Hartmann von der Tann Der Brandbrief

Damit wären wir bei der Themenfindung - meiner Ansicht nach eines der beiden zentralen Probleme - die wir zu bewältigen haben. Zu Recht wird immer wieder bemängelt, dass der Sendeplatz am Montag kein richtiges Profil habe, weder inhaltlich noch formal. Diese Beanstandungen wären allerdings deutlich glaubwürdiger, würden deren Urheber sich nicht im gleichen Atemzug jeder thematischen oder formalen Verengung erbittert widersetzen. Wir müssen also das Profil des Sendeplatzes klarer definieren und uns dann eventuell sogar daran halten.

Herrn Zubayr von unserer Medienforschung habe ich gebeten, uns dabei, soweit möglich, wissenschaftliche Hilfestellung zu leisten.

Und damit wären wir beim zweiten Hauptproblem: Die Auswahl der Stücke. Das bisherige Verfahren durch die Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs unter besonderer Berücksichtigung des "aufschiebenden Vetos" des Koordinators hat sich als unbefriedigend erwiesen. Zum Einen kann nur angenommen werden, was angeboten wird. Es sollte aber möglich sein, auch Angebote zu initiieren. Zum Zweiten sind der Konferenz und sogar dem Koordinator gelegentlich fatale und zumindest in der Rückschau vermeidbare Irrtümer unterlaufen.

Und zum Dritten kann es vorkommen, dass in dieser Konferenz - mit dem entsprechenden Druck bzw. mit der entsprechenden Mehrheit - auch Projekte gegen jegliche Vernunft verabschiedet werden. Das hängt damit zusammen, dass sich letztlich keiner für den Platz verantwortlich fühlt und so sieht er dann auch aus.

Schon seit langer Zeit überlege ich, wie man einerseits den föderalen Strukturen der ARD gerecht werden, andererseits diese Situation verändern kann. Zu einem endgültigen Ergebnis bin ich noch nicht gekommen, aber eines scheint mir klar: Es muss so etwas wie eine kleine Redaktionsgruppe geben, die den Sendeplatz verantwortlich bespielt.

Das sollten höchstens drei Personen sein, von denen mindestens zwei aus großen Anstalten kommen müssten (um in der Lage zu sein, Projekte anzuregen). Eine/r sollte aus dem Bereich der Chefredakteure kommen, zwei aus dem der Kulturchefs (weil in deren Bereich mehr Redaktionen und Mittel sind).

Und nun die fast utopische Anforderung: Alle drei sollten sich mehr dem Sendeplatz als den Interessen ihrer Häuser verpflichtet fühlen und - natürlich - Fachleute, dennoch weder Chefredakteure noch Kulturchefs sein. Die Gruppe entscheidet auf der Basis des Sendeprofils - falls einstimmig, dann endgültig - über die Annahme eines Projektes und begründet notfalls diese Ratschlüsse in der Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs. Ist keine Einstimmigkeit zu erzielen, fällt unter Leitung des Koordinators die Entscheidung in der Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs, wobei jede Entscheidung so ausführlich protokolliert wird, dass der oder die Befürworter und ihre Argumente auch im Nachhinein klar sind. Die Platzierung erfolgt durch den Koordinator im Einverständnis mit der kleinen Gruppe. Deren Mitglieder werden von der Konferenz der Chefredakteure und Kulturchefs gewählt.

Natürlich bin ich mir darüber klar, dass auch dieser Vorschlag Probleme und Fallen in sich birgt. Hoffnung könnte allerdings die Tatsache machen, dass ähnliche "kleine Gruppen" im Bereich des Fernsehspiels und des Vorabends seit Jahren ganz gut funktionieren.

Eine weitere Aufgabe der kleinen Gruppe könnte sein, die Einhaltung der Termine zu kontrollieren und PR-Maßnahmen zu koordinieren. Erst dieser Tage gab es wieder einen Fall, wo trotz endloser Vorbereitungszeit und ohne jede sich ändernde Aktualität bei einer Reihe der erste Teil mit Mühe bis zur Pressekonferenz fertig war. Die Teile mussten deswegen nach dem Datum ihrer Fertigstellung und nicht nach inhaltlichen Überlegungen programmiert werden. Solche unglaublichen und verantwortungslosen Schlampereien sollten dann nicht mehr vorkommen können.

Doku/Feature am Mittwoch 22.45/23.15 Uhr Vieles von dem, was aus meiner Sicht zum Platz am Montag zu sagen ist, gilt auch für den Mittwoch: zum Beispiel das stetige Überangebot an Stücken. Wie auch immer das Sendeprofil des Montags definiert werden wird, das für den Mittwoch festzulegende wird sicher "anspruchsvoller" sein. Außerdem bin ich dafür, dass wir am Mittwoch, wegen der späten Sendezeit, die vermutlich nicht alle regelmäßig wahrnehmen können, Zwei- oder Mehrteiler ausgeschlossen werden sollten.

In Hinsicht auf den Mittwoch-Sendetermin würde ich gern an den Beschluss erinnern, dass hier in gewissem Umfang "halbaktuell" latente, gesellschaftliche Themen behandelt werden sollen. Zu diesem Zweck wird es nötig sein, neben der Dokumentation - das auch von mir lange Zeit "verpönte" - gute alte Feature wieder zu beleben. Dies könnte übrigens als Beweis angesehen werden, dass es im Fernsehen zwar nichts Neues gibt, aber sinnvoll sein kann, antizyklisch zu handeln. Dabei meine ich nicht das alte "Betroffenheitsfeature", sondern die umfassende, gut umgesetzte, einfallsreiche und praktische Diskussion etwa des Themas: "Globalisierung: Hat die Politik noch das Sagen?" oder "Gesellschaft ohne Kinder".

Das Verfahren, hinsichtlich Annahme der Stücke und Platzierung, würde ich für diesen Sendeplatz bei der bisherigen Lösung belassen.

Reportage am Mittwoch 21.45 Uhr Hier ist mit Ausnahme der Bemühungen dreier Sender, eine Presenter-Reportage zu entwickeln, Stillstand, wenn nicht Rückschritt zu beobachten, und das sehen offenbar die Zuschauer auch so. Es scheint, als würden viele Sender die Reportage wie ein illegitimes Kind der Doku-Branche behandeln und entsprechend alimentieren. Die Themen sind, obwohl wir den formalen und inhaltlichen Rahmen in der letzten Zusammenkunft der Redakteure deutlich erweitert haben, weitgehend die gleichen geblieben, die Umsetzung selten überraschend. Frischer Wind (junge Autoren sollte es doch gerade in dieser Branche genügend geben) und, auch hier in den meisten Fällen, mehr Geld pro Stück sind dringend notwendig.

Bei den Reportagen sollte es bei der Schlussredaktion durch den Koordinator bleiben.

Dies alles, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist sicher bruchstückhaft und - wie gesagt - ja auch nur eine Gesprächsgrundlage. Vieles, das hier beschrieben wurde, ist Ihnen bekannt, manche der Verbesserungsvorschläge geläufig. Wenn ich an einigen Stellen offener bin als früher, dann sicher deshalb, weil "alte Männer nichts mehr zu verlieren" haben, und weil ich wirklich glaube, dass wir uns unbedingt einen mindestens herzogschen Ruck geben müssen.

Ich bin gespannt auf Ihre Reaktionen.

Mit herzlichen Grüßen

Hartmann von der Tann