Hebriden Motten um Mairead

Früher war alles okay, als die Jungs gemeinsam in der Band spielten. Dann kam der Flugzeugabsturz. Und nun, 17 Jahre später, hebt ein Moorbruch das Wrack wieder an die Oberfläche, im neuen Hebriden-Krimi von Peter May.

Von Benedikt Mahler

Peter May: Moorbruch. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017. 336 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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Hat es im schottischen Hochmoor einmal längere Zeit nicht geregnet, kann es passieren, dass die obersten Torfschichten austrocknen und reißen. Wenn es dann zu starken Regenfällen kommt, läuft das Wasser durch die Risse, spült den Schlamm darunter aus und bringt den Torf zum Rutschen. Ist das Gewicht der Wassermassen zu groß, durchbrechen sie den Grund. Stehende Gewässer wie die schottischen Lochs können dabei vom Erdboden verschluckt werden. Das geologische Ereignis heißt Moorbruch, so wie der letzte Teil von Peter Mays Trilogie um die Hebriden-Insel Lewis.

Der Held Fin Macleod kehrt darin auf seine Heimatinsel zurück, eigentlich um Dinge hinter sich zu lassen: Den Polizeidienst in Edinburgh hat er quittiert, nachdem sein Sohn bei einem Autounfall getötet wurde, seine Ehe zerbrach darüber. Eine viel ältere Vergangenheit holt ihn ein, als der Moorbruch ein Flugzeugwrack freilegt, das mit seinem leblosen Passagier 17 Jahre lang auf dem Grund eines Gewässers geruht hat. Fin erkennt die Maschine sofort wieder: Sie gehörte seinem Jugendfreund Roddy Mackenzie, der damit vor Ewigkeiten spurlos verschwand. Dem Toten im Cockpit haben Zeit, Wasser und Bakterien das Fleisch von den Knochen genagt, eine Schädelfraktur zeugt aber immer noch von einem brutalem Gewaltverbrechen.

Ausgerechnet der massive Whistler spielt die zarte keltische Flöte in der Band

Roddy war Sänger der Folk-Rock-Band Amran, die es zu beachtlichem Ruhm brachte. Die Mitglieder stammen alle aus dem kleinen schottischen Dorf, wo auch Fin aufwuchs, er selbst begleitete die Band jahrelang als Roadie. Seine ausschweifenden Erinnerungen an die wilde Zeit hat Peter May wie einen Coming-of-Age-Roman angelegt, der nicht ohne Sex, Drugs and Rock'n'Roll auskommt und den Krimi nebensächlich werden lässt. Eine wichtige Rolle spielt die berechnende Schönheit Mairead, die einzige Frau bei Amran. Um sie schwirrten alle Jungs wie Motten ums Licht, wer dabei verbrannte, kümmerte sie wenig. Alle liebten Mairead: Roddy, Finn und sein ehemals bester Freund Whistler, den May besonders stark ins Relief setzt: Whistler spielte die keltische Flöte bei Amran. Seine massive Erscheinung widersprach eigentlich der zarten Gestalt des Instrument. Ein Berserker ist Whistler geblieben, eine Naturgewalt mit wettergegerbtem Gesicht, die man nicht in geschlossene Räume sperren sollte. Die Lebensgeschichten von Whistler und Fin sind über Generationen miteinander verwoben, ihre Großväter kannten sich, der eine hat dem anderen einst das Leben gerettet. Whistler fühlt sich deshalb immer noch für Fin verantwortlich.

Einen eigenartigen Fatalismus legt der Autor hier hinein, der viele Facetten vorhersehbar macht. Die Dramaturgie droht dabei gegen Ende verloren zu gehen, weil sich das Zusammenspiel der vielen ausufernden Handlungsstränge als schwierig gestaltet. Der Abschiedsbrief eines Selbstmörders etwa, den May als Prolog voran stellt, bleibt bis zum Schluss ein unverständliches Rätsel. Aber meisterhaft nutzt May die Form des Lokalkrimis, um einen Mikrokosmos zu schaffen, in dem Mensch und Umwelt eigenwilligen Gesetzen gehorchen müssen. Die meist wehrlosen Figuren versuchen, diesen mit allen Mitteln zu trotzen, während sie in der trostlos-düsteren Atmosphäre zu ertrinken drohen.