Hand- oder Mundwerk? Gegen den Dünkel

Peter Janich: Handwerk und Mundwerk. Über das Herstellen von Wissen. Verlag C. H. Beck, München 2015. 372 Seiten, 29,95 Euro. E-Book: 24,99 Euro.

Schon in der Antike galt der Denker mehr als der Praktiker. Peter Janisch rettet nun das Handwerk.

Von Kai Spanke

Der Ausgangspunkt aktueller gesellschaftlicher Probleme liegt häufig Jahrzehnte, zuweilen Jahrhunderte in der Vergangenheit. Manchmal auch Jahrtausende. Ein Beispiel: Das Bundesinstitut für Berufsbildung prognostiziert gravierende Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Da es zu viele Studenten und zu wenige Lehrlinge gebe, könnten Millionen Stellen für nicht-akademische Fachkräfte unbesetzt bleiben. Kein Wunder, wird doch allenthalben die Notwendigkeit von Hochschulreife und Studium propagiert. Entsprechend hat sich die Abiturquote in den vergangenen fünfzehn Jahren beinahe verdoppelt.

Befeuert wird diese Entwicklung von einem alten Dünkel. Schon im antiken Griechenland spielte man mit Rückendeckung von Platon und Aristoteles den hoch angesehenen Denker gegen den subalternen Praktiker aus. Während freie Bürger tüchtig philosophierten, mussten Sklaven, Frauen und Handwerker all jene Verrichtungen besorgen, welche mit körperlicher Anstrengung verbunden waren. Für Sklaverei und gegen Frauen wird sich heute kein vernünftiger Mensch mehr äußern. Handwerker allerdings haben einen nach wie vor schweren Stand. So wird jemand mit mangelnder ästhetischer Urteilskraft als "Banause" bezeichnet; das Wort hat seinen Ursprung im altgriechischen "bánausos", was schlicht "Handwerker" heißt.

Wie konnte dieses Ressentiment entstehen? Ist es gerechtfertigt? Was ließe sich entgegnen? In "Handwerk und Mundwerk" gibt der Philosoph Peter Janich Antworten auf derartige Fragen. Zur Geringschätzung des Handwerks sei es gekommen, weil im noch jungen Abendland zur Zeit der großen Philosophen alle Aktivitäten mit einem praktischen Nutzen unter Generalverdacht standen. Dagegen galten Tätigkeiten, die ihren Wert in sich hatten, die nur um ihrer selbst willen ausgeführt wurden, als nobel. Das höchste Gut war die Erkenntnis, und der Weg dorthin führte über theoretisches Terrain. Mit dieser Überzeugung räumt Janich auf, er beklagt die fehlende Einsicht "in die Bedeutung und die Logik des Handwerks" und identifiziert als Hauptschuldigen der Misere das Mundwerk, also "die Sprache und die sprachlichen oder sprachabhängigen Kulturleistungen des Menschen".

Janich versteht sich als Vertreter des methodischen Kulturalismus, einer Philosophie, die sich gegen die Kurzschlüsse des Naturalismus richtet und davon ausgeht, dass nicht Theorien, sondern menschliche Handlungen die Grundlagen wissenschaftlicher Forschung liefern. Auf Zweckrationalität kommt es ihm an, nicht auf intellektualistische Distanz zur Welt. Der Mundwerker Janich betreibt seine Sache durchaus emphatisch. Eifrige Janich-Leser werden längst vertraut sein mit seinem Begriff von Handlungsfähigkeit, die immer in menschlichen Gemeinschaften erlernt werden muss. Sie ist nie einfach so da.

Demnach ist das Vorgehen eines Handwerkers kein zufälliges Naturgeschehen. Es ist, im Gegenteil, eine Kulturleistung, wobei Kultur verstanden wird als die "Tätigkeit des Menschen, die Natur zum Zweck seiner Bedürfnisbefriedigung handwerklich-technisch zu verändern". Wie das konkret abläuft, erläutert der beflissene Autor zigfach, etwa an der Erfindung und Weiterentwicklung des Rads, aus dem die Seilrolle, das Zahnrad sowie das Schneckengetriebe hervorgingen. Aber auch das ist bereits ein alter Janich-Hut, der so schon im Buch "Kultur und Methode" (2006) auftaucht.

Janich zelebriert einen Parforceritt durch fünf wissenschaftliche Disziplinen und zeigt, dass sie ohne das Handwerk gegenstandslos wären: Die Geometrie braucht die Herstellung räumlicher Formen an Körpern, die Physik die Fertigung von Geräten, mit denen sich experimentieren lässt, die Chemie ist auf die Behandlung von Stoffen angewiesen, die Lebenswissenschaften auf das Können von Tierzüchtern oder Medizintechnikern, die Informationswissenschaften gäbe es nicht ohne Techniken zur Datenverarbeitung oder Signalübertragung.

Problematisch wird die stets präzise Argumentation, sobald mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Im Abschnitt, der klären soll, ob Physik nun ein handwerkliches Experiment oder eine mundwerkliche Weltbildkonstruktion ist, geht es unter anderem um das Newtonsche Gravitationsgesetz, "wonach sich zwei Massen mit einer Kraft anziehen, die dem Produkt der beiden Massen proportional und dem Quadrat des Abstandes der beiden Massen (genauer ihrer Schwerpunkte mit der Unterstellung homogener Dichte) umgekehrt proportional ist". Solchen Satzungetümen muss der Leser gewachsen sein, andernfalls wird die Lektüre ein zähes Unterfangen.

Abgesehen davon sind die Ausführungen häufig von zwingender Stringenz. Es wird verständlich, wie wichtig eine Rehabilitation des Handwerks ist - nicht nur für die Debatten in geisteswissenschaftlichen Kolloquien, sondern auch für die bildungspolitische Wirklichkeit.