H. W. Henze und die NSDAP Mehr vom selben

NS-Unterlagen im Bundesarchiv machten es möglich: Erst traf es einige Germanisten, dann einige Literaten. Jetzt soll Komponist Hans Werner Henze in der NSDAP gewesen sein.

Von Franziska Augstein

Erst traf es einige Germanisten, das war 2003. NS-Unterlagen im Bundesarchiv machten es möglich. Dann traf es einige Literaten, das war 2007. Jetzt ist der weltweit berühmte Komponist Hans Werner Henze dran: Wie die Schweizer Weltwoche berichtet, soll er 1944 im Alter von siebzehn Jahren der NSDAP beigetreten sein. Henze bestreitet die Unterstellung. Er bestreitet sie, so wie schon andere Künstler und Literaten sich dagegen gewehrt haben.

Hans-Dieter Kreikamp, der zuständige Abteilungsleiter im Bundesarchiv, der sich 2007 überzeugt gab, dass die Unterlagen ausreichend aussagekräftig seien, hat sich jetzt auch wieder in diesem Sinn geäußert: Henze habe sich wahrscheinlich um die Mitgliedschaft beworben. Die meisten Aufnahmeanträge wurden im Krieg zerstört.

Dass Henzes Unterschrift sich nirgends findet, ist also noch keine Entlastung. Eine Bestätigung lässt sich daraus aber auch nicht konstruieren. Herr Kreikamp hat ein neues Argument gefunden: Henzes Name wird auf einer Liste von 500 Aufnahmescheinen geführt. Bezüglich eines anderen Mannes auf dieser Liste existiert ein Brief des Aufnahme-Amtes, das die fehlende Unterschrift des Antragstellers moniert. Ergo, so Kreikamp, werde Henze wohl unterschrieben haben.

Dies Argument ist aus drei Gründen faul: Zum einen ist es sehr wahrscheinlich, dass 1944 viele junge Männer nach Ende ihrer HJ-Zeit automatisch als Anwärter auf eine Parteimitgliedschaft gemeldet wurden und ihre persönliche Unterschrift für den Eintritt gar nicht nötig war. Zum Zweiten basiert Kreikamps Kommentar auf der bizarren Annahme, dass die NS-Bürokratie im vorletzten Kriegsjahr lückenlos korrekt funktioniert habe. Zum Dritten sollte ein historischer Fachmann wissen, dass eine Quelle unfraglich nur eines besagt: dass sie existiert.

Historiker und Archivare, die ihre Arbeit als Wissenschaft und nicht als Meinungsäußerungsbühne begreifen, sollten hinter ihre eigenen Standards nicht zurückfallen. Hans Werner Henze hat es nicht verdient, dass sein lebenslanges "Eintreten in Wort und Ton für Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit" (so Malte Herwig in der Weltwoche) wegen einer unbewiesenen Behauptung zu einer Bußübung degradiert wird.