Schauen wir bald alle übers Handy fern? Und was sehen wir dort - Talkshows? Start-up-Unternehmer Henrik Rinnert spricht über die Zukunft des Handy-TVs und die Konkurrenz.
Das Fernsehen zum Mitnehmen beflügelte während der Fußball-WM 2006 die Phantasie bei Sendern und Industrie. Damals starteten mehrere Testprojekte. Den Ruf als Zukunftsmarkt hat sich die Technologie in Südkorea erworben, wo der Gerätehersteller LG sehr aktiv ist. Dort nutzen inzwischen 600000 Menschen mobiles Fernsehen.
Start-Up-Unternehmer Rinnert: "Damals war das Internet für die Werber auch nicht interessant." (© Foto: Medientage München)
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In Deutschland ist die Kölner Medienfirma Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD) der erste kommerzielle Anbieter einer Programmplattform für Handy-TV. Sie sendet unter der Marke Watcha seit Juni 2006 vier TV-Programme mit bundesweiter Lizenz (auf dem Technologiestandard DMB). MFD möchte Schaltstelle zwischen Mobilfunkkunden und TV-Sendern sein, derzeit sind ZDF, Pro Sieben Sat 1 und MTV dabei. Doch ob die Deutschen wirklich mit ihrem Handy fernsehen wollen, ist erst die Frage.
SZ: Bislang hat kaum jemand Handy-TV. Riskieren Sie das Schicksal einstiger New-Economy-Helden, die zu früh Geld in einen neuen Markt steckten?
Henrik Rinnert: Wir sind Pioniere und damit sicherlich vielen Internet-Firmen ähnlich. Dennoch lässt sich die Situation nicht vergleichen. Als Deutschlands erster Anbieter von Mobile-TV ist MFD solide aufgestellt. Wir sind finanziell in der Lage die gesamte Marktentwicklung bis hin zum Massenmarkt mitzugehen. Dass Mobile-TV ein Erfolg wird, ist am großen Interesse zu erkennen. Übrigens ist das mobile Fernsehen weltweit ein Thema.
SZ: Zentrales Problem ist die Unsicherheit, welche Übertragungstechnik Zukunft hat: DVB-H, das frühestens 2008 marktreif sein soll und das die EU-Kommissarin Viviane Reding will - oder DMB, das bereits läuft. Wer würde in dieser Situation schon teure Geräte kaufen?
Rinnert: Mit Sicherheit wäre es für die Kunden vorteilhaft, wenn Medienpolitik und Industrie sich bald dafür entscheiden DMB und DVB-H zusammenzubringen - in Geräten, die dem Kunden beides bieten. Technisch ist das bereits möglich. Wenn die Standards getrennt bleiben, wird sich der Markt komplett anders entwickeln.
SZ: Mit welchen Folgen?
Rinnert: DVB-H würde vor allem auf dem Handy und in den Ballungsräumen laufen, und das DMB-Netz - flächendeckend ausgebaut - der Versorgung von Geräten wie MP3-Playern und Navigationsgeräten dienen. Der Empfang über DVB-H, wie er geplant ist, ist dafür kaum geeignet. Für ihn braucht man einen Vertrag mit einer Mobilfunkfirma.
SZ: Die ARD würde das bestreiten. Vielmehr experimentiert man dort mit barrierefreiem Programm auf dem neuen Standard, das ohne Vertrag und Verschlüsselung empfangbar wäre.
Rinnert: Technisch hat die ARD sicherlich die Möglichkeiten dazu. Aber wer hätte einen Anreiz, Geräte zu bauen, die nur ARD-Programme empfangen könnten? Es ist eine gute Verhandlungsposition zu sagen, wir können auch ohne euch. Aber sinnvoller wäre es, in dem Paket dabei zu sein, für das die Ausschreibung läuft.
SZ: Und an der Sie sich beteiligen. Woran kann man dabei verdienen?
Rinnert: Wir sehen unsere Verdienstmöglichkeiten vorrangig in der Tätigkeit als technischer Dienstleister und Koordinator. Neben der Sendeabwicklung übernehmen wir dabei auch die Finanzierung des Netzaufbaus. Welche Einnahmen letztlich erzielt werden und wie diese zwischen den beteiligten Parteien verteilt werden, wird dann konkret zu klären sein. Darüber hinaus prüfen wir weitere Erlösquellen, wie etwa die Entwicklung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle im Umfeld von Mobile-TV für und mit TV-Sendern, Produktionsgesellschaften und Verlagshäusern. Interaktive Dienste sind ebenfalls ein Thema für uns.
