Hans-Christian Schmid im Gespräch "Das geht an die Grenze der eigenen Existenz"

Hans-Christian Schmid: "Uns war aufgefallen, dass diese Heimfahrwochenenden so kompliziert sind".

(Foto: Gerald von Foris)

Wenn die elterliche Familie an einem einzigen Heimfahrwochenende kollabiert: Hans-Christian Schmid konfrontiert in seinem aktuellen Film mit der zerstörerischen Wirkung von erst kleinen und dann großen Lügen. Ein Interview über das klassische Familienbild, den Preis der Verantwortung und die Hilflosigkeit beim Umgang mit depressiven Angehörigen.

Von Paul Katzenberger

Filmemacher Hans-Christian Schmid wuchs im oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting auf, was seinem Interesse an möglichst irdischen und lebensnahen Geschichten keinen Abbruch tat. Durchbruch feierte er 1996 mit der Komödie "Nach fünf im Urwald", für die er das Drehbuch mit Michael Gutmann geschrieben hatte. Mit ihm arbeitete Schmid auch bei "Nur für eine Nacht" (1997) und dem hochgelobten Thriller "23 - Nichts ist so wie es scheint" (1998) sowie der Adaption des Romans "Crazy" von Benjamin Lebert zusammen (2000). In dem mit fünf Deutschen Filmpreisen ausgezeichneten Psychodrama "Requiem" von 2005 kooperierte er erstmals mit Drehbuchautor Bernd Lange, mit dem er auch das Script für seinen folgenden Film "Sturm" entwickelte. Nach diesem plotgetriebenen Drama schrieb das Erfolgsduo in "Was bleibt" eine Geschichte, die durch ihre Figuren lebt. An vergangenem Freitag kam die DVD des beeindruckenden Familiendramas in den Handel.

Süddeutsche.de: Herr Schmid, Ihr letzter Film heißt schlicht "Was bleibt". Was soll uns dieser Titel sagen?

Hans-Christian Schmid: Wir haben uns beim Titel an einen Ausspruch der von Corinna Harfouch dargestellten Mutter im Film angelehnt, die sagt "Was man liebt, muss man loslassen, wenn's zurückkommt, dann bleibt's." Dass dieses "Was bleibt" als Formulierung im Film zu hören ist, fand ich gut, und dass es eine Offenheit hat und dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, aus dem Film zu gehen und sich zu überlegen: 'Was könnte das bedeuten, das 'Was bleibt"?".

Mehr nicht?

Ich find's schwer, mich da auf etwas Konkreteres festzulegen. Ich hatte immer recht offene Titel wie "Sturm" oder "Lichter". Das muss gut klingen und muss gut auf einem Plakat aussehen, und ansonsten habe ich nichts dagegen, wenn es für den Zuschauer assoziativ ist.

Immerhin deuten Sie im Film Botschaften an: Ist es richtig, aus ihm eine Kritik am klassischen Familienbild herauszulesen, also an Konstellationen, in denen der Vater arbeitet, während die Mutter Hausfrau ist? Der Film schneidet das Thema an, aber er bezieht keine eindeutige Position.

Man kann den Film so verstehen, wenn man möchte, wobei wir versucht haben, das nicht so stark in den Vordergrund zu stellen, damit es nicht so didaktisch wirkt.

Wäre die Kritik am klassischen Familienmodell stärker, wäre der Film schlüssiger. Dann stünde der Vater eindeutig als Verursacher der dargestellten psychischen Erkrankung der Mutter da. Das bleibt aber offen.

Ja, denn so einfach ist der Zusammenhang nun mal nicht. Mein Drehbuchautor Bernd Lange wollten uns mit Absicht nicht festlegen, ob die Mutter eine Depression bekommen hätte, wenn sie diese Ehe nicht eingegangen wäre.

Wieso gibt es dann diese Szene, die auf große Leere im Leben der Mutter deutet? Als sie ihrem Sohn sagt, dass man gar nicht so viel Gartenarbeit, Sport und Einkäufe machen könne, um damit einen ganzen Tag auszufüllen?

Diese Szene gibt es in der Tat, sie reicht aber nicht aus, um die Ursachen einer bipolaren Störung, um die es hier bei der Mutter geht, hinlänglich zu bestimmen. Wenn Sie mich fragen würden, würde ich wahrscheinlich sagen, dass die Mutter die Depression irgendwann so oder so bekommen hätte, während Bernd Lange auf dem Standpunkt stünde, dass das schon stark mit der Rollenaufteilung in der Familie und ihrem Mann zusammenhängt, der immer weg ist.

Der Vater entzieht sich der Familie, ist aber doch nicht der Böse?

Die Forschung geht davon aus, dass eine Depression gemischte Ursachen hat, da spielen genetische Faktoren ebenso eine Rolle wie biologische oder psychosoziale Faktoren. Mir ist jedenfalls wichtig, keine einzige Figur in dieser Konstellation zu verurteilen. Ich nehme ernst, was der Ehemann sagt, dass er es schwer hatte. Wenn man mit Angehörigen von Manisch-Depressiven spricht, bekommt man ein Bild davon, wie unglaublich schwer das auszuhalten ist. Das geht teilweise an die Grenze der eigenen Existenz.

Also sind alle auf eine Art Täter und Opfer. Machen Sie es mit dieser mangelnden Festlegung dem Zuschauer nicht schwer, ein Fazit für sich zu ziehen? In dem Film geht es auch um die fehlende Wahrhaftigkeit in dieser Familie. Doch wenn die Mutter ohnehin krank geworden wäre, dann hätte auch die größte Wahrhaftigkeit nicht geholfen.

Das dürfte so sein. Die Kausalität ist andersrum: Die Krankheit hat die Unaufrichtigkeit nach sich gezogen. Lüge hat sich in dieser Familie aufgebaut, weil man die Kranke schonen möchte - gar kein so falsches Motiv.