologe Thomas Spiegler, der im Rahmen seiner Dissertation, der ersten empirischen Erhebung zu dem Thema, rund 100 Homeschooling-Familien aufsuchte, schätzt, dass in Deutschland 800 Kinder zuhause unterrichtet werden.
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Abholzungen im Amazonas-Gebiet
"...demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben".
Das schaut dann von Kindergarten bis Oberstufe so aus: ein oder zwei "Sonderlinge" in der Klasse werden von der Mehrheit gemobbt, bestohlen und geschlagen. In den öffentlichen Nahverkehrssystemen verbringen wir Stunden, wo man dann von sozial Benachteiligten bespuckt und wieder verhauen wird.
Lernen in kleinen Gruppen ist immer besser als in einem multipolaren Großsystem, wo keiner wirklich zuständig ist. In unseren Schulen ist die Leistungserbringung (=Unterricht) mit der Leistungkontrolle (=Prüfung) identisch. Da kann ein Lehrer sich beliebt machen, indem er gute Noten verschenkt. Wer Leistungen fordert, kennt bald den allgemeinen Elternaufstand. Ein Wettbewerb nach unten.
Man sollte externe Kontrollen nicht nur in Familien, sondern auch in öffentlichen Schulen machen. Dann weiß man wenigstens offiziell, wo Probleme sind. (will das wer wissen?)
Kontrolle und Wettbewerb sind echte Leistungsanreize für Einzelpersonen und auch für die gesamte Institution - warum nicht auch in der Schule?