SZ: Das zielt auch auf die Interessen der werbetreibenden Wirtschaft.
Rinnert: Richtig, auch wenn der Markt derzeit in einem frühen Entwicklungsstadium ist. Die Situation entspricht hier in etwa dem Stand beim Internet im Jahr 1993 - damals war das Internet für Werber auch noch nicht interessant. Aktuell entwickeln wir erste Sponsoringansätze und Versuchspartnerschaften für Sonderwerbeformen. In den nächsten fünf Jahren wird Werbung sicher eine der drei Umsatzquellen Handy-TV sein - neben Interaktionserlösen und den allgemeinen Zugangskosten.
SZ: Die Mobilfunkunternehmen T-Mobile, Vodafone und O2 wollen selbst eine Programmplattform aufbauen. Sind die Giganten Ihre Gegner?
Rinnert: Nein. Im Ausschreibungsverfahren für DVB-H sind wir bekanntlich Mitbewerber. Es bestehen aber keine unüberwindbaren Differenzen. Generell betrachten wir die Mobilfunkunternehmen als wichtigen Teil der Wertschöpfungskette, schließlich haben sie mitunter den direkten Zugang zu den Menschen, die Handys kaufen.
SZ: Wie wird sich Handy-TV vom klassischen Fernsehen unterscheiden?
Rinnert: Zunächst einmal wird es immer Angebote geben, die normales Fernsehprogramm einfach aufs Handy schicken. Aber es wird sehr schnell auch Inhalte geben, die extra für mobilen Empfang produziert sind. Die meisten Zuschauer nutzten Handy-TV um die Mittagszeit. Charakteristisch ist eine kurze Verweildauer - eine Minute bis neun Minuten etwa. Bei der weiteren Programmentwicklung für Mobile-TV wird es wichtig sein, dass der Programmaufbau jeden Tag gleich ist. Denn Handy begleitet einen hauptsächlich, so scheint es zumindest, am Werktag. Und Werktage sehen bei vielen Menschen identisch aus.
SZ: Welche Genres sind geeignet?
Rinnert: Nachrichten, Unterhaltung und Musik. Wichtiger als das Genre ist jedoch das Format. Die Darstellung muss schnell und direkt sein. Es ist also damit zu rechnen, dass sich im Schwerpunkt keine langen Spielfilme und keine Talkshows durchsetzen werden.
SZ: Keine Talkshows?
Rinnert: Zumindest war das eine Aussage unserer bisherigen Marktforschung. Das liegt wohl daran, dass Talkshows eher am späten Abend laufen, wenn die Handy-TV-Nutzung gering ausfällt.
SZ: Was ist mit Soaps? Sie zeigen zum Beispiel auf dem Mobil-Kanal von Pro Sieben Sat1 Verliebt in Berlin.
Rinnert: Ja, wir zeigen sie Serie sogar zur "Mobile-Prime-Time" in den Mittagsstunden. Hier ist zukünftig sicher mit der Entwicklung erfolgreicher Formate zu rechnen. In den Zeiträumen nach zehn und nach 17.30 Uhr zeigen wir fast nur so genannte made-for-mobile-Formate.
SZ: Wie kürzlich einen Handy-Krimi mit Barbara Rudnik, Mystery Message.
Rinnert: Ein auffälliges Produkt, das von der Firma M + M produziert und Professor Gerhard Blechinger von der Kunsthochschule Zürich initiiert wurde. Eine aufwändige Kombination von Fernsehen und Telekommunikationsmöglichkeiten. Wenn der Kommissar von der Einsatzstelle ein Foto des Verdächtigen auf sein Handy übertragen bekam, empfing der Zuschauer die gleiche MMS. Ein sehr spannendes Projekt. Davon könnte es mehr geben. Wir sind gespannt, ob sich solche ambitionierten Konzepte am breiten Markt durchsetzen.
SZ: Es heißt auch, ohne Erotik-Programme könne man im TV sowieso nichts verdienen.
Rinnert: Das Privatfernsehen hat entsprechende Inhalte sicherlich für seine Entwicklung genutzt. Für uns spielt es jedoch keine Rolle. Wir sind Pionier bei Mobile-TV. Das ist genug der Novitäten.
(SZ vom 10.04.2007)
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