"Heidi" im Kino Der Berg ruft ins Kino

Peter (Quirin Agrippi) und Heidi (Anuk Steffen) im Alpenidyll.

(Foto: Studiocanal/dpa)

Die Neuverfilmung von "Heidi" überzeugt mit prächtigen Bildern und Bruno Ganz als knorrigem Almöhi.

Filmkritik von Charlotte Theile

Wer eine Geschichte erzählt, die fast jeder kennt, hat einen Vorteil: Die Details müssen nicht mühsam erklärt werden, das Publikum weiß, wie es weitergeht. In der Neuverfilmung von "Heidi" wird deshalb vieles nur angetippt: Heidi wird auf der Alm bei ihrem Großvater abgegeben, kommt nach Frankfurt, darf zurück in die Berge.

Der Schweizer Regisseur Alain Gsponer setzt vor allem auf prächtige Bilder. Die zur Drehzeit neunjährige Schauspielerin Anuk Steffen, ein Mädchen aus dem Bündnerland, steht als Heidi auf der Wiese und schaut einem Raubvogel nach, breitet die Arme aus - so frei möchte sie auch sein. Bei ihrem Großvater, diesem schweigsamen alten Mann, gespielt von Bruno Ganz, ist sie es. Sie schläft im Stroh, trinkt Ziegenmilch, wäscht sich am Brunnen. Schönstes Schweizer Bergidyll.

Bruno Ganz in der Rolle des alten, kautzigen Almöhi

Ihr erstes Treffen ist allerdings nicht besonders idyllisch. Der alte Mann hackt Holz. Ihre Tante Dete hat eine Stelle in Frankfurt gefunden, das Waisenkind Heidi muss weg, auf den Berg. Der Almöhi will sie aber nicht, hackt zornig vor sich hin. Das Kind ist allein bei dem Mann, von dem sie im Dorf sagen, er habe einen umgebracht.

Die erste Nacht schläft sie bei den Ziegen im Stall. Drei Tage später schreinert der Öhi ihr einen Stuhl und sagt, sie dürfe bleiben. Heidi fällt ihm um den Hals, der alte Mann bringt kein Wort mehr heraus. Allein mit Blicken und Gesten zeigt Bruno Ganz, wie das Kind Einsamkeit und Verbitterung des Alten aufweicht.

Kinostart - ´Heidi" HANDOUT - Almöhi (Bruno Ganz) und Heidi (Anuk Steffen) sind in einer Szene aus dem Film ´Heidi" auf dem Weg ins verschneite Dörfli (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 10.12.2015 in die deutschen Kinos. Foto: Studiocanal/dpa (zu dpa-Kinostarts vom 03.12.2015 - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei vollständiger Nennung der Quelle Foto: Studiocanal/dpa bis 10.04.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Heidi geht mit Peter Geißen hüten, isst Raclette und fährt mit dem Großvater Schlitten. "Sie gehört mir" schreit der Almöhi, als ihn die Leute zwingen wollen, das Kind in die Schule zu schicken. Im Winter, wenn die Geißen im Stall sind und Peter in der Schule, ist es auf dem Berg entsetzlich langweilig. Dann kommt Tante Dete wieder, geplagt vom schlechten Gewissen und holt das Kind nach Frankfurt. Klara, ein reiches Mädchen, das im Rollstuhl sitzt, soll Gesellschaft bekommen.

Originalgetreu, aber ohne romantisierenden Heimatkitsch

Das "Heidi"-Original wurde 1881 veröffentlicht, in dieser Zeit lässt es Gsponer auch jetzt wieder spielen. Die Stärke des Films ist, dass er weder romantisiert noch schwarz-weiß malt. Heidis Paradies in den Bergen ist ein enges Tal, in dem die Menschen viel übereinander reden und selten über ihren Tellerrand blicken.

Frankfurt ist die schrecklich vornehme Stadt, in der man Bedienstete nur in der dritten Person anspricht und aus der richtigen Art, den Löffel zu halten, eine Wissenschaft macht.

Andererseits: In Frankfurt lernt Heidi lesen, trifft ihre liebste Freundin Klara und entdeckt, dass das Leben viel mehr zu bieten hat, als sie es im Tal für möglich gehalten hat. "Ich will Geschichten schreiben", sagt Heidi später in der Schweizer Dorfschule, die anderen Kinder lachen sie aus.

Gewaltige Aufnahmen und großartige Schauspieler

Ein bisschen Moderne schleicht sich doch immer wieder in den Film, bei dem auch Jella Haase, bekannt aus "Fack ju Göhte", eine kleine Rolle spielt. Die Geschichte aber ist die Geschichte, die jeder kennt: von Erwachsenen, die zwischen Vernachlässigung und Verboten hin- und herschwanken, und Kindern, die frei sein wollen. In einer der letzten Szenen läuft Klara ihrem Vater mit wackligen Schritten entgegen.

Eine Buchvorlage von 1881, in der die Erwachsenen so oft danebenliegen, ist in diesem Sinn auch eine ungewöhnlich gute Geschichte fürs Heute. Um sie in die Gegenwart zu bringen, muss man sie eigentlich nur nacherzählen. Das gelingt Alain Gsponer, mit gewaltigen Aufnahmen aus den Bündner Bergen, großartigen Schauspielern und einer Moral, die niemals ins Rührselige kippt: Du musst selbst entscheiden, ob du deinen Augen trauen willst.

Heidi, CH/D 2015 - Regie: Alain Gsponer. Buch: Petra Biondina Volpe. Kamera: Matthias Fleischer. Mit: Anuk Steffen, Bruno Ganz, Quirin Agrippi, Jella Haase, Isabelle Ottman, Maxim Mehmet. Studiocanal, 111 Minuten.