"Heimat"-Trilogie Bocksgesang um die Loreley

Edgar Reitz schließt mit "Heimat 3" seinen großen Zyklus ab - zur deutschen Erstaufführung im Prinzregententheater. Auch diesmal geht es um Verlust der Unschuld, um neue Formen von Egoismus und Egozentrik.

Von Von H.G. Pflaum

Würde ein Lebewesen von einem fernen Planeten uns die Frage stellen, welche Filme man sehen müsste, um Auskunft zu bekommen über Deutschland im 20. Jahrhundert, so würde der Heimat-Zyklus von Edgar Reitz wohl zu den wichtigsten Empfehlungen gehören.

Rund 25 Jahre, ein halbes Arbeitsleben, hat der Autor und Regisseur damit verbracht, eine Familien-Geschichte zu erzählen, die in einem kleinen Hunsrückdorf beginnt und mit ihren Zentrifugalkräften die Figuren weit durch Deutschland und andere Länder treibt und sie doch immer wieder zurückkehren lässt an ihren Ausgangspunkt.

Mit "Heimat 3" hat Reitz seinen Zyklus von Aufbruch und Rückkehr abgeschlossen. Die vermutlich letzten sechs Episoden beginnen mit dem Fall der Mauer und enden mit der Jahrtausendwende. Um die Entstehung dieser 11 Stunden musste der Filmemacher wohl härter kämpfen als um alle vorausgegangenen Arbeiten: Indirekt erzählt das Werk auch davon, wie sich in diesen 25 Jahren unsere Kino- und Medienlandschaft verändert hat, wie sich Bilder und Dramaturgien verändern mussten.

"Heimat 3" ist eine manchmal irritierende Mischung aus Sarkasmus und Melancholie, aus inszenatorischem Loslegen und Innehalten. Manchmal scheint es, als wäre dem Werk nun die Poesie abhanden gekommen, die dem ersten und zweiten Zyklus die entscheidende Kraft gegeben hatte. Doch Reitz macht dies zum Gegenstand seines Erzählens selbst: Der Verlust der Poesie kennzeichnet die Entwicklung seiner Figuren. Das Dorf Schabbach, einst trotz aller Härten ein Idyll und zumindest ein Versprechen von Heimat, wird mitschuldig am Tod mehrerer Menschen.

Die politische Wiedervereinigung läuft parallel mit der privaten: Hermann und Clarissa, die Hauptfiguren der "Zweiten Heimat", treffen sich zufällig in Berlin - genau in dem Moment, in dem die Mauer zu fallen beginnt. "Seit Berlin weiß ich, dass uns alles gelingen wird", schwärmt die Frau, doch die Zeit der Euphorie wird nicht lange dauern; schon nach wenigen Tagen zeigt Clarissa, wie sich von der Vereinigung materiell profitieren lässt. In "Heimat 3" geht es immer wieder auch um den Verlust der Unschuld, um neue Formen von Egoismus und Egozentrik.

Die Nachkommen der Unternehmerfamilie Simon werden sich, nach dem Tod des Patriarchen, um das Erbe bekriegen und in den Ruin treiben. Der Hunsrück sei ein Hundsbuckel, heißt es einmal, der einem anhaftet wie eine Behinderung: Der Mikrokosmos der Familie wird zum Kriegsschauplatz.

Romantische Liebesnest hoch über dem Rhein

Das Künstlerpaar Hermann und Clarissa lässt sich im verfallenen "Günderode-Haus" ein romantisches Liebesnest einrichten, am Rande des Hunsrück, hoch über dem Rhein, an einem Ort, der wie kein anderer mit deutschen Mythen verbunden ist. Zeitweise haben die beiden eine Ziege: der antike Bocksgesang, die Tragödie, liegt nicht weit. Von der hohen Warte aus wirkt der Rhein schmerzhaft eng, der Blick evoziert nie ein Gefühl von Freiheit.

Sogar ein neuer Nibelungenschatz taucht auf, eine vor allem im Osten zusammengeraffte, nun in einem Stollen verborgene Bildersammlung; am Ende wird sie unwiederbringlich untergegangen sein, versunken in deutschem Beton. Einmal fliegt eine riesige Galaxy IV dicht über das Dorf Schabbach, das zu zittern und zu beben beginnt, während sich der Schatten des US-Bombers auf den Ort legt wie einst Mephistos Mantel, der in Murnaus "Faust" den Menschen die Pest brachte.

Ein Lenin auf dem Acker

Verglichen mit den beiden vorausgegangenen Zyklen hatte Reitz diesmal weniger Zeit zum Erzählen - konkret: weniger Sendezeit -, so kommt es, dass die Metaphorik manchmal überdeutlich sein muss. Die längere Kinofassung wird der im Fernsehen gezeigten weit überlegen bleiben; die Aufführung im Münchner Prinzregententheater, komprimiert auf ein Wochenende, erwies sich als sinnvoller als die geplante Zerstückelung in sechs Fernsehfolgen: "Heimat 3" sollte als ein einziges, geschlossenes Werk gesehen werden.

Nur so macht zum Beispiel der erste Teil Sinn: als Exposition, der auch die Last der Vergangenheit und der Vorgeschichten aufgebürdet wird. Der triumphale Erfolg in München und die enthusiastischen Reaktionen der Zuschauer sollten den Kinos Mut machen: die Bereitschaft des Publikums, sich auf ein Werk dieser Größenordnung einzulassen, ist noch nicht ausgestorben.

Manchmal wünscht man sich sogar, Reitz hätte für "Heimat 3" die doppelte Länge zur Verfügung gehabt - das hat auch mit dem Blickwinkel zu tun: Im Blick auf ferne Jahrzehnte ist die Komprimierung der Zeit einfacher und plausibler. Je näher sein Epos an die Gegenwart rückt, desto schwieriger werden die zeitlichen Verkürzungen, und desto mehr muss der Erzähler zu Metaphern und Symbolen verdichten, wie zum Beispiel eine gigantische Leninstatue, die auf einem Acker im Hunsrück landet.

"Heimat 3" endet merkwürdig offen. Nichts ist abgeschlossen, an die Stelle vollendeter Lebensläufe sind neue getreten, und die nächste Generation wird nicht frei sein von den Erfahrungen ihrer Vorfahren. Das letzte Bild, eine Großaufnahme, mit einem halb ängstlich, halb gerührten, in die Zukunft gerichteten Blick wirkt wie eine Aufforderung an die nachkommenden Filmemacher, die Fäden aufzugreifen und fortzuspinnen: eine optimistische Geste.